Triathleten sitzen anders

Nicht nur das Rad eines Triathleten unterscheidet sich von dem eines Rennradfahrers. Auch der Sattel. Das muss er, denn Dreikämpfer sitzen anders.

Von > | 18. August 2015

Umbau Rennrad Triathlonsattel | Ein Triathlonsattel beugt Sitzproblemen in der Aerohaltung vor.

Ein Triathlonsattel beugt Sitzproblemen in der Aerohaltung vor.

Foto >Carola Felchner

Die Sitzposition auf dem Triathlonrad ist oder sollte aerodynamisch günstig sein. Denn genau genommen ist die zweite Disziplin ein mehr oder weniger langes Einzelzeitfahren – nach dem der Athlet noch möglichst flott, oder zumindest überhaupt, laufen können muss. Die zeitfahrtypische, stark gebeugte Haltung mit vorrotiertem Becken birgt allerdings einige Schwierigkeiten. Denn ist das Rad nicht professionell eingestellt, kann die Beckenneigung die Hüftmuskulatur in eine Streckung zwingen, zu der sie vielleicht gar nicht in der Lage ist. Das wird ziemlich schnell ungemütlich bis schmerzhaft. Sitzt der Athlet zu tief oder zu gestreckt, kann sich die Nacken- und Schultermuskulatur verspannen. Und ist der Sattel zu hoch, zu tief, zu weit vorn oder hinten montiert, kann er Druckschmerz entstehen und Vortriebsenergie verpuffen lassen. Ganz abgesehen davon, dass sich eine so malträtierte Muskulatur im Laufen nicht mehr gern bewegt.

Wer Leistung will, muss vor

Welche Sattelposition optimal und welcher daraus resultierende Hüftwinkel für Triathleten der Beste ist, darüber gibt es zahlreiche Studien. So testete beispielsweise das Freiburger Institut Radlabor im Jahr 2011 vier verschiedene Einstellungen, ausgehend von der Rennradhaltung bis zu einer Sattelposition zwölf Zentimeter vor der Ausgangsmontage. Das Ergebnis: Je weiter man den Sattel nach vorn schob, desto effektiver und vortriebswirksamer konnten die Pedalkräfte eingesetzt werden, was die Experten auf den größeren Hüftwinkel zurückführten, durch den der Triathlet seine Oberschenkelmuskulatur gezielter einsetzen könne. Es lohnt sich also, den Sattel nicht einfach mittig in die Sattelstütze zu klemmen, sondern verschiedene Positionen auszuprobieren. Doch nicht nur die Materialzusammensetzung und Montage hat Einfluss auf Leistung und Komfort, sondern auch der Athlet selbst: Je nachdem, wie flexibel seine Muskulatur und wie gemäßigt oder aggressiv seine Haltung auf dem Rad ist, kann ein Sattel für den einen bequem sein, der einem anderen schon nach wenigen Minuten die Schmerzesröte ins Gesicht treibt.

Was tun bei Sitzproblemen?
  • Können Sie den Sattel nicht austauschen (z. B. im Trainingscamp), ziehen Sie zwei Radhosen übereinander, um nicht „festgetackert“ zu sitzen, und stellen Sie den Sattel einen halben Zentimeter tiefer.
  • Versuchen Sie, aufrechter zu fahren, indem Sie den Oberlenker greifen.
  • Verwenden Sie hochwertige Sitzcreme, die die Haut geschmeidig macht, ohne die Poren zu verstopfen.
  • Entlasten Sie häufiger den Dammbereich, indem Sie in den Wiegetritt gehen.
  • Rutschen Sie bewusst im Sattel nach hinten, um an einer breiteren Stelle zu sitzen.
  • Neigen Sie den Sattel minimal nach vorn-unten.

Aufrecht ist nasenfreundlich

Tendenziell lässt sich aber sagen: je aufrechter die Haltung, desto geringer der Maximaldruck auf den Schambeinbereich. Optisch und zunächst auch sitztechnisch gewöhnungsbedürftig sind Stummelsättel mit gespaltener Nase. Da die beiden Einzelteile aber beim Treten etwas nachgeben können, fühlten sie sich im Labortest am komfortabelsten an, was den Druck im Schambereich betrifft. Da selbiger gleich Kraft mal Fläche ist, kommt es auch auf die Länge der Hauptbelastungszone an, also den Bereich, der genutzt wird, wenn der Athlet auf dem Sattel sitzt. Durch die vorrotierte Position im Triathlon wird, im Gegensatz zur Haltung auf dem Rennrad, der vergleichsweise breite Bereich der Sitzhöcker kaum belastet, während auf dem kleinen, empfindlichen Damm die meiste Last ruht. Ein breiter Nasenbereich bedeutet bei einem Sattel aber trotzdem nicht automatisch, dass er bequem ist. Sobald sich irgendwo eine Druckspitze bildet, werden Sie Ihre Sitzunterlage als unbequem bis folternd empfinden – egal, wie gut die Last ansonsten verteilt liegt.

Ungewollter Hochsitz

Experimentieren Sie bei der Sattelwahl und -montage auch mit Klemmung, Neigung und Abstand zum Lenker. Denn all diese Komponenten haben ebenfalls Einfluss auf das Komfortgefühl. So beeinflusst die Position der Klemmung beispielsweise das Federverhalten der Sattelrails; eine nach unten zeigende Nase kann den Athleten stärker nach vorn rutschen lassen, und bei einem kurzen Sattel, der zu weit hinten montiert wird, reduziert sich die Sitzfläche: Es kann zu Druckspitzen kommen. Messen Sie, bevor Sie einen neuen Sattel montieren, in jedem Fall zuerst nach, wie hoch Sie mit dem alten Modell gesessen haben, und stellen Sie sie mit dem neuen Sattel wieder entsprechend ein. Denn nicht jede Sitzgelegenheit baut gleich hoch, sodass sich die Sitzhöhe verändern kann, obwohl Sie an der Sattelstütze nichts geändert haben. Und: Wenn Sie Ihr Rennrad mit Aufsatz und Triathlonsattel auf aero trimmen möchten, sollten Sie gegebenenfalls einen kürzeren Vorbau und eine nach vorn geneigte (gekröpfte) Sattelstütze in Erwägung ziehen, um es nicht zur Streckbank werden zu lassen.