Alles im Fluss: Leistungsdiagnostik im Test

Ein Stufentest ohne Laktat - kann das funktionieren? Wir haben die Leistungsdiagnostik nach dem STAPS-Konzept ausprobiert und kamen um das Pieksen am Ende doch nicht herum.

Von > | 2. April 2015

Leistungsdiagnostik bei STAPS

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Heute soll ich das Doppel-Au machen und ich kann mich nicht entscheiden, vor welchem der beidem Programmpunkte meiner Leistungsdiagnostik ich mehr Respekt haben muss: Zunächst geht es in einem Maximaltest darum, meine anaeroben Kapazitäten zu ermitteln. Im zweiten Test fahre ich dann eine steile Rampe hinauf, um zu erfahren, ab welchem Belastungsgrad mein aerober Stoffwechsel nicht mehr mitkommt. Der Kölner Anbieter STAPS bietet als Besonderheit seines Konzepts die Unterscheidung zwischen beiden Arten der Energiebereitstellung an und ich bin gespannt, wie die Verteilung bei einem mittelmäßig trainieren Athleten wie mir aussieht.

Rollenhasser am Anschlag

Doch erst einmal heißt es warmfahren. Im Hinterzimmer eines Hamburger Edel-Radladens beginne ich damit, mich mit dem Ergometer anzufreunden. Die angestrebte Trittfrequenz von um die 90 Umdrehungen pro Minute ist zugegebenermaßen etwas aktiver als mein Wohlfühlbereich und zwölf Minuten kommen mir als bekennendem Rollentrainingshasser wie eine halbe Ewigkeit vor. Doch dann wird es ernst, es geht ans Eingemachte: Nur 15 Sekunden lang soll der erste Test dauern. 15 Sekunden am Anschlag. Ein Klacks. Dachte ich.

Der STAPS-Sportwissenschaftler Björn Geesmann und sein Assistent machen eine einfache Ansage: 15 Sekunden alles, was geht. Maximale Leistung, maximales Laktat. Gedrosselt ist nur die maximale Trittfrequenz: Bei 130 Umdrehungen in der Minute macht die Maschine "dicht", so wie es sich anfühlt. Die Leistungsspitze ist schnell erreicht: 1.071 Watt hole ich aus meinen mittelmäßig trainierten Beinen in der Spitze heraus, im Schnitt schaffe ich fast 900. Das maximale Laktat durchströmt erst langsam meinen Körper, zu seiner Bestimmung werden mir nun im Minutenabstand Blutstropfen aus dem Ohrläppchen entnommen. Ich hätte nie gedacht, dass 15 Sekunden Sport so erschöpfend sein kommen. Nur langsam beruhigen sich Puls und Atmung, aber: Teil 1 ist geschafft.

Leistungsdiagnostik bei STAPS | Am Anschlag: 15 Sekunden gegen die Wand.

Am Anschlag: 15 Sekunden gegen die Wand.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Die Pustekuchen-Pause

Pause? Pustekuchen. Denn nach den physischen folgen die psychischen Qualen. Das Foltergerät nennt sich Caliper, ist eine Zange und dient der Hautfaltendickenmessung. Schon beim Ansetzen merke ich: Hier schlummern noch Leistungsreserven. An unzähligen Stellen meines Körpers kneift die Zange mit definiertem Druck zu, aus den Zahlenkolonnen wird später mein Körperfettanteil errechnet. 18 Prozent - da geht noch was. Meinen auch die Leute von STAPS. Doch ich bin ja hier, um Sport zu machen: Eine halbe Stunde nach dem Maximaltest folgt der Rampentest. Das Laktat hat hier ausgedient, ich werde für die Messung von Herzfrequenz und Atemgasen vorbereitet: Pulsgurt und Gesichtsmaske werden mich auf meinem Weg zum Gipfel begleiten.

Der Weg ist steil: Bei 100 Watt beginnt meine Fahrt auf dem Ergometer, 25 kommen alle 30 Sekunden hinzu. Bei 300 Watt wird die Luft dünn, bei 350 übersteigt meine Lautstärke die des Geräts, bei 400 nehme ich die Euphorie, es bis hierhin geschafft zu haben, mit " um bei 450 die Segel zu streichen. Aus, Ende, vorbei. Den Rest der Arbeit überlasse ich dem Computer. Und Björn Geesmann, der mir die Besonderheiten des Testverfahrens erläutert: Man müsse sich die Energiebereitstellung wie zwei Förderbänder vorstellen, ein aerobes und ein anaerobes. Das optimale Verhältnis zwischen beiden bedinge eine gute Leistungsfähigkeit im Sport. Die physiologischen Hintergründe sind für mich nichts Neues, aber die anschauliche Erklärung bewirkt auch bei mir den einen oder anderen Aha-Effekt. Wie ich meine Performance verbessern könnte, offenbart die Spinne " eine Grafik, auf der in verschiedene Richtungen die Komponenten der Leistungsfähigkeit aufgetragen sind. Sie zeigt mir klar: Im Körperfettanteil liegen nicht nur die größten Energie-, sondern in seinem Abbau auch meine größten Leistungsreserven. Laktatproduktion und -abbau sind okay, aber meine maximale Sauerstoffaufnahme könnte ich verbessern. Das funktioniert nicht mit langen, ausdauernden Fahrten, sondern mit kurzen und knackigen. Und ich dachte, der anstrengendste Teil sei geschafft.

So funktioniert STAPS

Die sogenannte STAPS-Methode ist ein Verfahren zur Leistungsdiagnose, das auf der Erkenntnis beruht, dass der Laktatstufentest keine ausreichend genauen Ergebnisse zum aktuellen Leistungsstand des Athleten liefern kann. Sportwissenschaftler Sebastian Weber und sein Forscherteam haben deshalb eine "Systemtheoretische Analyse der sportlichen Leistung" entwickelt und vor knapp zehn Jahren zunächst im Radsport auf den Markt gebracht. Sie wandelten ein Modell von Prof. Alois Mader mathematisch um, das das Verhalten der Muskulatur bei sportlicher Belastung beschreibt. Weber machte das Ganze praxistauglich, entwarf passende Testverfahren und nannte es STAPS. Das Prinzip: Mittels eines 15-Sekunden langen Sprinttests wird zunächst die maximale Laktatbildungsrate in der Muskulatur ermittelt. 30 Minuten später folgt ein Rampentest, bei dem die Belastung alle 30 Sekunden um 25 Watt erhöht wird. Alle ermittelten Werte werden in einer Grafik, der sogenannten Spinne, aufgetragen. Ein Computer wertet die Daten aus. Die Ergebnisse sollen genauere Vorgaben für die erforderlichen Trainingseinheiten liefern als andere Leistungstest-Verfahren.