Eisenarme Eisenmänner

Wenn vielversprechenden Trainingslagern kraftlose Wettkämpfe folgen, kann oft erst eine Blutuntersuchung die Ursache entlarven: Blutarmut, Anämie. Rote Blutkörperchen, die Erythrozyten, führen nämlich ein strapaziöses Leben. Wir liefern die Hintergründe.

Von > | 23. Oktober 2015 | Aus: TRAINING

Bike Berg | Unter Belastung gerät das ganze System Mensch aus dem Gleichgewicht.

Unter Belastung gerät das ganze System Mensch aus dem Gleichgewicht.

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Eisenarme Eisenmänner

Mindestens dreimal pro Minute rasen die acht Millionstel Meter kleinen, tellerförmigen Erythrozyten durch die rechte Herzkammer und quetschen sich anschließend durch engste Lungenkapillaren. Blitzschnell mit Sauerstoff beladen und mit dem Druck des linken Herzmuskels im Rücken führt der Weg dann an den hartknorpeligen Herzklappen vorbei zum Endverbraucher – zu Muskeln, Hirn, Bindegewebe, Knochen, Haut oder inneren Organen.

Nachwuchssorgen

Dort dauert die Übergabe des Sauerstoff und die Beladung mit Kohlendioxid wiederum weniger als eine halbe Sekunde. In den knapp vier Monaten kommen so Hunderte von Kilometern und ein hunderttausendfacher Gasaustausch zusammen. Erythrozyten, die diesem aufreibenden Job nicht mehr gewachsen sind, werden von Milz oder Leber vorzeitig ausgemustert und zerlegt. Um ausreichenden Nachwuchs kümmert sich das Knochenmark – hoffentlich.

Ohne EPO geht es nicht

Schon im Normalbetrieb entstehen rund 2,4 Millionen neue Erythrozyten pro Sekunde, grob gerechnet 500 Billionen oder etwa 500 Kilogramm in einem Menschenleben. Die Neubildung kann in Zeiten erhöhten Bedarfs bis auf das Zehnfache steigen. Kurzfristig, denn der wichtigste Bestandteil der roten Blutzellen, das Hämoglobin kann nicht beliebig schnell zusammengesetzt werden.

Hämoglobin besteht in erster Linie aus Eiweiß und Eisen. Seine starke Neigung zur Oxidation (wie beim „Rosten“) macht es zum idealen Sauerstofftransporter. Sein Gehalt im Erythrozyten und die Gesamtzahl derselben sind so leistungsbestimmende Faktoren.

Die Blutkörperchen-Neubildung wird maßgeblich durch ein natürliches Hormon gesteuert, das Erythropoetin (EPO). Es wird fast ausschließlich in den Nieren gebildet, abhängig vom Sauerstoffgehalt des Blutes. Sinkt der, steigt der natürliche EPO-Spiegel an und das Knochenmark beschleunigt die Blutbildung. Das Höhentraining macht sich diesen feinabgestimmten, natürlichen Regulationskreis zu Nutze, künstliches EPO-Doping überspringt ihn in gefährlicher Weise.

Zu geringe Zufuhr und steigende Verluste

Doch alle Stimulation des Knochenmarks kann nicht zum Erfolg – der Erhöhung der Blutzellzahl – führen, wenn die Bausubstanzen der Blutbildung fehlen oder die neugebildeten Zellen irgendwo verschwinden. Durch vegetarische Ernährung oder forcierte Gewichtsreduktionsdiät kann ein Eisenmangel entstehen.

Eisenverluste sind vor allem verursacht durch die Menstruation bei Sportlerinnen, durch vermehrtes Schwitzen, durch mechanische Blutzellzerstörung in den Fußsohlen beim Laufen und durch stress- oder medikamentenbedingte (z. B. Aspirin, Diclofenac, Ibuprofen) Mikroblutungen im Magen-Darmtrakt. Folsäure- und Vitamin B12-Mangel sind Ursachen für die bei Sportlern seltene Synthesestörung des Hämoglobins. Schwere Virusinfekte senken die Zahl der roten Blutkörperchen oft erheblich.