Schadet Sport dem Kind?

Viele Frauen wollen auch in der Schwangerschaft nicht aufs Schwimmen, Radfahren und Laufen verzichten. Doch bekommt der Sport dem Kind? Die wissenschaftliche Einschätzung aus der Sicht des ungeborenen Trainingspartners.

Von > | 5. März 2015 | Aus: TRAINING

Laufschuhe schnüren | Laufschuhe schnüren

Laufschuhe schnüren

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Mensch Mama, jetzt wohne ich schon seit fast fünf Monaten hier - und du kannst es immer noch nicht lassen! Sonntag die Radausfahrt, gestern Schwimmtraining und jetzt schnürst du, wenn ich das richtig bemerkt habe, schon wieder die Laufschuhe! Ich gebe zu, du bist die durchtrainierteste, schlankste und bestaussehendste Mama aus dem Geburtsvorbereitungskurs. Aber bist du sicher, dass das ganze Rumgeschaukel noch gut für mich ist? Nicht, dass es mir keinen Spaß macht - wenn es dir gut geht, fühle ich mich eigentlich auch wohl. Aber wenn du gleich wieder zweimal um den See läufst, muss ich dich wohl zur Vernunft bringen. Mal sehen, was Dr. Wilhelm Steinmann morgen dazu sagt, dass du die ganze Nacht nicht schlafen konntest, weil ich dich getreten habe.

Schmerzen erträglicher?

Okay, ich gebe zu, ich habe etwas überreagiert. Die Vermutung hatte ich schon im Wartezimmer, als du in einer einzigen Zeitschrift gleich drei Artikel gefunden hast, in denen stand, dass Sport in der Schwangerschaft gut ist. Vor allem der erste hat dich schwer beeindruckt, kein Wunder: Da stand, dass Mütter, sich während der Schwangerschaft sportlich betätigen, bei der Geburt die Schmerzen besser ertragen können. Durch regelmäßige Bewegung würden im Blut so Botenstoffe, Beta-Endorphine haben sie die genannt, ausgeschüttet, die Wohlbefinden vermitteln und die Wahrnehmung von Schmerzen dämpfen. Als geeignete Sportarten wurden Schwimmen, Radfahren und Laufen empfohlen - wie praktisch! Eine Meldung hast du allerdings nur überflogen - hah! Wissenschaftler der Syddansk-Universität vermuten, dass Sport während der Schwangerschaft das Risiko einer Fehlgeburt erhöht. 90.000 Frauen hatten sie befragt und heraus kam, dass das Risiko einer Fehlgeburt zu Beginn der Schwangerschaft bei mehr als sieben Stunden Sport pro Woche dreieinhalb Mal höher ist. Hm, Sonntag drei Stunden, gestern eineinhalb, heute ... - oh, je! Aber gut, über den Beginn sind wir wohl längst hinaus, wenn ich uns so anschaue. Spätestens nach der 18. Woche soll der Zusammenhang zwischen Sportausübung und Fehlgeburtsrisiko auch verschwinden, meinen die Forscher.

Du hast dich ohnehin eher für eine andere Überschrift interessiert: »Auch das Ungeborene profitiert«, hieß die. Diesmal ging es um Sport im zweiten Drittel der Schwangerschaft, genau unsere Zeit also. Amerikanische Forscher haben in 4-Wochen-Abständen per Magnetkardiographie oder wie das hieß die Herzfrequenz von zehn werdenden Müttern und deren Ungeborenen aufgezeichnet. Auch die Körper- und Mundbewegungen der Kinder sind während dieser Zeit beobachtet worden (hat man eigentlich nirgendwo seine Ruhe?). Die Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft regelmäßig ein moderates Ausdauertraining absolvierten, hatten jedenfalls schon im Mutterleib deutlich niedrigere Herzfrequenzen als diejenigen, deren Mütter kaum aktiv waren. Linda May, die Leiterin der Studie, die im Fachmagazin »American Physiological Society« veröffentlicht worden ist, hat deshalb gesagt: »Werdende Mütter, die Sport treiben, tun nicht nur ihrem eigenen Herzen Gutes, sondern genauso auch dem ihres ungeborenen Kindes.« Wahrscheinlich hast du mich nach dem Umblättern auch schon als zwölfjährigen Olympiateilnehmer auf dem Siegerpodest gesehen: Auf der nächsten Seite stand, dass Kinder, die schon im Mutterleib auf Spaziergänge und ins Schwimmbad mitgenommen werden, zwölf Jahre später mehr Sport treiben als Gleichaltrige, deren Mütter sich während der Schwangerschaft wenig bewegt hatten. Doch wieso haben die britischen Wissenschaftler dafür 5.000 Eltern befragen müssen? Ich ahne doch schon seit Wochen, dass mir mit dir als Erziehungsberechtigte später gar nichts anderes übrig bleibt, als eine Sportskanone zu werden!

Sit-ups verboten

Naja, Dr. Steinmann hat jedenfalls später gesagt, dass es keinen Grund zur Sorge gibt; bei einer normal verlaufenden Schwangerschaft sei gegen Sport nichts einzuwenden. Bis zur 30. Woche könntest du noch Rad fahren oder laufen, Schwimmtraining sei mit moderaten Intensitäten sogar bis zur Geburt möglich. Anstelle eines beschwerlichen Lauftraining solltest Du zum Schluss aber besser Walken. Wegen der Erschütterungen, die vorzeitige Wehen auslösen könnten - und das wollen wir ja beide nicht, oder?! Neue Bestleistungen solltest du ohnehin nicht erwarten und auch gar nicht versuchen aufzustellen: Schon zu Beginn der Schwangerschaft kommt es zu Veränderungen, die die sportliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Zum Beispiel zur Steigerung der Herzfrequenz, einem labileren Blutdruckverhalten, erhöhtem Sauerstoffbedarf, zur Auflockerung des Bindegewebes, einer erschwerten Thermoregulation oder der Gefahr einer plötzlichen Unterzuckerung. Von deiner nicht zu übersehenden Gewichtszunahme ganz zu schweigen. Schwangere sollten daher die Intensität zurücknehmen, auf eine ausreichende Kohlenhydratzufuhr achten, viel trinken und hohe Körpertemperaturen vermeiden. Auch auf ruckhafte Bewegungen, Bauchmuskeltraining und Übungen in Bauch- oder Rückenlage solltest Du verzichten. Beachte auch, dass die Diagnostik von Verletzungen, also Röntgen, Operationen und Narkosen, in der Schwangerschaft Gefahren bergen.

Als wir nach dem Arztbesuch nach Hause kamen, ist mir auch noch Papa in den Rücken gefallen. Er hatte im Internet gesurft und auf der Seite des Bundes deutscher Hebammen e. V. einen Flyer gefunden. Darin steht, dass Sport in der Schwangerschaft die »körperliche, mentale und emotionale Belastbarkeit steigert«. Findet Papa super. Dir kam eher das Argument entgegen, dass »schwangerschaftstypische Begleiterscheinungen wie Rückenprobleme, Krampfadern, Schwangerschaftsdiabetes und Wassereinlagerungen gelindert oder sogar vermieden« werden können. Auch der Deutsche Sportärztebund empfiehlt werdenden Müttern, den Sport auf keinen Fall einzustellen, sondern weiterzuführen und der Schwangerschaft entsprechend anzupassen. Ihn also zum Beispiel so auszuüben, dass das Sturz- und Verletzungsrisiko möglichst klein ist. Sollte es im Zusammenhang mit dem Sport zu Blutungen, Wehen, Atemnot, Unwohlsein mit Augenflimmern und Kopfschmerzen kommen, ist der Sport aber sofort abzubrechen und ein Arzt aufzusuchen.

Wenn die Entbindung gut verlaufen ist, darfst du acht Wochen später wieder mit allen drei Sportarten beginnen, hat Dr. Steinmann gesagt. Dann sei die Rückbildung abgeschlossen. Da der Beckenboden aber noch mehrere Monate lang labil sein kann, solltest du mit dem Laufen aber noch vorsichtig sein und die Übungen aus dem Rückbildungskurs so lange zu Hause weitermachen, bis ich ein halbes Jahr alt bin. Wie nach jeder Trainingspause musst du dich dann langsam an die gewohnten Umfänge herantasten und in deinen Körper hineinhorchen. Vor allem deine Sehnen, Bänder und Muskeln brauchen nach einer Schwangerschaft viel Zeit, um sich wieder an Belastungen zu gewöhnen. Das hat Papa in einer Veröffentlichung von Lore Reinhardt beim Deutschen Sportärztebund gelesen.

Epilog

Mama? Das Laufen heute mit dir am See - also ich im Babyjogger und du in deinen Laufschuhen - hat mir richtig viel Spaß gemacht! Drehen wir beim nächsten Mal zwei Runden?