"So wenig Schaden wie möglich"

Auch wenn Dr. Matthias Marquardts Kritik an der Laufschuh-Industrie heute weniger lautstark erscheint – seine Forderung nach der Rückkehr zum natürlichen Laufen bleibt bestehen. Der Arzt und Laufexperte über die Suche nach der besten Technik und dem idealen Schuh.

Von > | 16. März 2011 | Aus: TRAINING

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Läuferbeine

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Herr Dr. Marquardt, beliebte Laufschuh-Modelle Anfang der 90er-Jahre waren groß, schwer und bequem wie amerikanische Straßenkreuzer. Wie sieht Ihr Traumschuh heute aus?
Er ist wohl fast das Gegenteil: schlank, flach, leicht und mit gutem Fahrbahnkontakt, um im Bild zu bleiben. Natürlich ist damit nicht gemeint, dass man jeden Stein durch die Sohle fühlen soll – Laufen soll ja nicht weh tun. Der moderne Laufschuh sollte die ihm ursprünglich zugedachte Funktion, nämlich den Fuß mechanisch und thermisch zu schützen, wahrnehmen. Er sollte auch ein gewisses Maß an Dämpfung leisten, denn unser Bewegungsapparat ist nicht für das Laufen auf befestigten Wegen oder Asphalt gemacht. Aber er muss flacher und schmaler sein als viele Modelle auch heute noch sind, damit die Hebelkräfte, die beim Aufsetzen und Abrollen des Fußes entstehen, reduziert werden. Nur so lässt sich die Gefahr mechanischer Überbeanspruchung wirksam verringern.

Eigentlich fühlten sich die Hightech-Schuhe vergangener Jahre doch ganz komfortabel an. Haben wir das Gefühl für die natürlichste aller Fortbewegungsarten verloren?
So schnell, wie sich unsere Tragegewohnheiten verändert haben, konnte sich unser Bewegungsapparat gar nicht anpassen. Schließlich kleben ja die hohen Absätze nicht seit Tausenden von Jahren unter unseren Füßen, sondern stammen aus den letzten paar Jahrhunderten und haben einen ganz praktischen Ursprung: Wer schon einmal geritten ist, weiß, dass der Absatz dort wichtig ist, weil der Fuß sonst ständig aus dem Steigbügel herausrutschen würde. Pferde haben den Alltag der Menschen damals geprägt, der Absatz war also weit verbreitet. Und hatte ein paar angenehme Neben­effekte: Ihr Träger wirkte größer, seine Beine länger, Gesäß und Brust wurden durch das leicht nach vorn kippende Becken betont. Damit wurde der Absatz für die Mode interessant, er prägt sie ja bis heute. Als dann vor einigen Jahrzehnten die ersten speziellen Laufschuhe für den breiten Markt entwickelt wurden, machte man den hohen Fersenaufbau weicher und nutzte ihn zur Dämpfung, was sich tatsächlich komfortabel anfühlt, aber auch unseren Laufstil vom Mittelfuß- zum Fersenläufer verändert hat.

Wird der Fuß dadurch anders belastet?
Ja, je höher der Absatz ist, desto mehr Gewicht lastet auf dem Vorfuß, der dafür eigentlich nicht gemacht ist. Das kann vor allem bei Menschen, die ohnehin zum Spreizfuß neigen, die Probleme verstärken.

Sie haben in den späten 90er-Jahren als einer der ersten und sehr plakativ den Verzicht auf aufwendige Dämpfungs- und Stütztechnologien gefordert. Hat sich das Bewusstsein in der Schuhindustrie und bei den Läufern seitdem verändert?
Manchmal sitze ich schon da und denke: Was da heute in der Schuhentwicklung passiert, habe ich doch schon vor zehn Jahren gesagt... Damals wollte das keiner hören. Doch, ich denke, es gibt schon eine Bewusstseinsänderung. Die natürliche Bewegung ist wieder ein bisschen in Mode gekommen und wurde vor allem durch die Schuhe der Free-Modellreihe der Firma Nike befördert. Durch sie wurde das Thema für eine breite Zielgruppe und auch für die Forschung interessant, die weiter nach Möglichkeiten sucht, wie sich Überlastungen und Verletzungen durchs Laufen vermeiden lassen. Nachdem die ganzen anderen biomechanischen Schuhkonzepte – retrospektiv betrachtet – gescheitert sind, liegen heute große Hoffnungen auf der Unterstützung eines natürlichen, aktiven Laufstils.

Sind Sie also mit der Entwicklung zufrieden?
Nein, noch lange nicht. Die Schuhindus­trie hat zwar vereinzelt reagiert, aber immer noch gibt es von vielen marktbestimmenden Herstellern keine mit dem Free-Modell von Nike vergleichbaren Konzepte für einen Barfuß-Schuh. Das finde ich schon erstaunlich! Stattdessen wurden Flops desselben Herstellers wie das Modell Shox, das nach einem Jahr ins Fashion-Segment degradiert wurde, nachgebaut. Es gibt zwar einen allgemeinen Trend zu einer Verringerung der Absatzüberhöhung, aber längst nicht flächendeckend, wie man das eigentlich erwarten sollte.

Wie wollen Sie der Industrie den Verzicht auf technische Gimmicks am Laufschuh schmackhaft machen?
Das ist ein unglaublich zäher Prozess. Die Käufer erwarten für ihr Geld ja etwas Besonderes. Ein technisch aufwendiges und innovativ daherkommendes Modell reizt mehr zum Kauf als der minimalistische ­Gesundheitsschuh. Und die Industrie bemüht sich, dieses Bedürfnis zu bedienen.

Eine Anfang 2010 veröffentlichte Studie amerikanischer Wissenschaftler hat gezeigt, dass Absatzhöhe und -breite handelsüblicher Laufschuhe in Knie- und Hüftgelenken größere Drehmomente erzeugen können als das Barfußlaufen – mit dem Risiko eines vorzeitigen Gelenkverschleißes. Solche Aussagen müssen die Sportler doch verunsichern.
Die Zuspitzung und Reduzierung auf die Aussage „Laufschuhe sind schlecht“, mit der viele Medien die Studie zitiert haben, hat natürlich für Aufsehen gesorgt. Doch was in den Untersuchungsergebnissen steckt, wusste schon der alte Archimedes: Dass nämlich mit der Verlängerung des Hebels die Kraft zunimmt, die der Läufer beim Aufsetzen und Abrollen des Fußes in seinen Gelenken erzeugt. Nur lässt sich ein gewisser Hebel gar nicht vermeiden, denn dass der Schuh breiter sein muss als der Fuß, liegt ja in der Natur der Sache, sonst passte man nicht rein. Wenn wir das nicht akzeptieren, müssen wir barfuß in den Wald zurück.

Die Rückbesinnung aufs Barfußlaufen haben Sie selbst einst gefordert.
Das war natürlich eine Zuspitzung. In der Praxis kann das Barfußlaufen nur eine Ergänzung zum normalen Training sein, im Trainingslager am Strand oder zum Abschluss auf dem Rasen des Sportplatzes. Die Grundidee ist aber richtig und sie wird wegen ihrer biomechanischen Vorteile bis heute immer wieder aufgegriffen: Ein aktiver Laufstil mit dem Vorfuß kann die körpereigenen Dämpfungssysteme nutzen, Stoßkräfte abfedern und den Rückfuß stabilisieren.

Viele Sportler hatten mit der Umstellung Probleme. Sie braucht Zeit und stellt besonders hohe Anforderungen an die Wadenmuskulatur und ihren Sehnenapparat. Ist diese Technik für jedermann geeignet?
Auch ich betrachte das nach zehn Jahren kritischer und unterrichte in meinen Seminaren und Laufschulungen heute ausschließlich einen Mittelfußlauf, der den Sportlern ein bisschen mehr Wandlungsfähigkeit gibt. Sie können so die positiven biomechanischen Effekte des aktiven Laufstils nutzen, bei dem sie das fußeigene Dämpfungssystem einsetzen, die Wadenmuskulatur vorspannen und damit Überbeweglichkeiten wie eine Überpronation verringern. Andererseits können sie ihr Körpergewicht durch den fersennäheren Aufsetzpunkt teilweise über den Fuß abfangen und nicht ausschließlich über die Muskulatur. Das führt vor allem auf längeren Strecken zu einer Entlastung. Aus meiner Sicht ist das der ideale Mittelweg.

Wie lange dauert es, diese Technik zu erlernen?
Da gibt es natürlich individuelle Unterschiede, aber der Aufwand ist deutlich geringer als für das Erlernen der Vorfußtechnik. Im Idealfall kann der Sportler das in den Trainingsprozess integrieren. Die technische Anleitung wird dabei unterstützt durch regelmäßiges Lauf-Abc, die Wahl flacherer Schuhe, die den Mittelfuß ganz automatisch aktivieren, sowie ein Barfuß-Auslaufen am Ende des Trainings. Im Schnitt dauert es drei bis sechs Monate, bis sich die positiven Effekte zu einer relativ stabilen und belastbaren neuen Lauftechnik addieren.

Wer also jetzt damit beginnt, kann seinen Herbstmarathon schon in der neuen Mittelfußtechnik durchlaufen?
Das halte ich durchaus für realistisch, wenn man die Technik korrekt erlernt und mit dem richtigen Schuh fleißig trainiert.

Und wie findet man diesen richtigen Laufschuh?
An seinen Laufschuh stellt der Sportler heute größte Ansprüche. Der Schuh soll alle Probleme lösen: Mein Knie tut weh? Dann muss eine bessere Dämpfung her. Schienbeinkanten-Syndrom? Die Pronationsstützen werdens richten. Ich bin zu langsam? Da gibt es doch spezielle Sohlensysteme. Solche und ähnliche Erwartungen höre ich immer wieder. Meine Antwort: Der Schuh kann euch niemals besser machen, als ihr barfuß seid. Er bedeutet zusätzliches Gewicht, schränkt die Beweglichkeit ein – und kann eben nicht vor Überlastung und Verletzungen schützen, weil er sämtliche Hebelkräfte vergrößert. Richtigerweise muss die Erwartung an einen Schuh deshalb lauten: Er soll so wenig Schaden anrichten wie möglich. Ich weiß, das hört sich nicht sehr charmant an, ist aber rein sachlich die richtige Aussage. Deshalb kommt der Schuhauswahl eine besonders große Bedeutung zu.

Was sind dabei die wichtigsten Fragen?
An erster Stelle steht die korrekte Bestimmung des Stützbedarfs: Bin ich Pronierer oder Supinierer? Brauche ich eine Stütze auf der Innen- oder der Außenseite? Wie viel Stabilität benötige ich? Diese Fragen sind sehr wichtig, denn eine Korrektur in die falsche Richtung würde die Situ­ation wesentlich verschlechtern. Und dafür reicht es nicht aus, sich allein das Fußgewölbe im Stand anzuschauen. Auch Menschen mit einem schwachen, nach innen einsinkenden Gewölbe können ja O-Beine haben und werden beim Laufen über die Fußaußenkante schieben. Es ist also wichtig, die gesamte Beinachse in der Bewegung zu beurteilen – so etwas können gute Schuhverkäufer oder speziell geschulte Biomechaniker. Weitere wichtige Kriterien sind eine geringe Bauhöhe und Sprengung bei angemessener Dämpfung. Sind die für mein Körpergewicht ausgelegt, entsprechen sie meinem Lauftempo? Und schließlich sind Passform und Komfort wichtig, ich will mich ja in meinem Schuh wohlfühlen. Es ist übrigens immer eine gute Idee, die gebrauchten Schuhe zum Händler mitzubringen, an ihrem Verschleißmuster lässt sich eine Menge ablesen.

Und die häufigsten Fehler?
Viele Triathleten wählen einen zu schweren Schuh. Wer schon im Training mit einem Kilometerschnitt zwischen vier und fünf Minuten recht zügig unterwegs ist, sollte sich keine Boote an die Füße schnallen, sondern darauf achten, dass er einen leichten, möglichst flexiblen und direkten Schuh trägt. Aber auch langsamere, schwerere Läufer brauchen in aller Regel keine Laufschuhe des Modells „amerikanischer Straßenkreuzer“.