Turbo durch Aminosäuren?

Seit einiger Zeit stehen bestimmte Aminosäuren in dem Ruf, die Leistungsfähigkeit zu verbessern und die Regeneration zu fördern. Was ist dran an dem Versprechen?

Von > | 4. November 2009 | Aus: TRAINING

Die Liste der positiven Eigenschaften von Aminosäuren wie Leucin oder Valin liest sich wie der Wunschzettel eines Triathleten kurz vor Weihnachten. Die Hersteller entsprechender Präparate werben nicht nur mit einem erleichterten Muskelaufbau, einer beschleunigten Regeneration und einem erhöhten Infektschutz, sondern ganz allgemein mit einer gesteigerten Kraft- und Ausdauerleistungsfähigkeit - und das alles ganz legal und auf natürlicher Basis. Leisten sollen das hoch dosierte Aminosäure-Kombinationen.

Die Mischung macht’s

Aminosäuren sind die Grundbausteine der Eiweiße (Proteine) und nehmen dadurch in nahezu allen biologischen Prozessen des menschlichen Organismus eine Schlüsselfunktion ein. Doch nicht allen Aminosäuren wird eine leistungsfördernde Wirkung nachgesagt. Grundsätzlich unterscheidet der Mediziner zwischen neun essenziellen, vier semi-essenziellen und sieben nicht-essenziellen Aminosäuren. Entscheidend für diese Unterteilung ist, ob eine bestimmte Aminosäure lebenswichtig ist und mit der Nahrung aufgenommen werden muss (essenziell) oder ob sie vom Körper teilweise oder in vollem Umfang selbst gebildet werden kann (semi- oder nicht-essenziell). In besonderen Lebensphasen wie der Kindheit oder im Krankheitsfall können auch die bedingt essentiellen Aminosäuren zu lebenswichtigen werden. Fehlt dem Körper eine Aminosäure oder ein daraus gebildeter körpereigener Wirkstoff, drohen Leistungseinschränkungen oder im schlimmsten Fall der Tod.

Modeerscheinung BCAAs?

Besonders die so genannten verzweigtkettigen Aminosäuren Leucin, Isoleucin und Valin haben in den letzten Jahren einen regelrechten Hype erlebt. Die sogenannten BCAAs (branched-chain amino acids) sollen drei wichtige Funktionen für Ausdauersportler erfüllen:

Erhöhter Muskelschutz: Bei Langzeitausdauerbelastungen wie einer langen Radausfahrt oder einem Ironman kommt es oft zu Energiemangel in der belasteten Muskulatur, weil die Kohlenhydratvorräte erschöpft sind. Der Organismus begegnet dem Engpass mit einer Notfallstrategie: Im Muskel werden neben Fett und Kohlenhydraten zunehmend auch Muskelproteine in Aminosäuren aufgespalten und verstoffwechselt. Neben Alanin und Glutamin betrifft das vor allem die BCAAs. Diesen Zustand bezeichnen Sportwissenschaftler als "katabole (abbauende) Stoffwechsellage". Weil aber zuerst die im Muskel frei verfügbaren Aminosäuren verbraucht werden, verspricht man sich durch die Einnahme von mehreren Gramm BCAAs vor und während der Belastung eine Schutzfunktion für den Muskel. Die BCAAs gelangen nämlich auf direktem Weg dorthin und liegen dann als freie Reserve vor. Ein ähnlicher Schutzeffekt wird allerdings auch durch eine kontinuierliche Kohlenhydratzufuhr während der Belastung erreicht, weil der Körper gar nicht erst in die Lage gerät, massiv Proteine abbauen zu müssen. Eine sportgerechte Eiweißaufnahme über die tägliche Nahrung ist für die Verarbeitung von Trainingsreizen allerdings Voraussetzung, da sonst die ständig ablaufenden Auf- und Umbauprozesse im Muskel nicht gewährleistet sind.

Größere Ausdauer: Die BCAAs finden sich nicht nur im Skelettmuskel, sondern auch im Blut. Wenn aufgrund einer Glykogenverarmung vermehrt Aminosäuren verstoffwechselt werden, fällt deren Konzentration dort deutlich ab. Dies wiederum setzt eine komplexe Kettenreaktion in Gang, an deren Ende eine gesteigerte Serotonin-Produktion im Gehirn steht. Dieser Botenstoff wird für Ermüdungserscheinungen, wie sie nach intensiven Belastungen beobachtet werden können, verantwortlich gemacht. Eine zusätzliche BCAA-Supplementierung vor und während der Belastung hat also zum Ziel, Ermüdungserscheinungen hinaus zu zögern, indem die Konzentration von BCAAs im Blut möglichst lange stabil gehalten und die übermäßige Serotonin-Ausschüttung im Gehirn verhindert wird. Allerdings wurde bei Ausdauersportlern eine erhöhte Resistenz gegenüber Ermüdungserscheinungen festgestellt. Forscher vermuten hier einen trainingsbedingten Resistenzeffekt gegenüber Serotonin.

Stärkeres Immunsystem: Intensive Trainingsphasen oder erschöpfende Wettkämpfe schwächen das Immunsystem. Sportmediziner verwenden hierfür den Begriff des "Open-Window-Effekts". Die Folge ist eine erhöhte Infektanfälligkeit, besonders in den oberen Atemwegen. Eine entscheidende Rolle spielt dabei Glutamin. Es fungiert im Immunsystem als Baustoff und Energielieferant. Studien haben gezeigt, dass extreme Ausdauerbelastungen wie ein Marathon die Konzentration dieser Aminosäure, die der Körper selbst bilden kann, im Blut erheblich reduzieren und damit die Leistungsfähigkeit des Immunsystems mindern. Die zusätzliche Einnahme von BCAAs soll dies verhindern. Sie dienen dem Körper als wichtige Quelle für eine gesteigerte Glutamin-Produktion und stabilisieren so dessen Konzentration im Blut. Wissenschaftliche Arbeiten bestätigen weitestgehend die positive Wirkung der BCAAs in diesem Zusammenhang, betonen aber, dass das Immunsystem ein komplexes Gebilde sei, das auf verschiedene Weise unter intensiven Belastungen leiden könne. Glutamin sei nur eine von vielen Stellschrauben.

Widersprüchliche Studienlage

Noch ist es zu früh, um über Sinn und Unsinn einer zusätzlichen Supplementierung mit den verzweigtkettigen Aminosäuren Leucin, Isoleucin und Valin zu urteilen. Die theoretisch erwartbaren Effekte einer erhöhten Aufnahme konnten bisher in der Praxis nicht zweifelsfrei bewiesen werden. Darüber hinaus scheinen Sportler auch bei anderen Aminosäuren einen gesteigerten Bedarf zu zeigen. Sollte dies der Fall sein, wäre eine isolierte Aufnahme von nur drei Aminosäuren nicht ausreichend. So wird zum Beispiel der nicht-essentiellen Aminosäure Arginin ein ähnlich großes Potential bei der Stabilisierung des Immunsystems nachgesagt wie Glutamin. Offen bleibt in der Diskussion, wie groß der Bedarf eines Sportlers im Einzelfall überhaupt ist.