Was nach dem Rennen in Ihrem Körper passiert

Finishline Roth, Frankfurt, Kona oder irgendwo – das Ende von 226 Kilometern zwischen Spaß, Spannung und Schmerz. Für manche Sportlerpsyche ist es der Sieg über 50 kleine Teufel oder größere "innere Schweinehunde", für Muskeln und Nervensystem der Schlusspunkt eines acht- bis siebzehnstündigen Alarmzustands.

Von > | 11. August 2015 | Aus: TRAINING

Sebastian Kienle | Sebastian Kienle im Ziel - und am Ende

Sebastian Kienle im Ziel - und am Ende

Foto >Michael Rauschendorfer / triaphoto.com

Was nach dem Rennen in Ihrem Körper passiert

Der Hawaiidritte von 1993 Wolfgang Dittrich, seinerzeit ein Ausnahmekönner in den ersten beiden Triathlondisziplinen und in seinen besten Jahren auch ein solider sub-3-Stunden-Marathonläufer, gab einmal zu: „Ein gutes Rennen ist eine geistige Höchstleistung – jeder Armzug, jede Kurbelumdrehung, jeder Kniehub korrigiert und auf größtmögliche Effektivität überprüft. Dazu die renntaktischen Zwänge, fortwährende Konzentration auf Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme und in der Schlussphase der Kampf gegen Krämpfe und Schmerz.“

Nächtliche Humpeltour zum Kühlschrank

Während der Organismus sofort hinter der Ziellinie seine Reparaturarbeiten startet, durchlebt die Psyche das Rennen in kleinen Ausschnitten noch tagelang, sucht die Balance zwischen Euphorie und Ernüchterung, Stolz und Selbstkritik. Die Spuren der Strapazen an Physis und Psyche sind tatsächlich so komplex, dass auch Sportwissenschaftler sie erst ganz allmählich ergründen.

Verlässlich sind allenfalls die Blasen an den Füßen und die schmerzenden Beine, die in den ersten zwei Tagen nach dem Rennen eher weiter zu- als abnehmen. Die meisten Finisher berichten in dieser „Akutphase“ zudem von Schlafstörungen trotz extremer Müdigkeit, erhöhtem Ruhepuls, urplötzlichen Attacken von Heißhunger und Durst.

"Muskelopfer" sind unvermeidlich

"Nach zwei oder drei Tagen, bei Extrembelastungen vielleicht auch nach einer Woche sind der Wasser- und Salzhaushalt wieder ausgeglichen und Zucker-, Eiweiß- und Fettstoffwechsel funktionieren wieder halbwegs normal. Dahinter laufen aber Erholungsprozesse ab, die wesentlich mehr Zeit brauchen", berichtet der Münchner Sportmediziner Karlheinz Zeilberger von Wochen später noch erhöhten Konzentrationen des Enzyms Creatinkinase (CK), das nur bei Schäden oder Tod von Muskelzellen vermehrt ins Blut gelangt. "Erhöhungen auf mehr als das Hundertfache der Normwerte sind keine Seltenheit. Wieviel Muskelmasse bei einem Langtriathlon auf der Strecke bleibt, hängt sicher vom Trainingszustand des Sportlers und der individuellen Anforderung im Rennen ab." Bestenfalls drei anständige Langstreckenrennen können die meisten Profis und ambitionierten Freizeitsportler in einem Jahr planen, lautet eine verbreitete Erkenntnis.

Letztes High vor dem Absturz

Die Erschöpfung nach langen Rennen zeigt Parallelen zum Übertrainingssyndrom (ÜTS). Viele Top-Triathleten mischen zwei Wochen nach einem harten Ironman "superkompensiert" noch einmal einen gut besetzten Kurz- oder Mitteltriathlon auf und stürzen dann ab. Mancher Hitzkopf möchte seinen Kollegen im Heimatverein bereits wenige Tage nach der ruhmreichen Rückkehr aus Roth oder vom Ironman-Qualifier beweisen, warum es dort so gut geklappt hat – doch dann gehen in der Vorbereitung auf das Saisonhighlight im Oktober alle Lichter aus. Studien der Universitätskliniken in Ulm und Freiburg haben gezeigt, warum vor dem Absturz oft noch ein letztes "High" steht: In der Frühphase nach einer körperlichen Überbelastung – und eine solche ist ein Langstreckentriathlon unbestritten – stimulieren Steuerzentralen im Gehirn die Drüsen der so genannten Stresshormone Adrenalin und Kortison.

Also weiter erhöhte Alarmbereitschaft, wenngleich Leistungstests in dieser Phase bereits zeigen, dass die Luft an der Spitze dünn wird. Und dann kommt die Talfahrt, die Wissenschaftler nennen es "Downregulierung": Durch bisher nicht gänzlich erforschte Rückkopplungen zwischen der Muskulatur und dem Zentralnervensystem fallen Kortison, Sexualhormone, Wachstums- und Schilddrüsenhormone deutlich ab: Leistungsfähigkeit und Trainierbarkeit, Immunsystem und Blutbildung, Libido und Stimmungslage leiden. Sogar depressive Verstimmungen können daraus entstehen.