Wettkampf-Sitzposition? Einstellungssache!

Ein schnelles Laufrad ist ein schnelles Laufrad. Und eine aerodynamisch ausgetüftelte Sitzposition ist die schnellste. Klingt logisch. Ist aber falsch. Es hängt sehr stark von Ihnen und Ihren Fähigkeiten ab, welches Set-up das beste ist.

Von > | 12. August 2015

Ostseeman 2015 Radfahren - 28 | 180 Kilometer Radfahren beim 14. Ostseeman 2015

180 Kilometer Radfahren beim 14. Ostseeman 2015

Foto >Sina Horsthemke / spomedis

Das Wummern fetter Aerolaufräder motiviert, ein Aerohelm strahlt aggressive Geschwindigkeit aus, und wer mit der Nase nur knapp über dem Vorderreifen dahinrast, sieht beeindruckend aerodynamisch aus. Klar, da ist was dran. Der Extremradler beeindruckt allerdings möglicherweise nicht nur die Mitstreiter, sondern auch seine Wirbelsäule und die umliegende Muskulatur. Möglicherweise so sehr, dass er seine Aeroposition nicht mal bis zum Ende der Radstrecke durchhalten kann. Oder die hart erarbeitete Lauftechnik in sich zusammenfällt. Vielleicht ist es Ihnen nicht neu, aber das schnellste Aerolaufrad, die optimierteste Sitzposition und der Helm aus der Formel-1-Schmiede bringen Ihnen überhaupt nichts, wenn Sie deren Vorteile nicht nutzen können. Profitieren werden Sie nämlich nur, wenn Sie und Ihr Material optimal zusammenarbeiten.

Tipps
 
Aerodynamik

Sitzposition und Material voll auf Windschlüpfrigkeit abzustimmen lohnt sich, wenn

  • Sie beweglich sind und bereit, zusätzliches Krafttraining und Stretching einzuplanen.
  • Sie vor allem auf flachen Kursen starten.
  • Ihnen Geschwindigkeit mehr bedeutet als Komfort.
  • es Ihnen weniger um das Erlebnis als um ein Ergebnis geht.
 
Gewicht

Auf jedes Gramm müssen Sie bei einem Triathlonrad nicht achten, es sei denn, Sie starten vor allem auf bergigen Strecken.

 
Kompromisse

Besonders bei extremen Bedingungen ist ein Kompromiss oft die bessere Lösung. Zum Beispiel bei

  • Hitze: Ein belüfteter Helm ist besser als die extreme Aeroschale mit Visier.
  • Wind: Ein Vorderrad, das nicht bei jeder Böe außer Kontrolle gerät, ist im Vorteil gegenüber dem Hochprofillaufrad.
  • schlechtem Belag: Montieren Sie einen Reifen, der pannensicher ist. Von geringerem Rollwiderstand haben Sie nichts, wenn Sie flickend und fluchend am Streckenrand stehen.

Das Ziel ist der Weg

Es gibt ganz unterschiedliche Bereiche, die es sich lohnt, genauer zu betrachten. Fangen wir mit Ihren Zielen an: Es ist ein Unterschied, ob Sie einen Volkstriathlon finishen oder sich für den Ironman auf Hawaii qualifizieren wollen. Wer hohe Ziele hat, die im Bereich des maximal Möglichen liegen, wird bereit sein, sich dafür weitaus stärker zu engagieren – sowohl was das Sammeln von Wissen angeht, als auch was die praktische Umsetzung und die Finanzierung betrifft. Wenn es Ihnen um das pure Erlebnis Triathlon geht: Pfeifen Sie auf teure Aerolaufräder, eine extreme Sitzposition, die den Komfort immer einschränkt, und auf den Aerohelm. Wollen Sie dagegen alles aus sich und Ihrem Equipment rausholen, dann sind Sie sicher zu dem ein oder anderen Zugeständnis bereit. Auch die Wettkampfdistanz und -art spielen eine Rolle. Der mögliche Zeitgewinn auf einer Langdistanz – sofern Sie alle Register ziehen wollen und können – liegt weit im zweistelligen Minutenbereich. Auf einer Sprintdistanz bedeutet der gleiche Aufwand ein deutlich bescheideneres Ergebnis.

Ausgangslage

Zwar ist das Material die näherliegende, weil greif- beziehungsweise kaufbare Komponente. Doch es ist Ihre Haltung auf dem Rad, mit der Sie am meisten Zeit sparen können. Schließlich stellt der Athlet den größten Widerstand für den Fahrtwind dar – egal wie leicht oder klein er ist. Grundsätzlich gilt: Je weniger Fläche Sie dem Wind entgegenstellen, desto schneller können Sie bei gleicher Leistung fahren. Also: Rücken flach, Kopf runter, Arme eng zusammen? Jein. Denn das macht zwar schnell, aber Ihr Körper muss auch in der Lage sein, eine solche Position einzunehmen und zu halten. Wer unflexibel ist, wessen Muskeln sich nicht schmerzfrei dehnen lassen oder wer den Kopf nicht lange hoch halten kann, ohne übermäßige Nackenschmerzen zu bekommen, der ist besser bedient, wenn die Aeroposition etwas weniger „schnell“ ist. Denn am Ende wird man eine Haltung nur dann über die gesamte Radstrecke fahren und hinterher auch noch schnell laufen können, wenn sie den individuellen Fähigkeiten entspricht. Besonders kleinere Menschen haben oft Probleme, eine geeignete Sitzposition zu finden. Das liegt daran, dass sich die Rahmenformen der meisten Bikes nach den Laufrädern (heute werden fast ausschließlich 28-Zoll-Modelle gefahren) richten müssen. Im Extremfall hilft nur viel Montagearbeit, eine Sonderanfertigung oder der Umstieg auf ein Rad mit 26-Zoll-Laufrädern.

Unterm Strich zähl' ich

Auch bei der Auswahl des restlichen Materials sollten Sie ein paar Dinge beachten. Starten Sie beispielsweise meist auf bergigen Kursen? Dann ist das Gewicht Ihres Materials wichtiger als seine Aero-Eigenschaften. Ein leichterer Rahmen, ein Laufrad mit geringerer Felgenhöhe und ein gut belüfteter Helm können Sie in diesem Fall unterm Strich sogar schneller machen. Auch wer besonders leicht ist, sollte die Aerodynamik nicht ins Extreme treiben. Denn ein flächiges und schwereres Vorderrad und ein bei Seitenwind durch seine größere Angriffsfläche anfälligerer Rahmen bringen Sie umso schneller aus dem Gleichgewicht, je weniger Sie ihm physisch entgegensetzen können. Das Vorderrad, das für einen Maik Twelsiek oder Sebastian Kienle das beste ist, könnte Kristin Möller oder Anja Beranek bei gleichen Bedingungen im Wortsinn aus der Bahn werfen und ihre Aeroposition zunichte machen. Sie sollten sich daher bei Auswahl und Einstellung Ihres Equipments ehrlich fragen, welches Teil und welche Einstellungen zu Ihnen passen. Nur so werden Sie auf Dauer glücklich – und schnell.