Wann ist man als Profi bereit für die Langdistanz?

Eine Langdistanz-Vorbereitung aus Sicht eines Profis: Laura Philipp, Dritte der-70.3 WM, schreibt zukünftig über ihren Weg zum Ironman Frankfurt – offen, persönlich und mit vielen Insider-Tipps.

Von > | 27. Februar 2018 | Aus: SZENE

Aus 90 werden 180 Kilometer: Laura Philipp bereitet sich auf ihre erste Langdistanz vor.

Aus 90 werden 180 Kilometer: Laura Philipp bereitet sich auf ihre erste Langdistanz vor.

Foto >James Mitchell

Seit mehreren Jahren habe ich geübt, meine Gegenüber davon zu überzeugen, dass ich Triathlon machen kann, ohne dabei Langdistanzen zu bestreiten. Ja, manchmal hatte ich sogar das Gefühl, in den Augen einiger Beobachter eine unvollständige Athletin zu sein und erst dann zum erlauchten Kreis zu gehören, wenn ich die 226 Kilometer mal in einem Wettkampf absolviert habe. Meine sportliche Entwicklung habe ich wie ein Mantra gegenüber Veranstaltern, Fans und Sponsoren beteuert. Meine Mutter ist die einzige Person, die immer mit Freude reagiert hat, wenn ich den Ironman verworfen habe. Bis heute bin ich niemals 180 Kilometer am Stück Rad gefahren – und am Sonntag stehen zum ersten Mal 30 Kilometer im Laufen auf dem Trainingsplan. Noch immer habe ich großen Respekt vor den langen Kanten.

Wer sagt nun, ich sei bereit für die Langdistanz? Und, was bedeutet es, bereit für ein Rennen über 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und einen abschließenden Marathon zu sein?

Für mich beginnt Bereitschaft im Kopf!

Lange übten die 226 Kilometer beim Ironman keine Anziehungskraft auf mich aus. Weder das enorme Training noch die lange Renndauer reizten mich. Eine Mitteldistanz verlangte mir schon alles ab; zudem ertappte ich mich in der Vergangenheit beim Gedanken, dass kürzere Rennen doch auch ganz schön sind. Dennoch muss ich zugeben, dass ich die Langdistanz-Rennen seit jeher sehr genau beobachte: Wie agiert wer in welchem Rennen? Welche Leistungen werden gezeigt? Wer entwickelt sich wie? Wie passen meine Beobachtungen mit meinen Wahrnehmungen aus dem Training mit anderen Athleten zusammen? Spannende Fragen, auf die ich lange keine Antworten brauchte und die deshalb in mir ruhen konnten, ohne abschließend beantwortet zu werden. 

In den nächsten Monaten werde ich euch immer wieder Einblicke in meine Gedanken, meine Entwicklungen, mein Material geben.

Mit meinen Erfolgen auf der halben Strecke des Ironmans konnte ich mir beweisen, dass ich im Stande bin, in meiner Sportart weit vorn mitzuspielen, sogar so weit vorn, wie ich es mir lange nur erträumt habe. Zudem waren zwei Mitteldistanzen in 8 Tagen möglich. Mit diesen und anderen Erfahrungen bin ich gewachsen. Habe ich mich vor drei Jahren noch gefragt „Wie überstehe ich die lange Zeit in der Aeroposition", lauteten die Fragen in diesem Jahr schon: „Wie hart kann ich Rad fahren und trotzdem einen Halbmarathon in einer Pace von 3:50 Minuten pro Kilometer laufen?“. Meine sportliche Entwicklung spricht für sich, denke ich. Und jetzt, ein halbes Jahr vor meiner ersten Langdistanz, bin ich vielleicht an dem Punkt, wo ich vor ein paar Jahren auf der Mitteldistanz war.

Ausdauer für die Langdistanz? Kraft ist ebenso wichtig.

Ausdauer für die Langdistanz? Kraft ist ebenso wichtig.

Foto >Privat

Das sagt ihr Trainer

Für meinen Trainer gibt es neben der psychischen Bereitschaft ganz objektive Anhaltspunkte, ob ich bereit bin für die Langstrecke. Täglich arbeiten wir diese Punkte im Dialog hoch und runter. Er erlebt mich täglich im Training, er kennt meine Werte und er kann mich lesen, wie keine andere Person. Diese drei Aspekte und sicher einige andere mehr geben ihm einen tiefen Einblick in meine Leistungsfähigkeit. So betrachtet ist Leistung kein Zustand, sondern ein Prozess. Leistungsfähigkeit entsteht über Jahre und setzt sich aus einer Vielzahl kleiner Bausteine zusammen, die immer wieder geordnet, nachjustiert, geändert, umgebaut und designed werden müssen. Um weiter in der Bildlichkeit zu bleiben: Die letzten 5 Jahre bilden das Fundament, auf dem ich nun aufbauen kann. Ganz konkret haben wir an folgenden Aspekten gearbeitet: Schwimmtechnik, aerobe Ausdauer, VO2max, Kraftfähigkeiten, Beweglichkeit, motorische Qualität in allen Disziplinen, Schnelligkeit, Material, Erfahrung, Verpflegung, DXA-Daten, retrospektive Trainingsauswertung, Reflexion des Erlebten,Trainingsplanung, Rahmenbedingungen und viele mehr.

Und nicht zuletzt hat folgendes den Ausschlag gegeben: Meine Staffelteilnahme im Rahmen des Ironman Frankfurt. Auch meine Reise zur Weltmeisterschaft auf Hawaii hat meine Neugier auf den Ironman weiter geweckt. Zudem hat mich Patrick Langes Sieg auf Hawaii inspiriert. Und so kam es, dass ich habe mich entschieden habe: Ich bin bereit, mich auf den Weg zur Langdistanz zu begeben. Ich bin bereit, am 8. Juli in Frankfurt alles zu zeigen, was ich mir erarbeitet habe. Ich freue mich auf meinen ersten Ironman! 

In den nächsten Monaten werde ich euch immer wieder Einblicke in meine Gedanken, meine Entwicklungen, mein Material geben. Folgt mir, wenn ihr genauso gespannt seit, wie ich es bin!