Auf Big Island ist alles im Fluss

Nur noch sieben Tage bis zum Ironman Hawaii 2017! Zum Frühstück schildert unser Herausgeber Frank Wechsel die Ereignisse des Tages als Blog - heute sogar für zwei Tage.

Von > | 8. Oktober 2017 | Aus: SZENE

Alles hat ein Ende ...

Alles hat ein Ende ...

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Aloha, liebe Triathlonfreunde!

Den Freitag in der Vor-Rennwoche haben wir genutzt, um noch einmal eine kurze Auszeit zu nehmen vom großen Triathlontrubel hier in Kailua-Kona. Wer als Triathlet nur zum Sporttreiben nach Big Island reist, der verpasst so vieles. Auch wir versuchen jedes Jahr, einen kleinen Teamausflug zu organisieren. Dieses Jahr führte uns dieser um den südlichsten Punkt der USA herum zur Südostküste von Big Island. Einer Küste, die sich ständig verändert.

Denn hier, unweit des kleinen Städtchens Pahoa, kann man der Welt beim Wachsen zuschauen. Der Vulkan Kilauea spuckt wenige Kilometer oberhalb aus seinem Schlot Puʻu ʻŌʻō seit dem 3. Januar 1983 ununterbrochen Feuer und schickt seine Lava die Flanke hinab bis in den Pazifischen Ozean. Und in diesem Jahr kann man der Lava ganz schön nahe kommen.

Gänsehaut im Angesicht der Hitze

In einem Land, wo man Einkäufe und Bankgeschäft im Drive-in erledigen kann, ist allerdings für ein solches Naturschauspiel ein bisschen Anstrengung nötig. Denn die ehemalige Küstenstraße verschwindet hier und da unter dicken Lavaschichten, so dass wir am aktuellen Ende der Welt das Auto stehen lassen und uns zu Fuß aufmachen. Zunächst fünf Kilometer weit der Route folgend, die einmal die Straße war. Bis die Sonne hinter der Vulkanflanke untergeht und man sie plötzlich in der Ferne leuchten sieht: die heiße, glühende Lava. Ich bekomme eine Gänsehaut.

Knirschen, knacken – und dann endlich knistern

Der Weg dorthin ist jedoch beschwerlich, denn wir müssen die alte Straße verlassen und quer durch das, was der Kilauea in den letzten Jahren ausgespuckt hat, unseren eigenen Weg finden. Dort, wo schon viele Menschen entlanggegangen sind, ist die Oberfläche fein granuliert. An anderen Stellen überkommt einen das erhebende Gefühl, dass wohl noch niemand zuvor hier seinen Fuß hingesetzt hat. Es knirscht unter den Schuhen, manchmal hört man ein metallisches Knacken, wenn ein Brocken zerbricht oder sich eine neue Spalte auftut. Zwei Stunden lang bahnen wir uns bei zunehmender Dunkelheit unseren Weg, sehen immer mehr der uns magisch anziehenden Glut aufleuchten. Und plötzlich spüren wir sie - die Hitze aus dem Erdinneren. Die Lava strahlt ihre Energie ab und auch der Boden unter unseren Füßen wird heißer. Am Ende stehen wir vor dem aktuellen Ende eines Lavastroms. Die Geräuschkulisse gleicht der eines riesigen knisternden Holzkohlegrills. Doch es ist kein Brikett, aus dem hier immer wieder neue Formen herausquellen, sondern flüssiges Gestein. Wenige Meter über unserem Standpunkt fließt die Lava mit großer Geschwindigkeit. Hier entsteht tagtäglich Neuland.

Und plötzlich fühlt man sich klein

Das, was wir heute hier sehen, geschieht schon seit mindestens 300.000 Jahren ununterbrochen. So weit datiert man den ersten Ausbruch des Kilauea zurück. Es wird auch nach dem 14. Oktober so sein – ganz egal, ob Sebastian Kienle, Jan Frodeno oder doch ein anderer gerade Weltmeister geworden ist. Es wird auch noch so sein, wenn wir Menschen den Mond oder Mars besiedelt haben. Und auch wenn ein Donald oder ein Kim in ihrem Streit die Nerven verlieren sollten, wird selbst das den Kilauea unbeeindruckt lassen. Im Anblick der glühenden Lava wird man sich der Dimensionen bewusst – und fühlt sich klein und vergänglich.

So richtig trennen möchte ich mich von diesem Schauspiel nicht, ich fotografiere und filme das faszinierende Schauspiel aus vielen Perspektiven. Weltgeschichte, nun ja, nicht wirklich zum Anfassen, aber fast: Bis auf wenige Meter trauen wir uns schließlich heran an das, was Leben hervorbringt und zerstört. Ein Moment für die Ewigkeit. Als schließlich auch noch der Vollmond aufgeht, ist es Zeit, den Mahnungen meiner Kollegen zu folgen und in die Zivilisation zurückzukehren. Wie die Lava suchen auch wir uns einen neuen Weg ans Meer, sehen hier und da im schwarzen Nichts mal eine Stirnlampe von anderen Vulkanwanderern aufleuchten – wahrscheinlich keine Triathleten. Die kommen wohl nach dem Rennen in Scharen.

Zurück in der (Triathlon-)Welt

Wir sind schließlich zurück auf der geteerten Straße. Und es ist plötzlich überhaupt nicht mehr egal, ob Sebastian Kienle, Jan Frodeno oder doch ein anderer Weltmeister wird. Auf dem schnellsten Weg, zwischen den mächtigen Vulkanen Mauna Kea und Mauna Loa hindurch, geht es zurück nach Kailua-Kona. Und auch hier fließt es in Strömen: Es regnet, und zwar heftig, als wir gegen Mitternacht wieder in der Triathlon-Hauptstadt ankommen.

Einen Blog-Beitrag zu schreiben, schaffe ich zu dieser späten Stunden nicht mehr, denn in Kailua-Kona wird es wenige Stunden später noch nasser: Zum fünften Mal wird am Samstagmorgen das Hoala Swim gestartet, ein Testwettkampf auf der 3,8 Kilometer langen Ironman-Strecke. Mit 600 Teilnehmern ist das Rennen ausverkauft, auch einige Profis sind am Start. Der britische Profi Harry Wiltshire ist nach 48:43,9 Minuten der Schnellste, hängt im Endspurt auf den Strand den Agegrouper Mike Thoren knapp ab. Mit Lucy Charles wird eine Frau Gesamt-Dritte.

Währenddessen kämpfe ich noch mit meiner auf diesem Kurs traditionellen Seekrankheit, die leichten Wellen und das Salz haben mir euch heute wieder etwas zugesetzt. Nach 1:03:19 Stunden bin auch im Ziel, auf Platz 149 – und mit persönlicher Bestzeit für das Hoala Swim. Ich habe mich bei meinen vier Starts stetig gesteigert, bei der Premiere 2013 hatte ich noch 1:16:14 Stunden gebraucht. An meinem Ziel, die Stunde zu knacken, muss ich wohl weiter arbeiten – auch wenn meine Bestzeit auf diesem Kurs, aber in einem anderen Rennen, von knapp 58 Minuten aus dem Jahr 1996 für mich wohl nicht mehr zu erreichen sein wird.

Noch eine Woche ...

Dieses andere Rennen - eine Woche dürfen wir alle uns noch darauf freuen. Und mit dem Hoala Swim hat auch für uns die Rennwoche begonnen, denn im Anschluss standen die ersten großen Interviewtermine auf dem Programm, wurden Meetings abgehalten und Industriepartner aufgesucht. Ab jetzt geht es für unser aktuell noch fünfköpfiges Team, das morgen um einen Kona-Rookie ergänzt wird, Schlag auf Schlag, aber auch wir sind nun im Fluss. Und während ich diese Zeilen schreibe, regnet es draußen mal wieder heftig.