Casper Stornes im Interview vor dem WTS-Rennen in Bermuda

2018 gewann Casper Stornes mit 21 Jahren völlig überraschend das WTS-Rennen in Bermuda. Vor der diesjährigen Austragung haben wir mit dem Vorjahressieger über seine Emotionen, das Training, Olympia und vieles mehr gesprochen.

Von > | 22. April 2019 | Aus: SZENE

Im Alter von gerade einmal 21 Jahren gewann Casper Stornes 2018 in Bermuda bei seinem dritten WTS-Start überhaupt völlig überraschend sein erstes WTS-Rennen.

Im Alter von gerade einmal 21 Jahren gewann Casper Stornes 2018 in Bermuda bei seinem dritten WTS-Start überhaupt völlig überraschend sein erstes WTS-Rennen.

Foto >Wagner Araujo | ITU

Casper Stornes, im vergangenen Jahr haben Sie die gesamte Triathlonwelt und sich selbst mit dem Sieg beim WTS-Rennen in Bermuda überrascht. Der Wettkampf war Ihr internationaler Durchbruch und viele in der Triathlonszene sind durch dieses Ergebnis überhaupt erst auf Sie aufmerksam geworden. Mit einem Jahr Abstand und so kurz vor dem erneuten Start in Bermuda – wie haben Sie diesen besonderen Tag in Erinnerung behalten?

Das Witzige ist, dass ich mich ab dem Moment, an dem ich die norwegische Flagge gegriffen habe, an nichts mehr erinnern kann. Als ich mir die Videos vom Zieleinlauf anschaut habe und darauf zu sehen war, dass ich unsere Nationalflagge voller Euphorie und Emotionalität im Ziel auf den Boden werfe, war mir das sogar fast etwas unangenehm. Ab dem blauen Zielteppich war ich wie in Trance. Es war nicht einmal mein Ziel, 2018 ein WTS-Rennen zu gewinnen – das habe ich einfach nicht als realistisch eingeschätzt. Wenn alles gut läuft, hätte ich mir eine Top-5-Platzierung, eventuell auch das Podium in dem Jahr zugetraut. Und das Rennen dann so unerwartet auf diese Art und Weise zu gewinnen – das war einfach nur verrückt und hat mir gezeigt, was unter den richtigen Umständen alles möglich sein kann. 

Der Schlüssel zu Ihrem Sieg war, dass Sie auf dem profilierten Radkurs alleine davongefahren sind. Hatten Sie vor dem Rennen bereits im Kopf, dass Sie das probieren möchten, oder ist es eher spontan geschehen? 

Ich war vor dem Rennen wirklich extrem nervös, weil ich mir selbst Druck gemacht habe, da ich wusste, dass ich ziemlich fit bin. Aber wie man gesehen hat, muss das nicht unbedingt negativ sein. Ich habe mir sehr akribisch mit einigen speziellen Einheiten auf das Streckenprofil der Radstrecke (ein steiler Anstieg auf jeder von insgesamt zehn Radrunden, Anm.d.Red.) vorbereitet. Das Schwimmen und Laufen war den gesamten Winter über sehr solide und die Form war gut, auch das Höhentrainingslager vor dem Rennen verlief optimal. Meine Taktik vor dem Rennen war es, beim Schwimmen möglichst viel Energie für das Radfahren und Laufen zu sparen, weil ich wusste, dass meine Radform sehr stark ist. Als ich es dann probiert habe und eine kleine Lücke hatte, habe ich mich einfach an meine Wattzahlen gehalten und meinen Vorsprung glücklicherweise immer weiter ausgebaut. Eigentlich war ich auf dem Rad noch im Schwellenbereich, aber das hat sich am Ende definitiv nicht mehr so angefühlt. Ich weiß bis heute nicht, wie ich danach beim Laufen die Lücke auf Kristian (Blummenfelt) und Gustav (Iden) bis zum Ende aufrechterhalten konnte. 

 

Nun sind es nur noch wenige Tage bis zum diesjährigen WTS-Rennen in Bermuda und Sie sind in der besonderen Rolle des Vorjahressiegers. Fühlen Sie sich auch dieses Mal gut vorbereitet?

Ja, definitiv, ich fühle mich sogar fitter als im vergangenen Jahr. Die Form ist da und ich denke, dass ich für alle WTS-Rennen gut vorbereitet sein werde. Die Schwierigkeit wird wahrscheinlich darin bestehen, dass alle im Feld durch den letztjährigen Rennverlauf gewarnt sind und mich dieses Mal niemand davonfahren lassen wird. Nichtsdestotrotz, ich bin gespannt auf den Rennverlauf und freue mich schon auf den Wettkampf. 

Die Saisonvorbereitung hat für Sie etwas anders begonnen als sonst, da Sie Ende 2018 beim Ironman 70.3 Bahrain gestartet sind. Sie sind prompt auf Platz drei gelandet sind und Ihre beiden norwegischen Teamkollegen Kristian Blummenfelt und Gustav Iden haben die Ränge eins und zwei belegt. Am meisten hat sicherlich für Furore gesorgt, dass alle von ihnen unter der ehemaligen Weltbestzeit auf der Ironman-70.3-Distanz geblieben sind. Wann hatten Sie die Idee, an dem Rennen teilzunehmen und sich an eine neue Distanz heranzuwagen? 

Es war Kristian, der mich und Gustav zum Start in Bahrain überreden wollte – und es ja letztendlich auch geschafft hat. Ich glaube, dass er das nur gemacht hat, damit er sich nicht alleine vorbereiten muss (lacht). Zuerst hat Gustav zugesagt und dann habe ich mit unserem Coach Arildt (Tveiten) gesprochen, der dann zu mir meinte, dass er mich gut auf das Rennen vorbereiten wird, wenn ich denn starten möchte. Und als sich Kristian und Gustav vorgenommen haben, die Weltbestzeit zu unterbieten, habe ich mir gesagt, dass ich das dann auch schaffen kann. Wir wären auch sehr glücklich damit gewesen, wenn es "nur" einer von uns geschafft hätte, aber alle drei – das war echt unglaublich. 

Es war Ihr erstes Rennen über die Mitteldistanz, wie haben Sie die Vorbereitung und das Rennen im Vergleich zur Kurzdistanz erlebt? 

Letztendlich hat mir das Rennen viel gegeben, aber auch viel genommen. Das Resultat war großartig, aber die Erholung hat für mich wirklich sehr lang gedauert. Ich bin noch etwas jünger (Jahrgang 1997) als Kristian (1994) und Gustav (1996), habe noch nicht so viele Trainingsjahre wie die beiden hinter mir und war der Einzige von uns, der vorher noch nie einen Ironman 70.3 absolviert hat. Die Müdigkeit im Körper war groß und es hat etwa bis Februar gedauert, dass meine Form wieder auf gewohntem Niveau war und auch meine Leistungsdiagnostiken vergleichbare Werte aufgezeigt haben. Zwischenzeitlich war es so, dass ich zum gleichen Jahreszeitpunkt 2018 eine Schwellenleistung auf dem Rad von 353 Watt hatte und sie in diesem Jahr nur bei 330 Watt lag. Daran konnte ich die Auswirkungen gut erkennen. Was das Training angeht, bevorzuge ich eindeutig das Training für die Kurzdistanz. Die Bahrain-Vorbereitung war definitiv das härteste Training, das ich bisher absolviert habe. 

Woran lag das? 

In erster Linie daran, dass die Intervalldauer insgesamt länger war als es sonst bei uns üblich ist. Auf dem Rad sogar bis zu 50 Prozent, das hat sicherlich am meisten ausgemacht. Da hatten wir teilweise Einheiten mit anderthalb bis zwei Stunden in oder über Wettkampfintensität. Beim Laufen waren es vielleicht 15 Prozent mehr, das Schwimmen war eigentlich unverändert. Dazu kommt, dass auch der Umfang leicht erhöht war und längere Koppeleinheiten dabei waren. Rennspezifische Einheiten für Ironman-70.3-Rennen sind wirklich hart und ich habe viel über meinen eigenen Körper durch diese Vorbereitung gelernt. 

Hat Ihnen die Rennweise trotzdem so sehr gefallen, dass Sie es wieder machen werden?

Aber klar, ich werde auf jeden Fall wieder über die Mitteldistanz starten. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass das nicht vor Tokio der Fall sein wird. Der Fokus liegt ab jetzt voll auf den Olympischen Spielen 2020 und ich werde alles dafür tun, dass ich dort so gut vorbereitet sein werde, wie nur möglich. Im vergangenen Winter hat dieses "Experiment" gut in die Planung gepasst, aber mit dem Olympiajahr vor der Brust, lässt sich das ab jetzt nicht mehr für mich vereinen. 

 

Tokio ist das Stichwort. Was haben Sie sich für den 27. Juli 2020 vorgenommen? 

Eine Medaille zu gewinnen. Das ist es, was mich momentan täglich antreibt. 

Und was sind Ihre Ziele für die Saison 2019? 

In der WTS-Gesamtwertung in den Top 10 zu landen. Außerdem die sichere Qualifikation für Tokio möglichst frühzeitig abzuhaken und die nächsten Podiumsplatzierungen einzufahren. Zukünftig muss ich vor allem noch am Laufen arbeiten, um für eine Top-Platzierung nicht immer vom Radfahren abhängig zu sein. Aber das wird immer besser und bei einigen Laufeinheiten bin ich auch schon auf dem Niveau von Kristian und Gustav. Ich vertraue bereits deutlich mehr auf meine Lauffähigkeiten als noch 2018 und diesen Trend muss ich auch beibehalten, wenn es mit einer Olympiamedaille klappen soll. 

Wir sitzen für das Interview gerade in Ihrem Höhentrainingslager in der Sierra Nevada zusammen. Sie sind während des Jahres viele Monate entfernt von ihrer Heimat in Norwegen. Fällt Ihnen das manchmal schwer?

Ich bin wahrscheinlich jemand, der gern etwas mehr daheim sein würde als beispielsweise Gustav und Kristian. Ich habe beispielsweise auch eine Freundin in Norwegen und freue mich natürlich jedes Mal darüber, wenn ich sie sehen kann. Sie versteht aber auch, dass es für mich einfach dazugehört, so viel unterwegs zu sein. Nach der Saison im Herbst und Winter bin ich zum Glück auch immer für längere Zeit zu Hause. 

Was haben Sie in den vergangenen Jahren am meisten von ihren Trainingspartnern und Teamkollegen Kristian Blummenfelt und Gustav Iden gelernt?

Gerade von Kristian habe ich viel gelernt. Insbesondere, wie man in einem sehr jungen Alter bereits maximal professionell ist. Dazu muss man sagen, dass Kristian der Erste von uns war und uns dadurch den Weg geebnet hat. Wir haben es wahrscheinlich ihm zu verdanken, dass es dieses Team heute in dieser Art und Weise überhaupt gibt. 

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für die Saison 2019!