Euphorie, Dankbarkeit und Filmrisse

Der Norseman 2019 ist Geschichte. In seinem letzten Blogartikel lässt Max Rauer das Rennen Revue passieren und berichtet, wie es ihm ein paar Wochen nach dem Finish geht.

Von > | 11. September 2019 | Aus: SZENE

Er hat es, das schwarze Finisher-Shirt: Max Rauer nach dem bislang härtesten Wettkampf seines Lebens.

Er hat es, das schwarze Finisher-Shirt: Max Rauer nach dem bislang härtesten Wettkampf seines Lebens.

Foto >privat

Ein paar Wochen ist mein großer Tag beim Norseman jetzt her und mittlerweile bin ich auch wieder aus Norwegen zurück. Aber eher körperlich, denn allzu oft muss ich zurückdenken und bekomme immer wieder Gänsehaut. Auch die eine oder andere Träne muss ich verdrücken. Ich kann dieses Glücksgefühl nicht in Worte fassen. Die Euphorie und Dankbarkeit darüber, dass mein Team zusammen mit Redakteur Nils und einigen Radsportfreunden vor Ort war und diesen Tag mit all seinen Höhen und Tiefen mit mir zusammen zu einem Happy End gebracht haben, ist enorm.

Es gibt so unfassbar viele Menschen, die ihren Anteil an meinem erfolgreichen Finish haben, dass ich gar nicht weiß, wie ich allen danken soll. Der Norseman ist definitiv der schönste, aber auch der schmerzhafteste und brutalste Wettkampf, den ich gemacht habe. Wahrlich „The ultimate Triathlon on Planet Earth“.

Der erbitterte Kampf am Zombie Hill um jede einzelne Position, all der Druck und die Ängste, die ich dort erlebt habe, aber auch die atemberaubenden Bilder, die sich auf der Strecke geboten haben, sind für immer eingebrannt. Der Ausblick in den Wechselzonen war gigantisch und hat geradezu zum Verweilen eingeladen.

Hart, unberechenbar und gnadenlos

Auch wenn es in diesem Jahr untypische Witterungsbedingungen gab, hat es der Norseman geschafft, mir seine harte, unberechenbare und gnadenlose Seite aufzuzeigen. Nach anfänglicher Euphorie über den superguten Schwimmstart hing die Fortsetzung meines Wettkampfs urplötzlich am seidenen Faden. In den dunklen Tunneln auf „the very very old road“, wie Organisator Bent uns gewarnt hatte, übersah ich ein Schlagloch, dessen Abmessungen mich auch hätten schlucken können. Mit mehr Glück als Verstand bin ich zwar auf dem Rad sitzengeblieben, aber der Knall war so ohrenbetäubend, dass eigentlich sofort klar war, dass der Schlauch durchgeschlagen und hinüber ist. Von himmelhochjauchzend zu Tode betrübt im Bruchteil einer Sekunde.

Ich konnte das Problem zwar beheben, aber mein Ersatzmaterial war hiermit aufgebraucht, mehr als 60 Positionen im Rennen verloren und der nötige 160. Platz zum Cut-Off in weiter Ferne. Bis es mein Team schaffte, mir neues Material zu reichen, verging eine schreckliche Ewigkeit, und das Gefühl der Hilflosigkeit, sollte mich bis dahin ein weiterer Defekt erwischen, zerfraß mich innerlich.

„Hope for the best – prepare for the rest”: Diese Aussage aus dem Handbuch hat sich nicht nur bei mir bewahrheitet. Was sich links und rechts für Dramen abgespielt haben, war der Wahnsinn. Einige Supportcrews haben zum Beispiel ihren Mietwagen auf den engen Straßen zerstört und ihren Athleten dadurch aus dem Rennen genommen.

Was mir bleibt, ist die Erinnerung, wie die krächzende Stimme im Morgengrauen über das Deck der Fähre schallte: „All athletes get ready to jump!“ Der Moment, als ich das erste Mal das Leitfeuer am Ufer erblickte. Das „See you in downhill again“, als ich von Krämpfen geplagt bergauf überholt wurde und in den rasanten Abfahrten jene Athleten wieder zurückholte.

Das großartige Team BOB und all die lustigen Momente mit ihnen und wie sie mir in größter Not mit einer Pumpe geholfen haben. Der Moment am Zombie Hill, als ich von hinten Schritte hörte und mir sagte: „Es reicht! Mich überholt hier keiner mehr – er oder ich“, und daraufhin antrabte, bis die Schritte hinter mir verstummt waren. Was aber auch bleibt, sind Filmrisse und Lücken in meiner Erinnerung, weil ich deutlich über meiner Grenze war. Und der Stolz, es geschafft zu haben.

Ich danke euch.

Euer Max