Qualifikation mit gemischten Gefühlen

Es gibt Momente im Leben eines Profisportlers, in denen sich lang ersehnte Träume erfüllen. Dass Lukas Krämer die Tage nach dem Ironman in Argentinien trotz erfolgreicher Qualifikation für die Ironman-Weltmeisterschaft 2019 auf Hawaii mit gemischten Gefühlen durchlebt, hat gleich mehrere Gründe.

Von > | 18. Dezember 2018 | Aus: SZENE

Lukas Krämer sichert sich beim Ironman Argentinien seine Hawaii-Qualifikation.

Lukas Krämer sichert sich beim Ironman Argentinien seine Hawaii-Qualifikation.

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Es gibt Momente im Leben eines Profisportlers, in denen sich lang ersehnte Träume erfüllen. Die Augenblicke, auf die tagtäglich hingearbeitet wurde und die auf Ewigkeit in guter Erinnerung bleiben. Eigentlich, so könnte man meinen, hat Lukas Krämer beim Ironman Argentinien einen solchen Tag erlebt. Dass er die Tage nach dem Rennen trotz erfolgreicher Qualifikation für die Ironman Weltmeisterschaft auf Hawaii mit gemischten Gefühlen durchlebt, hat gleich mehrere Gründe.

Ein Trauerfall überschattet die Vorfreude

Die Anreise nach Argentinien sollte für Lukas Krämer und sein inzwischen dreiköpfiges Supporter-Team zur Geduldsprobe werden. Neben Matthias und seiner Freundin ist inzwischen Krämers Lebenspartnerin Christine dazu gestoßen. Durch Probleme mit dem Mietwagen, der mit dem Gepäck zweier Triathleten samt Anhang schlichtweg überfordert war, dauerte die Reise von Tucson, Arizona nach Mar del Plata geschlagene 48 Stunden und steckte dem Münchner zunächst in den Knochen. Am Donnerstag, dem ersten kompletten Tag in Argentinien, ist Krämer zwei Stunden lang Teile der Radstrecke abgefahren, die sich über drei Runden entlang der Küste erstreckte. Abends ging es mit der Trainingsgruppe noch ins Meer um die Schwimmstrecke zu besichtigen: „Das war zwar ziemlich witzig, hatte auf Grund des starken Wellengangs mit Schwimmen allerdings nicht viel zu tun“, erzählt Krämer hinterher: „Wir haben uns dann dazu entschieden, unser Glück am nächsten Tag noch einmal zu suchen. Morgens um halb sieben unternahm die Gruppe den zweiten Versuch, musste aber schnell einsehen, dass Wellengang und Strömung immer noch zu stark waren um an ein seriöses Training zu denken. „Ich habe dann nach 20 Minuten nur noch einige Landstarts gemacht und geübt, mich mit der Welle an Land spülen zu lassen.“ Gerade als die Gruppe den Strand verlassen wollte, bemerkte sie eine Gruppe hektischer und nervöser Triathleten, die einen Begleiter leblos an den Strand holten und mit der Reanimation begonnen. Sofort eilte der 34-Jährige zu Hilfe, musste aber schnell feststellen, dass die Sprachbarriere zwischen ihm und den Brasilianern entschieden zu groß war, um mehr zu tun, als sich bei der Herzdruckmassage abzuwechseln und auf den Rettungsdienst zu warten. Dass dieser weit über 20 Minuten bis zum Unfallort brauchte, ärgerte Krämer als Feuerwehrmann ganz besonders; wohlwissend, dass die Verhältnisse nicht mit deutschen Standards zu vergleichen sind. Im Nachhinein sollte er erfahren, dass der Verunglückte einen Herzinfarkt erlitten hatte und verstorben ist. Ein Ereignis, das einen Schatten über die Renn-Vorbereitungen warf.

Déjà-vu beim Check-in

Beim Einchecken am Morgen fühlte sich Krämer kurz zum Ironman 70.3 Waco zurückversetzt, den er einige Wochen zuvor als letzten Härtetest bestritten hat. Dort fiel das Schwimmen starken Überschwemmungen zum Opfer und wurde gänzlich abgesagt. Am Rennmorgen in Argentinien erfuhr Krämer, dass die kalten Temperaturen den Veranstalter dazu veranlasst haben, die erste Disziplin auf ca. 1,5km zu verkürzen. „Kurz habe ich gedacht, dass es wenigstens nicht wieder ganz gestrichen wurde, danach habe ich mich voll und ganz auf das Rennen konzentriert. Solche Änderungen betreffen alle Athleten gleichermaßen und dementsprechend versuchte ich, diesem Umstand möglichst wenig Energie zu schenken.“ Vielleicht war es auch der positiven Herangehensweise geschuldet, dass Krämer einen guten Start erwischte, mit einigen Delphinsprüngen im flachen Gewässer gleich zu Beginn Boden gutmachen und sich positionieren konnte. Mit dem einstudierten „Bodysurfen“ zum Ende der Disziplin setzte er sich sogar etwas von der Verfolgergruppe ab und eilte an neunter Position mit gutem Gefühl ins Wechselzelt. Auf dem Rad fand sich Krämer schnell in einer kleinen Gruppe wieder, die zwischendurch vom späteren Sieger Michael Weiss „überflogen“ wurde. Seine Gruppe musste Krämer durch eine Unachtsamkeit am ersten Wendepunkt nach rund 30km ziehen lassen: „Ich habe leider schlecht angebremst, bin zu weit auf den Seitenstreifen geraten und damit über zwei Speed bumps gefahren, die ich irgendwie übersehen habe. Ich war zwar froh, dass ich überhaupt auf dem Rad sitzen blieb, habe aber ganz kurz danach meine Gelflasche auf der anderen Straßenseite gesehen und mich dazu entschieden, diese lieber einzusammeln und nicht die restliche Strecke ohne eigene Verpflegung zu fahren. Am Wendepunkt stand ich ja eh fast auf der Stelle. Auf einer langen Geraden und bei voller Geschwindigkeit hätte ich mich wohl anders entschieden.“ Trotz energischer Versuche die knapp eine Minute Zeitverlust wiedergutzumachen indem er mit deutlich höheren Wattwerten fuhr als geplant, wuchs der Rückstand sogar auf zwischenzeitlich vier Minuten an. „Zwischendurch kam dann noch Stefan Schumacher an mir vorbeigeflogen. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht wer das ist und habe erst einmal gecheckt ob meine Bremsen schleifen oder so, weil ich mir nicht erklären konnte was ich gerade falsch mache“, beschreibt er im Nachhinein die erste ernüchternde Begegnung mit dem ehemaligen Radprofi.

Kurz vor dem Ziel konnte Krämer noch an Schumacher vorbeiziehen und kam auf Platz fünf ins Ziel.

Kurz vor dem Ziel konnte Krämer noch an Schumacher vorbeiziehen und kam auf Platz fünf ins Ziel.

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Stecker gezogen, Kräfte mobilisiert

„Schon auf der zweiten Radrunde hat es mir den Stecker gezogen, da lag ich bereits vier Minuten hinter der Gruppe und dachte, dass der Tag noch richtig lang werden könnte“, berichtet Krämer von einsamen Kämpfen gegen den Wind. Trotzdem konnte er den Rückstand in der letzten Runde auf unter zwei Minuten reduzieren und auch eine gute erste Laufrunde hinlegen. „Auf der zweiten Laufrunde zog es mir dann erneut den Stecker und ich bin gefühlt mehr gestolpert als gelaufen. Dazu war die Strecke ziemlich voll und ich habe komplett den Überblick verloren. Zum Glück hatte ich Betreuer am Streckenrand, die mir fünf Kilometer vor dem Ziel gesagt haben, dass ich Boden auf Stefan Schumacher gutmache, der zu dem Zeitpunkt auf Platz 5 lag. Kurz nach dem letzten Wendepunkt, etwa zwei Kilometer vor dem Ziel, konnte Krämer tatsächlich an Schumacher vorbeiziehen und sich auf Platz 5 ins Ziel quälen. Ein Ergebnis, das nach seinem Kenntnisstand zwar nicht für die Hawaii-Qualifikation reichen würde, in einem starken Feld aber mehr als erfreulich war. Immerhin konnte er gestandene Profis wie etwa Timothy O’Donnell und Andy Potts hinter sich lassen. Es verging jede Menge Zeit im Zielbereich, bis Krämer davon erfuhr, dass es vier Slots für die Profi-Männer gab. Da sowohl der Sieger Michael Weiss, als auch Jesper Svensson (4. Platz) bereits qualifiziert waren, ging einer der Spots an Krämer. Den letzten Slot sicherte sich mit Stefan Schumacher ein weiterer deutscher Athlet.

Gemischte Gefühle bei der Siegerehrung

Statt unendlicher Freude über die erreichte Qualifikation, einen im Vorfeld ernannten „Bonus, den ich natürlich mitnehmen würde“, machten sich bei Krämer gemischte Gefühle breit. Kurz nach seinem Zieleinlauf erfuhr er von Schumachers Vergangenheit im Profi-Radsport, die von Dopingverstößen geprägt war. Auch Sieger Michael Weiss war schon einmal wegen des Doping-Verdachts gesperrt: „Ich weiß noch wie er (Michael Weiss) 2013 nur wenige Tage nach Ablauf seiner Sperre den Ironman Cozumel gewonnen hat. Da war ich als Amateur dabei und habe mich zwar ziemlich geärgert, mit dem Thema aber nicht groß beschäftigt. Wenn man jetzt allerdings direkt betroffen ist, macht sich ein ganz anderes Gefühl breit und man denkt sich seinen Teil. Klar, Stefan Schumacher habe ich geschlagen, aber natürlich wäre ich auch gerne noch einen Platz weiter vorne gelandet.“

Unterhält man sich mit Krämer, spürt man sofort, wie sehr das Thema Doping ihn ärgert. Der sonst so besonnene Münchner legt dann eine Nachdrücklichkeit an den Tag, mit der man ihn sonst nur selten erlebt: „Für mich ist die Sache ganz klar: Wenn jemand über Jahre lang bewusst betrogen hat, hat er vom Sport und Sportlichkeit nichts verstanden und hat da auch nichts mehr zu suchen. Egal, in welcher Funktion. Ob als Athlet, Trainer, Arzt oder in sonstiger Funktion.“

Krämers ganz persönliche Geschichte ist an dieser Stelle mit Sicherheit nicht zu Ende geschrieben!

Krämers ganz persönliche Geschichte ist an dieser Stelle mit Sicherheit nicht zu Ende geschrieben!

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

„Für mich ist die Qualifikation eine Bestätigung!“

Für Krämer selbst schließt sich mit der Hawaii-Qualifikation ein Kreis. Vor zwei Jahren stand er vor der schwierigen Entscheidung ob er es als Profi versuchen sollte. Er, der wenige Monate zuvor Weltmeister der Amateure auf Big Island wurde und sich dennoch überhaupt nicht als Profi fühlte. Damals haben ihn Zweifel geplagt, ob der große Schritt zu den Profis gerechtfertigt ist oder er sich als hauptberuflicher Feuerwehrmann in ein Haifischbecken begibt, in dem es keinen Platz für ihn gibt. Zwei Saisons später kann er auf beachtliche Resultate zurückblicken: Sieg bei der Challenge Venedig 2017 in seiner allerersten Langdistanz als Profi, Platz 2 bei der Challenge Madrid im gleichen Jahr. Dazu kam 2018 die Top-10-Platzierung bei der Challenge Roth und jetzt, zum Abschluss des Jahres, die Qualifikation für die Ironman Weltmeisterschaft auf Hawaii – dieses Mal bei den Profis. „Ich glaube das zeigt, dass meine Entscheidung gerechtfertigt war.“

Mit dem Erreichen dieses nächsten Meilensteins endet auch die Serie über Lukas Krämer, die viele Sachen aufgezeigt hat, mit denen zahllose Profisportler zu kämpfen haben: Erfolgsmomente, Rückschläge, Verletzungen, Selbstzweifel und Existenzängste. In diesem Fall können wir das Buch aus sportlicher Sicht mit einem Happy End zuschlagen und dennoch wird es weiterhin Probleme und Zweifel geben, die nur selten an die Öffentlichkeit gelangen: Sponsoren werden auch jetzt nicht Schlange stehen und die vielen Trainingsstunden zwischen 24-Stunden-Schichtdienst werden nicht einfacher, weil das Ticket nach Kailua-Kona gebucht ist. Krämer selbst ist sich diesen Umständen bewusst und beendet diese Serie mit einem Satz, der seinen bescheidenen Charakter nicht besser beschreiben könnte: „Auf der einen Seite ist die Qualifikation eine große Belohnung für die harte Arbeit. Auf der anderen Seite graust es mir, weil ich weiß, wer alles an der Startlinie steht und ich mir denke: Ok, die sind alle weg und dann komme irgendwann ich.“

Dass Lukas Krämer seine eigenen Erwartungen übertreffen kann, hat er schon einmal bewiesen. Keine Frage: Krämers ganz persönliche Geschichte ist an dieser Stelle mit Sicherheit nicht zu Ende geschrieben!