Der ganz große Wurf?

Er war als Ruderer bei Olympia, ist danach als Profi-Radfahrer den Giro d’Italia gefahren und hat 2017 als Triathlet den Radstreckenrekord beim Ironman Hawaii pulverisiert – Cameron Wurfs Werdegang ist einzigartig. Und der Australier hat weiter große Ziele ...

Von > | 19. Juli 2018 | Aus: SZENE

Gut gelaunt während des Interviews mit unserem Redaktuer Simon Müller: Cameron Wurf.

Gut gelaunt während des Interviews mit unserem Redaktuer Simon Müller: Cameron Wurf.

Es ist der 15. Oktober 2017, 9:44 Uhr Ortszeit in Kailua-Kona. Beim Ironman Hawaii kommt es auf der Radstrecke zu einem Führungswechsel. Während sich unzählige Zuschauer vor Bildschirmen auf der ganzen Welt erwartungsvoll fragen, ob es Lionel Sanders und Sebastian Kienle nach ihrer fulminanten Aufholjagd gelingt, eine Lücke auf die Führungsgruppe um Jan Frodeno zu reißen, schiebt sich ein schwarzes ­Pinarello Bolide ins Bild. Ein Zeitfahrrad, das man aus dem Radsport von Team Sky, der Mannschaft um den vierfachen Tour-de-France-Sieger Christopher Froome, kennt. Auf ihm sitzt Cameron Wurf, der sich unbeirrt an die Spitze des Feldes setzt und mit kraftvollem Tritt an Kienle und Sanders vorbeizieht. „Cameron Wer?“ Während einige Fans grinsend vor dem Fernseher sitzen, wohlwissend, dass dieser Moment kommen würde, fragt sich der andere, deutlich größere Teil der Triathlonwelt, wer dieser Typ ist und wo er auf einmal herkommt.

Sollte jemand zu diesem Zeitpunkt noch glauben, dass sich da irgendein übermütiger Profi durch ein Strohfeuer nur etwas TV-Zeit sichern will, wird er keine zwei Stunden später eines Besseren belehrt. Wurf lässt alle Konkurrenten stehen, absolviert die 180 Radkilometer in 4:12:54 Stunden und verbessert damit den elf Jahre alten Radstreckenrekord von Normann Stadler um satte 5:29 Minuten. Und ­obwohl Wurfs Führung auf der Laufstrecke nur von kurzer Dauer ist und er am Ende Platz 17 belegt, drückt er dem Rennen durch diese sagenhafte Rekordfahrt seinen Stempel auf. Den Namen „Wurf“ hat die Triathlonwelt – spätestens seit diesem Zeitpunkt – abgespeichert.

Profis unter sich: Lucy Charles und Cameron Wurf vor dem Rennen bei der Challenge Roth.

Profis unter sich: Lucy Charles und Cameron Wurf vor dem Rennen bei der Challenge Roth.

Auf dem Papier ein Wahnsinniger

Manchmal ist es angebracht, einfach Zahlen sprechen zu lassen, um der gewünschten Aussage etwas Nachdruck zu verleihen – so ist es auch im Fall von Cameron Wurf. Seit 2016 startet der Australier als Profi-Triathlet. Im Qualifikationszyklus für die Ironman-WM auf ­Hawaii 2017 geht Wurf – das Hawaii-Rennen selbst ausgenommen – bei sieben Langdistanzen an den Start.

Den Ironman Arizona im ­November 2016 beendet er als 14., beim Ironman Cairns 2017 wird er Siebter, beim Ironman ­Südafrika Elfter, den Ironman Switzerland in Zürich finisht er auf Rang sieben, das Ironman-Rennen in ­Schweden beendet er auf Platz zwei und den – für sein hartes Strecken­profil bekannten – Ironman Wales gewinnt er im September 2017 schließlich sogar. Wurfs erster und bisher einziger Ironman-Sieg. Nur beim Ironman France 2017 in Nizza muss der mittlerweile 34-Jährige aussteigen. Macht acht Langdistanzen in elf Monaten. Als wenn diese Zahl nicht schon für unglaubwürdiges Kopfschütteln sorgen würde, lässt sich die Statistik sogar noch weiter auf die Spitze treiben: In den zwölf Monaten von Juni 2017 bis Juni 2018 macht Wurf zehn Langdistanzen und stellt bei sechs von ihnen einen neuen Radstrecken­rekord auf: 2017 in Cairns, Schweden und Kona, 2018 in Venedig, Nizza und Roth. Diese Zahlen und Fakten sollten ausreichen, um das Offensichtliche zu realisieren: Dieser Typ ist anders.

Zwei Langdistanzen in sieben Tagen

Wir treffen den 34-Jährigen einen Tag vor der ­Challenge Roth 2018. Nur sechs Tage zuvor belegte Wurf beim Ironman France in Nizza den dritten Platz. Seine „Wiedergutmachung für das DNF im Jahr zuvor“, wie er später erzählen wird. Klar, richtig ausgeruht kann man so wenige Tage nach einer Langdistanz nicht wirklich sein, aber mit viel Regeneration, ausreichend Schlaf und guter Ernährung zwischen den Rennen wird das schon irgendwie gehen – sollte man meinen. Aber Wurf ist kein großer Fan von Erholung: Zwei Tage vorher antwortet er per Handy auf die Frage, wann wir uns am Wochenende treffen sollen, direkt mit einem Foto vom Rad. Darauf zu sehen sind Christopher Froome, Michal Kwiatkowski und zwei andere Radprofis von Team Sky, die als Vorbereitung auf die Tour de France 2018 gerade in den Alpen trainieren. „Ich bin noch mit Team Sky im Kurztrainingslager und reise morgen an. Sobald ich da bin, gebe ich Bescheid“, schreibt Wurf als Erklärung zum Bild. Auf die Frage, was er denn drei Tage nach und vier Tage vor einer Langdistanz noch großartig trainieren würde, sagt er trocken: „Also bei der Fahrt waren es 160 Kilometer mit 4.000 Höhenmetern – insgesamt etwas mehr als sechs Stunden. Gestern (den Freitag vor Roth) bin ich nur geschwommen, heute mache ich Pause. Das reicht mir als Regeneration.“ Wie gesagt, dieser Typ ist anders ...

Das ganze Porträt über Cameron Wurf und seinen Werdegang gibt es in der triathlon 162 zu lesen. Erhältlich am Kiosk oder digital.