Gefinisht, 10 Stunden geknackt, Wette gewonnen

10 Monate hat sich Daniel Eilers auf den Ironman Hamburg vorbereitet. Am zurückliegenden Wochenende war der große Tag für ihn. Rennbericht und Resümee vom Redaktionsrookie.

Von > | 21. August 2017 | Aus: SZENE

Ein Moment, der lange in Erinnerung bleiben wird für unseren Redakteur Daniel Eilers: Der Zieleinlauf beim Ironman Hamburg.

Ein Moment, der lange in Erinnerung bleiben wird für unseren Redakteur Daniel Eilers: Der Zieleinlauf beim Ironman Hamburg.

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

"Ich reiße die Arme hoch, als hätte ich grad gewonnen"

Von jetzt an beginnt mein bisher härtester Kampf ums Finish – ohne Ästhetik und Leichtigkeit, aber mit dem Willen, das Rennen im Ziel zu beenden. Andreas Raelert hat mal in einem Gespräch mit mir gesagt: „Bei der Langdistanz geht’s darum, wie man mit Problemen umgeht.“ Zu spät erkenne ich, worin die Herausforderung einer Langdistanz tatsächlich besteht. Die Distanz ist einfach zu lang, um ein perfektes Rennen abzuliefern. Verschwommen? Zeitstrafe? Hiermit vergessen. Ich nehme mir felsenfest das Finish vor – koste es, was es wolle, wenn nötig auch die Wade. Am Streckenrand stehen Freunde und Bekannte, denen ich meine, etwas schuldig zu sein. Denn eine Langdistanz ist eine ziemlich egoistische Angelegenheit: Ein Jahr lang dreht sich das Meiste um einen selbst, vieles muss sich dem Schwimmen, Radfahren und Laufen unterordnen.

Nach 8,5 Stunden habe ich 30 Kilometer voll und biege auf die letzte von vier Runden entlang der Alster ein. Mittlerweile ist auch der Kopf „matschig“. Jetzt weiß ich, warum Triathleten nie vom „Marathon“ sprechen, sondern immer nur vom „Laufen“. Die Vorstellungen, nach 3,86 Kilometer im Wasser und 180 oder 182 Kilometer auf dem Rad einen Marathon zu laufen, ist schlichtweg absurd. Auch wenn die Konzentration nachlässt, läuft die Versorgung immer noch top. Die Nahrungsaufnahme scheint ein instinktiver Prozess zu sein, der bei mir – auch wenn man es nicht auf den ersten Blick sieht – ziemlich stark ausgeprägt ist. Meine spontane Lust auf feste Nahrung stille ich mit Salzbrezel und einen Riegel. Doch der Wadenschmerz wird langsam unerträglich. Immer wieder lege ich Gehpausen ein, laufe wieder an und muss anhalten. Hilft alles nichts, sage ich mir: Du gehst, wanderst, läufst und kriechst, wenn nötig, das Ding heute ins Ziel. Acht Kilometer vor Schluss rechne ich nach: Etwa 1:20 Stunden bleiben mir für eine Zeit unter zehn Stunden und für den Gewinn der Wette. Das muss ich hinkriegen!

Gezeichnet und glücklich: Nach 9:29:16 Stunden liegt die erste Langdistanz hinter unserem Redakteur.

Gezeichnet und glücklich: Nach 9:29:16 Stunden liegt die erste Langdistanz hinter unserem Redakteur.

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

Ich nehme mir die letzten Kilometer noch mehr Zeit zum Dehnen, um bloß keinen Muskelriss zu riskieren. Ein letzter Strecken-Kuss für meine Freundin (Ist das schon Coaching und gibt eine Zeitstrafe?), kurz darauf offenbart sich mir die Binnenalster, weit ist es nicht mehr bis zum Zielteppich auf dem Rathausmarkt. Ich denke zurück, wie ehrfürchtig ich vor mehr als neun Stunden auf die Binnenalster blickte, mit der ich mich verbünden wollte. Ein naiver Gedanke. Die einzige Allianz, die man schmieden kann, ist die mit dem Kopf gegen den Körper.

Platzierung

Gesamtzeit

Swim

T1

Bike

T2

Run

  1. AK, 54. Gesamt

9:29:16

1:03:41

4:32

4:57:59 (inkl. 5 min Zeitstrafe)

3:49

3:19:16

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"Ich brauche Krücken"

Mit jedem weiteren Schritt am Alsterufer bleibt ein Teil der Qualen auf der Strecke, solange, bis nichts mehr da ist, außer Stolz in seiner reinsten Form. Zielmoderator Till Schenk wird gleich den Satz rufen, für den man so viel geopfert hat: „You are an Ironman.“ Als ich auf die Finishline einbiege, sehe ich auf der Ergebnistafel das Resultat des Athleten vor mir: 9:29:52 Stunden. Sieben Sekunden, verwechsle ich Brutto- mit Nettozeit, das schaffe ich – und beiße ein letztes Mal die Zähne zusammen und verzichte dafür sogar auf meinen Ritterschlag von Till Schenk.

Mit Überschreitung der Ziellinie fällt wirklich alles ab, sogar die angespannten Gesichtszüge. Ich schaffe es dennoch die Hände nach oben zu reißen, so als hätte ich grad das Rennen gewonnen. Kurz darauf sinke ich am Gitter zusammen und muss mich stützen. Den Kampf ums Finish habe ich tatsächlich gewonnen. Die Wette mit Nils auch. Als mich eine Helferin in den Arm nimmt und aus dem Zielbereich führt, ist der erste Satz, den ich wieder rausbringen kann: „Ich glaube, ich brauche Krücken.“ Danach kommen zwei Sanitäter, die mich zu den Duschen schleppen. So viel ist klar: Ich habe alles gegeben, mehr wäre nicht gelaufen und gegangen.