„Gehen Sie zurück auf Los"

Sebastian Reinwand hat mit seinem Projekt, bei seiner ersten Langdistanz in Roth unter acht Stunden zu finishen, polarisiert. Dieses Projekt findet nun ein jähes Ende, denn Sebastian ist verletzt. Wie es weitergeht, erzählt er im aktuellen Blog.

Von > | 22. Mai 2019 | Aus: SZENE

Beim Bikefitting und später auf der Bahn wurde Sebastians optimale Aeroposition erarbeitet.

Beim Bikefitting und später auf der Bahn wurde Sebastians optimale Aeroposition erarbeitet.

Foto >privat

Es hat mich schon als Kind bei Monopoly aufgeregt, wenn es nicht nach meinem Plan lief, und im echten Leben umso mehr und Sport ist nun mal mein Leben. Einigen dürfte schon aufgefallen sein, dass ich bei der Challenge Heilbronn nicht am Start war. Der Grund dafür ist simpel, ich bin verletzt.

Die hohen Trainingsumfänge und der enge Zeitplan waren bekanntermaßen eine Gratwanderung, die hier vorerst endet. Ich muss meinen Start bei der Challenge Roth dieses Jahr absagen, weil mir ein Ödem am Schambein zu schaffen macht und kein geregeltes Training möglich ist. Mir ist die Entscheidung alles andere als leicht gefallen, doch „Wegspritzen“ ist acht Wochen vor dem Wettkampf keine vielversprechende Option und nochmals eine mehrmonatige Verletzungspause zu riskieren ebenfalls nicht. Deshalb gibt es keine vernünftige Alternative zur Pause.

„Es ist gekommen, wie es kommen musste“, wird es aus einigen Kritikern mitunter schadenfroh herausplatzen, damit kann und muss ich nach meiner Ansage leben. Ganz Unrecht werden sie damit auch nicht haben, ich habe das Training nicht gerade zimperlich gesteigert, doch mit weniger wäre das Projekt „Sub 8“ von vornherein nicht realisierbar gewesen. Dennoch bereue ich meine Entscheidung, es probiert zu haben, nicht. Das hohe Verletzungsrisiko dabei, in so kurzer Zeit von 0 auf 226 zu gehen, war mir bewusst und Kalkül. Muskeln passen sich schneller an als Sehnenansätze, das Herzkreislaufsystem sowieso. In diesem Fall waren die Adduktoren meine Schwachstelle. Mir hat der enge Hüftwinkel auf dem Zeitfahrrad vor allem bei intensiven Belastungen zunehmend Probleme bereitet. Muskulär war ich zu dem Zeitpunkt eigentlich bereits gut adaptiert, hatte vor allem nie die befürchteten Rückenschmerzen, keine Schulterschmerzen mehr und der Nacken war erträglich.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Nun bin ich vorerst gescheitert und schulde Andi Böcherer einen Kasten Bier. Mit etwas Glück kann ich im Herbst immerhin noch bei einem Triathlon starten, ganz sicher aber mit einem Trainingsaufbau und ohne Zeitdruck in Roth 2020. Das ist nicht mein erster Rückschlag als Sportler und bisher folgte darauf immer ein Höhepunkt. Wenn ich eines dabei gelernt habe, dann ist es, dass man es nicht erzwingen kann, Motivation hin oder her. Vor allem werde ich erst mit einer Laufform von ca. 30 Minuten über zehn Kilometer wieder in die volle Vorbereitung starten, um eine Baustelle weniger zu haben, so wie der ursprüngliche Plan war.

Ich möchte nicht behaupten, dass bis zum jetzigen Zeitpunkt alles wie am Schnürchen lief, aber gut genug, um an die acht Stunden zu glauben. Beim Schwimmtest bin ich zuletzt 3800 Meter GA1/2 im „Rebel Pro“ von Sailfish in 55:16 Minuten geschwommen. Für mich ausreichend schnell, um mit Neoprenanzug im Kanal und mit dem Sog der richtigen Gruppe die anvisierten 50 Minuten zu schaffen.

Weil mehrmals die Nachfrage kam: Ich zeichne mein Schwimmtraining nicht mit Uhr auf und halte nur die Trainingsdauer fest. Ich kann leider keine offizielle 1500-Meter-Beckenzeit nachweisen, aber wer kann das schon? Das ist vielleicht nicht zufriedenstellend, aber beim Rothsee Triathlon bin ich 2014 in der Staffel 19:26 Minuten geschwommen und beim Fuschlsee-Crossing 2016 die 4,2 Kilometer in 1:00:06 Stunden. Am Rothsee war aber meiner Meinung nach die Strecke etwas zu kurz, die Einzelstarter sind damals nach 17:50­­­-18:20 Minuten aus dem Wasser.

Ansonsten sind Begleiter im Training in den nächsten Monaten jederzeit willkommen, dann muss nicht so viel spekuliert werden und ein zweites Mal google ich nicht selbst.

Sebastian ist zuversichtlich, dass er 2020 sein Vorhaben realisieren kann.

Sebastian ist zuversichtlich, dass er 2020 sein Vorhaben realisieren kann.

Foto >Oliver Farys

Natürlich gab es auch Negatives, eine Woche im tiefen Tal des Übertrainings möchte ich nicht verschweigen. Wer nicht zusätzlich noch arbeiten geht, tendiert nämlich dazu, die gewonnene Zeit mit möglichst viel Training zu füllen. So ziemlich jeder ambitionierte Ausdauersportler dürfte so schon an seine Grenzen gestoßen sein. Diese Erfahrung gehört dazu, wenn man den roten Bereich auslotet und versucht, das Maximale aus sich herauszuholen. Ich hatte Frederic Funk am Ende seines relativ harten Trainingsblocks bei einem 10-Kilometer-Wettkampf getroffen, den wir gemeinsam als Test nutzen wollten und er hat nach fünf Kilometern in 16 Minuten die Segel gestrichen. Eine Woche später und erholt ist er mal eben im Training eine Stunde lang 350 Watt gefahren und war noch nicht einmal am Limit, das gibt es so auf Strava nachzulesen. Bei mir war es die Woche direkt nach dem Koppeltraining mit dem Halbmarathon und Tempowechseln. Das hat sich alles noch leicht angefühlt aber drei Tage später waren die Beine plötzlich leer. Und zwar so leer, dass ich bei der Leistungsdiagnostik mit der 305-Watt-Stufe richtig zu kämpfen hatte und den Rampentest 20 Schläge unter meinem Maximalpuls abgebrochen habe. Danach habe ich mich mittags ins Bett gelegt und erstmal bis 21 Uhr geschlafen, kurz gegessen und bis zum nächsten Morgen weitergeschlafen. Fast in alter Frische (oder auch nicht) ging es am nächsten Tag nach Büttgen zum Aerotest, wo jeder meiner 14 vierminütigen Runs deutlich über der Abbruchstufe vom Vortag lag und am nächsten Tag stand noch der Doppeltest am Laufband an. Da kann sich jeder selbst ausmalen, wie viel Spaß mir diese Woche bereitet hat.

Der Aerotest war vielversprechend

Für alle, die es jetzt trotz meiner Absage noch interessiert, hier meine Zusammenfassung vom Aerotest mit Benja Herrera von ProAthletes auf der Radrennbahn in Büttgen. Das exakte Procedere gibt es inzwischen ja vielfach von diversen Profis auf Youtube zu sehen, deshalb beschränke ich mich auf die Ergebnisse.

Wir haben vor allem unterschiedliche Lenkerwinkel, Helme und Flaschen ausprobiert. Laufräder haben wir nicht getestet, weil Scheibe immer schneller ist und es auf der Bahn keine Seitenwinde gibt. Simplon hat ein Cockpit mit im Winkel frei verstellbaren Extensions konstruiert, sodass wir wirklich jede Position durchprobieren konnten. Sehr zu meinem Leidwesen hat sich möglichst steil als am schnellsten erwiesen. Lang und flach fand ich bequemer, aber wer schnell sein will, muss leiden. Mit Abstand am schnellsten war bei mir und den anderen beiden Probanden an dem Tag der Uvex Helm und richtig schnell wird er, wenn ich den Kopf tief unten halte und fast in die Arme lege. Zwischen Aeroflasche und normaler Flasche am Rahmen war nur ein geringer Unterschied messbar, weshalb ich dazu tendierte, aus praktischen Gründen bei der normalen Flasche zu bleiben.

Nun zur großen Preisfrage, wie schnell ich mit meiner Position fahren kann, beziehungsweise wie viel Watt ich treten muss um 4:40 Stunden minus Wechselzeit zu fahren. Die Hochrechnung von Benja besagt, dass ich bei 240 Watt knapp unter 4:27 Stunden bleiben würde. Das gilt für 180 Kilometer flach und zu einhundert Prozent in der optimalen Aeroposition. Nach den Erfahrungswerten von Benja ist die Radstrecke in Roth mit ihren 178 Kilometern keine zehn Minuten langsamer als die Hochrechnung. Wie schnell ich danach noch laufen kann? Das werden wir alle leider erst bei der Challenge Roth 2020 erfahren.