Hawaii, der Vulkan und der Ironman

Seit zwei Wochen brodelt er heftig, der Kilauea-Vulkan im Süden von Big Island, Hawaii. Neue Spalten reißen auf, Häuser verbrennen, die Erde bebt. Gefährdet die Eruption den Ironman?

Von > | 18. Mai 2018 | Aus: SZENE

Der aktuelle Ausbruch des Kilauea zerstört Häuser und Straßen im Osten von Big Island.

Der aktuelle Ausbruch des Kilauea zerstört Häuser und Straßen im Osten von Big Island.

Foto >U.S. Geological Survey

Die Fernsehbilder gehen um die Welt: Im Süden von Big Island reißt in einem Wohngebiet die Erde auf, Lava brodelt aus dem Untergrund, fließt über Straßen, begräbt ein Auto, setzt Häuser in Brand. Der Tourismus bricht ein, auch unsere Redaktion erreichen immer wieder Fragen: Ist der Ironman in Gefahr? Wir fassen die Fakten verständlich zusammen.

Wo liegt der Kilauea?

Der Kilauea-Vulkan liegt im äußersten Osten der Insel Big Island mitten im Pazifik. Entstanden ist er über einem "Hot Spot", einer Art "Schneidbrenner", der mit großer Hitze die pazifische Kontinentalplatte durchbohrt und das hawaiianische Archipel entstehen ließ. Die aktuelle Aktivität ereignete sich in der Ortschaft Leilani Estates bei Pahoa. Das Gebiet ist rund zwei Autostunden vom auf der Insel entgegengesetzt gelegenen Ironman-Wettkampfort Kailua-Kona entfernt (Kona bezeichnet die ganze Nordwestküste von Big Island, Kailua ist der am erloschenen Vulkan Hualalai gelegene Hauptort). Zwischen Kailua-Kona und Pahoa liegen nicht nur über 100 Kilometer Luftlinie und der Hualalai, sondern vor allem das mächtige Massiv des Mauna Loa, eine der größten Bergmassen der Welt.

Wann begann der Ausbruch des Kilauea?

Der aktuelle Ausbruch des Kilauea dauert bereits seit dem 3. Januar 1983 an. Seit über 35 Jahren ist der Vulkan dauerhaft aktiv, vor allem in seinem Hauptkrater Halemaumau (mit angrenzendem Visitor-Center) und im Puu Oo. Immer wieder wurden Straßen und Ortschaften in Mitleidenschaft gezogen.

Was ist aktuell passiert?

Nach einer Phase des Anstiegs der Lavaspiegel in den beiden eben genannten Kratern fielen die Pegel Ende April plötzlich ab. Die Experten vom Hawaiian Volcano Observatory warnten schnell davor, dass die Lava offensichtlich in andere Kanäle abgeflossen sei und an anderer Stelle austreten werde. Das passiert seit dem 3. Mai in der Ortschaft Leilani Estate in der östlichen Riftzone (einer Art Grabenbruch) des Kilauea in der Ortschaft Leilani Estates. Bis heute haben sich rund 20 Spaltenrisse gebildet, aus denen Lava fließt. Begleitet wurden diese Spalteneruptionen durch einen sogenannten Erdbebenschwarm. Rund 2.000 Menschen wurden evakuiert, viele Straßen gesperrt. 40 Häuser wurden mittlerweile zerstört, die Bevölkerung ist alarmiert, dass es auch ohne Vorwarnzeit zu weiteren Evakuierungen kommen kann. Allerdings wurden einige Warnhinweise des Hawaiian Volcano Observatory (auch in großen deutschen Medien) überinterpretiert: Das aktuelle "Volcano Alert Level" ist "Warning", lediglich für den Luftverkehr gilt der "Aviation Color Code" der Farbe rot, also ein Flugverbot in der Aktivitätszone, da die vulkanische Asche die Triebwerke der Flugzeuge schädigen kann. Dieses Verbot hat aber längst nicht so weitreichende Ausmaße wie beim Ausbruch des Eyjafjallajökull in Island im Jahr 2010, der den gesamten Flugverkehr über dem Nordatlantik und in weiten Teilen Europas zeitweise lahmgelegt hatte.

Der \"leergelaufene\" Krater des Puu Oo

Der "leergelaufene" Krater des Puu Oo

Foto >U.S. Geological Survey

Welche Gefahren bestehen zurzeit?

Im Eruptionsgebiet wurde der Notstand ausgerufen, um möglichst wenige Menschen in der Region zu halten. Auch wenn die Aktivität in den Rissen zuletzt etwas zurückgegangen ist, kann diese jederzeit an den bestehenden und auch neuen Stellen wieder zunehmen. Aus den Rissen entweichen vulkanische Gase, die die Atemwege irritieren und vor allem Ältere, Kinder und Menschen mit Atemproblemen gefährden. Auch aus den Kratern, in denen der Lavaspiegel akut um teilweise mehrere Hundert Meter gesunken ist, drohen Gefahren. Einerseits hat es in den letzten Tagen viele Explosionen gegeben, als Teile der bisherigen Kraterwände abgebrochen und in die Tiefe gefallen sind. Dadurch sind bis zu 10.000 Meter hohe Aschewolken entstanden. Experten warnen davor, dass die Lava an einigen Stellen unter den Grundwasserspiegel absinken könnte. Das dann einströmende Wasser würde bei Berührung mit der über 1.000 Grad heißen Lava verdampfen und weitere Explosionen auslösen, die mehrere Tonnen schwere Gesteinsbrocken über große Distanzen schleudern könnten. Weiterhin besteht rund um die Ausbruchsstellen – auch bis nach Kailua-Kona reichend – eine erhöhte Erdbebengefahr. Und schließlich hängt es vom Wind ab, in welche Richtung sich der sogenannte VOG ausbreitet. Analog zum SMOG bezeichnet man als VOG eine Wolke vulkanischen Ursprungs, die neben Wasser und Kohlendioxid vor allem Feinstaub und Schwefeldioxid enthält. In den letzten Jahren waren auch zur Ironman-Zeit gelegentlich die bräunlichen Wolken auch über Kailua-Kona zu erkennen.

Aschewolke über dem Halemaumau-Krater am Gipfel des Kilauea

Aschewolke über dem Halemaumau-Krater am Gipfel des Kilauea

Foto >U.S. Geological Survey

Was passiert als nächstes?

Das Hawaiian Volcano Observatory und andere Organisationen beobachten die Lage rund um die Uhr, können aber keine präzisen Prognosen abgeben, was nun passieren wird. Wie beschrieben dauert der Ausbruch des Kilauea bereits seit 1983 an und hat dabei immer wieder sein Gesicht verändert. Die Schätzungen haben eine Bandbreite vom langsamen Erlöschen der Eruption bis hin zum Worst-Case-Szenario, dass die durch die flüssige Lava unterhöhlte gesamte Ostflanke der Insel ins Meer abrutscht. Bei Tauchfahrten im Pazifik sei erkannt worden, dass auch dieses Szenario keine Seltenheit in der geologischen Geschichte von Hawaiis jüngster Insel ist.

Rauchsäulen über den Spalteneruptionen in den Leilani Estates

Rauchsäulen über den Spalteneruptionen in den Leilani Estates

Foto >U.S. Geological Survey

Welche weiteren Auswirkungen hat der Ausbruch?

Der Tourismus auf Hawaii beklagt erste massive Einbrüche. Die ersten Reedereien haben Kailua-Kona als Anlaufhafen von ihren Touren gestrichen, da mit dem inzwischen gesperrten Volcanos National Park (zwei Millionen Besucher jährlich) eine wichtige Attraktion auf der Insel fehle und viele (in der Tendenz ältere) Reisegäste Angst vor weiteren Ausbrüchen und Atemwegsproblemen hätten. Das wirkt sich auch auf die Infrastruktur von Kailua-Kona aus: Viele Triathleten kennen beispielsweise die Schnorcheltouren auf den Body-Glove-Booten, die aufgrund des Ausbleibens der Kreuzfahrttouristen reihenweise abgesagt werden. Die Ironman Foundation hat kürzlich 50.000 US-Dollar an die von den Ausbrüchen direkt betroffenen Menschen in den Leilani Estates gespendet.

Ist die Ironman World Championship am 13. Oktober 2018 gefährdet?

Nein, nicht durch den Ausbruch des Kilauea direkt. Es bleibt abzuwarten, wie sich die seismische Aktivität, die Luftqualität und die Tourismuswirtschaft in der Region weiter entwickeln. Einige Experten halten einen Ausbruch des Mauna Loa für überfällig – sollte sich dieser an der Westflanke ereignen, würde das große Teile der aktuellen Strecke beeinträchtigen. Allerdings gibt es dafür derzeit keinerlei Anzeichen.