Die Erfüllung eines Traums

Kaffeeboot, Pazifik und Macadamia-Pfannkuchen: Nach ersten Anlaufschwierigkeiten erliegt Katrin Friedrich dann doch dem Charme von Big Island. Nur noch zwei Tage bis zum Startschuss für unsere Bloggerin.

Von > | 13. Oktober 2017 | Aus: SZENE

Katrin Friedrich beim Schwimmen im Pazifik.

Katrin Friedrich beim Schwimmen im Pazifik.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Die Eindrücke und Erlebnisse der letzten Tage hier in Kona sind so vielfältig, ich kann das kaum alles sortieren, geschweige denn irgendwie geistreich aufschreiben. Ich sehe den Wald vor lauter Palmen nicht! Da kommt man an, auf der Insel, die das Paradies sein soll, und hier soll also alles losgehen, was unter unter Triathleten die Etikette „Erfüllung deines Traums“ trägt. Aber was passiert erstmal? Eine Stunde lang stehen wir in der Schrummelbude des Autovermieters, eine weitere halbe Stunde im Stau auf einer potthässlichen Baustelle. Das ist mein erstes Meeting mit DEM Queen K Highway, dem berühmtesten Stückchen Straße der Triathlongeschichte. Hier wurden Helden geboren und Legenden geschrieben! Statt Feenstaub gibt’s heute Baustellendreck und Abgase für mich. Meine erste Radausfahrt mache ich also nicht in Richtung Flughafen, habe keine Lust, mich zwischen Blechkolonnen durchzuwursteln und mein Gesicht in den Auspuff der Autos zu halten. 

Ein Blick auf den Ironman-Streckenplan zeigt, dass es am Anfang ein Stück den Kuakini Highway zu fahren gilt, der sieht kleiner aus und ich fahre da hin. Es geht nur bergauf. Hitze. Die Kurbel geht schwer. Die Atmung auch. Nach einer halben Stunde sind alle drei Radflaschen leer getrunken. Ungezählte Autos donnern im Affenzahn an mir vorbei. Wütendes Hupen. Ich bin nicht eingecremt. Schützt Autoruß auf Schweißhaut eigentlich auch? Außer mir ist kein Athlet weit und breit zu sehen. Kein Wunder! Den Wendepunkt finde ich auch nicht und biege irgendwann entnervt ab in Richtung Alii Drive. Das ist direkt am Meer, ein Teil der Laufstrecke, da gibt es viele Hotels, da sollte es wohl ruhiger zugehen. Denke ich. Aber auch hier rollt Auto hinter Auto. Immerhin wird nur Schritttempo gefahren und sehe ich auch wieder andere Athleten, vornehmlich laufenderweise. Mit nacktem Oberkörper, ohne Körperfett. Einige scheinen den Renntermin auf heute vorverlegt zu haben.

Ich fahre die berüchtigte Palani Road hinauf, eine Straße, die am Meer ihren Anfang nimmt und zum Queen K Highway hinauf führt: Das steilste Stück der Laufstrecke! Nach einigen Meilen biege ich rechts ab, fahre durch Kaffeeplantagen. Es wird gleich acht Grad kühler und ich erreiche meine Unterkunft. Aus saftig grünen Urwaldpflanzen singen Paradiesvögel. Gurren, zwitschern, piepsen durcheinander - jeder in seiner eigenen Strophe. Einer von ihnen läuft vor meiner Terrasse herum. Hat einen roten Federkopf und sieht aus, als hätte er schon seinen Aerohelm auf!  Von meiner Terrasse aus sehe ich auch in der Ferne ganz unten die Küste. Da unten ist das heiße Getrubel und ich bin jetzt hier oben. Im Paradies!

Katrin Friedrich auf einer Radtour mit Thorsten Schröder.

Katrin Friedrich auf einer Radtour mit Thorsten Schröder.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Nach einiger Zeit der Schockstarre auf meiner Terrasse traue ich mich dann doch wieder nach unten ins Getrubel. Zum Glück, denn es gibt dort einiges zu erleben: Wie eine Provinzschauspielerin bei der Oskarverleihung fühle ich mich - habe es plötzlich mit geballter Prominenz zu tun! Die Lehrerin aus Hannover macht eine Radausfahrt mit dem Herausgeber der wichtigsten deutschen Triathlonzeitschrift. Dabei ist auch: Der sportlichste Nachrichtensprecher Deutschlands! Sie trifft Ronnie Schildtknecht beim Kaffee, quatscht auf dem Alii Drive mit einem zweifachen Hawaiisieger und isst zu Abend bei einem deutschen Triathlonprofi, der Chancen hat auf eine Top-Platzierung. Es folgen Einladungen zu Parties: Ein Hersteller von alkoholfreiem Hopfengetränk und ein Fahrradhersteller, der dem amtierenden Hawaii-Sieger sein Sportgerät zur Verfügung stellt, haben nichts dagegen, dass ich auch dabei bin. 

Am Ende der Fahnenstange aller Superlative steht aber ER. ER, der allerallerschönstebeste, tollste und anbetungswürdigstes Prominente. ER. Der Ozean! Das Morgenschwimmen: Das Wasser hat gefühlt Körpertemperatur, beherbergt die buntesten Fische aller Art, Schildkröten, Delfine. Die Farbe Blau wurde genau hier erfunden und in allen Variationen durchgetestet. Selbst die schwimmscheue Athletin gleitet hier lächelnd durch die Wellen. Ungefähr 500 Meter vom Strand entfernt steht das Coffee-Boat. Wir schwimmen hin. Ein Redakteur der erwähnten Triathlonzeitschrift balanciert seinen Becher auf der Stirn. Subtext: Nur Kaffee im Kopf. Er sieht aus wie ein Einhorn. Bekleidungsvorschläge für den Underpants-Run am nächsten Tag werden ausgetauscht. Kaffeeklatsch auf Hawaiianisch. Wir schwimmen einige hundert Meter weiter. Dort wirbt eine Boje für deutsche Schwimmflügel. Ich bin ein bisschen beleidigt. 

Nach dem Schwimmen gibt es Frühstück im „Daylight Mind“, Plätze direkt am Wasser, Schatten und angenehme Brise, Blick aufs Coffee Boat und auf den Teller mit Pfannkuchen und Macademia-Nüssen. In der Ferne spielt eine Delfinschule. Klar, am Ende gehts um das Rennen hier. Aber egal, wie das ausgeht: Dieses ganze Drumrum, das alleine ist schon sehr, sehr nah dran an „Erfüllung meines Traums“.