"Ich wäre total gern offensiver"

The Championship 2019 ist das erste große Saisonhighlight für Sebastian Kienle, nachdem er in Samorin bereits zweimal Zweiter wurde. Der 34-Jährige im Interview.

Von > | 31. Mai 2019 | Aus: SZENE

2017 und 2018 musste sich Sebastian Kienle bei The Championship nur Lionel Sanders geschlagen geben. Ob es dieses Jahr für den ersten Sieg in Samorin reicht?

2017 und 2018 musste sich Sebastian Kienle bei The Championship nur Lionel Sanders geschlagen geben. Ob es dieses Jahr für den ersten Sieg in Samorin reicht?

Foto >Michael Rauschendorfer

Sebastian Kienle, mit "The Championship" im Rahmen der Challenge Samorin steht nun dein erstes großes Saison-Highlight an. Die Ergebnisse in St. George und Heilbronn haben gezeigt, dass die Form zu stimmen scheint. Ursprünglich bist du aber mit einer Verletzung in die Saisonvorbereitung gestartet. Wie bist du mit dieser neuen Situation umgegangen? 

Die Probleme mit den beiden Achillessehnen hatte ich ja schon relativ lang – mal mehr, mal weniger. Am Ende war es vielleicht in der Nachbetrachtung gar nicht schlecht, dass es einmal zu einem so großen Problem geworden ist, dass wirklich gar nichts mehr ging. Nur das hat letztendlich dazu geführt, dass ich zum ersten Mal komplett pausiert habe. Es ist natürlich im Nachhinein immer viel leichter, das so entspannt zu sehen. Schmerzfrei bin ich eigentlich erst seit drei Wochen beim Laufen. Deshalb bin ich auch immer noch sehr vorsichtig, aber es ist seit vier Jahren das erste Mal, dass ich auch nach einem harten Rennen morgens ohne Schmerzen aufstehen kann. Das ist wirklich viel wert, man merkt vielleicht auch erst, wie froh man darüber sein kann, wenn man es wieder hat. Ich will nicht sagen, dass alles schon wieder perfekt ist und ich hundert Laufkilometer in der Woche angreifen kann, aber ich bin auf dem richtigen Weg. 

In anderen Interviews hast du dich bereits sehr defensiv geäußert, gerade was den Ironman Frankfurt und die Konkurrenzsituation dort angeht. Hat dich die Verletzung auch mental viel beschäftigt, da du lang gar nicht wusstest, ob du für die großen Rennen schon wieder fit sein kannst? 

Ja, auf jeden Fall. Ich wäre total gern offensiver, aber dafür braucht es halt auch einen Grund. Einfach nur die Fresse aufzureißen und dann richtig rasiert zu werden, dafür bin ich mittlerweile ehrlich gesagt echt zu lang im Sport dabei. Ich bin auch immer wieder amüsiert, wenn Leute sich das leisten. Wenn ich fit bin, dann sage ich das natürlich auch. Aber meine Äußerungen hängen nicht nur damit zusammen, dass ich noch nicht hundertprozentig in Form bin, sondern einfach auch an der Qualität, die da im Moment am Start ist – gerade auch von deutscher Seite. Und im Moment gibt es von mir noch nicht genug Anlass, um da eine offensivere Ansage zu machen. 

Zum Rennen am Sonntag: Du bist 2017 und 2018 hier in Samorin zweimal Zweiter hinter Lionel Sanders geworden, der dieses Jahr verletzungsbedingt allerdings nicht dabei ist. Wen schätzt du im Kampf um deinen ersten Sieg hier als deine stärksten Konkurrenten ein?

Es gibt den schönen Satz: „You can't defend speed.“ In diesem Sinne würde ich sagen, dass Ben Kanute sicherlich derjenige ist, den man ganz oben auf der Liste haben muss. Ich habe immer Respekt vor Leuten, die grundsätzlich schneller sind als ich. Ob sie das dann auch für eine längere Zeit halten können, ist eine andere Sache. Ben schwimmt unglaublich und selbst wenn es am Sonntag zu einem verkürzten Schwimmen kommen sollte, wird es da für mich immer noch eine ordentliche Packung geben – obwohl es in der ersten Disziplin bei mir gerade gut läuft. In Kombination mit beispielsweise Florian Angert und noch einigen anderen ist da dann echt eine schnelle Schwimmgruppe dabei, die auch stark auf dem Rad ist. Aus der Konstellation heraus würde ich erstmal sagen, dass Ben derjenige ist, den ich am stärksten einschätze – zumal ich bereits mehrfach gesehen habe, was er bereit ist, sich selbst anzutun, wenn er in Führung liegt und diese nicht mehr abgeben will. 

Würdest du sagen, dass die komplett flache Radstrecke dir entgegenkommt, um einen Schwimmrückstand zu egalisieren?

Also wenn ich das jetzt zum Beispiel direkt mit Ben vergleiche, kommt mir die flache Radstrecke sicher mehr entgegen als ein profilierter Kurs. Ich bin es gewöhnt, zwei Stunden in der Aeroposition zu fahren und konstant die Leistung zu bringen, während das Fahren in den Bergen immer etwas von Intervallen hat. Aber da gibt es zum Beispiel auch andere Leute wie Florian Angert, die auf solchen Kursen wie hier in Samorin besonders gut zurechtkommen – das hat man schon im vergangenen Jahr gesehen. Ihm gegenüber hab ich da sicherlich keinen Vorteil. Aber insgesamt muss man natürlich sagen, dass auf einem flachen Kurs Watt pro Luftwiderstand zählt und auf einem bergigen Kurs Watt pro Kilogramm Körpergewicht. Und momentan würde ich schon sagen, dass meine Leistung in Kombination mit dem Cda-Wert im weltweiten Vergleich besser ist als mein Verhältnis von Watt zu Körpergewicht.