Ihr großes Finale auf Hawaii

Unsere Bloggerin Katrin Friedrich erwischt beim Ironman Hawaii einen gebrauchten Tag, kämpft sich trotzdem tapfer ins Ziel. Ihr letzter, emotionaler Blog-Eintrag.

Von > | 17. Oktober 2017 | Aus: SZENE

Katrin Friedrich erreicht nach 11:34:58 Stunden das Ziel des Ironman Hawaii.

Katrin Friedrich erreicht nach 11:34:58 Stunden das Ziel des Ironman Hawaii.

Foto >Privat

"Schatz, warte nicht mit dem Essen auf mich"

„Schatz, warte nicht mit dem Essen auf mich, ich mache Überstunden“, möchte ich auf der Laufstrecke Robin, meinem Mann, zurufen. Geduldig steht er mit der Kamera stundenlang in der Hitze und fiebert mit. Genauso wie meine Kinder und Freunde nachts Zuhause am Livetracker. Am Ende wird jeder Meter bejubelt, den ich zurücklege. Traben, wandern, traben, Verpflegungsstation, Schwamm über den Kopf, Eis in die Mütze, ein Schluck Cola, ein Schluck Wasser, den Rest über den Körper gießen – beides nicht verwechseln! Und wieder: Traben, wandern, traben und so weiter und so weiter. Viereinhalb Stunden lang. Am Ende im Dunkeln. Die Sonne ist schon untergegangen. 

Ganz ehrlich: Nach meiner guten Vorbereitung hatte ich mir das Rennen anders vorgestellt. Die Bezeichnung „Rennen“ sagt ja schon alles. Aber die Insel wollte mir gestern eine Lektion in Demut erteilen. Unberechenbarkeit ist ein Reiz dieses Events hier in den salzigen Wellen, der Hitze und dem Wind in der Lavawüste. Du weißt vorher einfach nicht, was passieren wird. Nach dem Schwimmen und Radfahren mit Krämpfen ist mir beim Laufen spätestens ab Kilometer drei dann klar, dass es ein richtig langer Tag für mich wird. Ich muss mich irgendwann erstmal auf einen Stein setzen. Ich weiß nicht, wie lange ich da so sitze, es kommt jedenfalls ein Zuschauer vorbei, gibt mir die Hand und bietet mir an, ein Stück mit mir zu gehen. „Walking is better than sitting“, sagt der gut aussehende Mann und wir gehen ungefähr fünfhundert Meter nebeneinander her. Er quatscht einfach drauflos. 

Dann kann ich plötzlich wieder etwas traben und schaffe es bis zum Wendepunkt am Allii Drive. Bis dahin überlege ich noch, ob ich es wie Forrest Gump mache: Nach einem scheinbar ewig dauernden Lauf von der Ost- zur Westküste der USA steht er eines Tages mitten in der Wüste, in Momument Valley, eine riesige Schar Läufer pilgert hinter ihm her, in dem Glauben, sein Tun habe eine tiefer gehende Bedeutung. Forrest hält an, die Pilgerschar hinter ihm auch, alle warten gespannt auf seine Offenbarung. Forrest sagt: „Ich bin müde. Sehr sogar. Ich glaub, ich geh wieder nach Hause." 

Ich spiele weitere Optionen durch. Weinen. Zum Beispiel. Führt aber zu nichts. Ich trabe am White Sands Beach vorbei. Jetzt einfach mit Klamotten in den Ozean springen, in den Wellen toben und allen eine lange Nase zeigen. „Tut mir leid, Sie haben die offizielle Wettkampfstrecke verlassen und sind disqualifiziert.“ „Ohhhh, das ist aber seeeeeehr schaaaade…“ Nein, auch diesem Impuls gebe ich nicht nach. Es gehört zum Spirit dazu, das Ding zu Ende zu bringen. Im Reglement steht, man darf die Laufstrecke im Laufen, im Gehen oder auch kriechend absolvieren. Zu einer dieser Möglichkeiten werde ich ja wohl noch in der Lage sein! Und bis zum Zielschluss um Mitternacht schaffe ich es in jedem Fall. Na, gut. Kriechen würde vielleicht eng. Ich ziehe in Erwägung, das Ganze so lange auszudehnen, dass ich als letzte Athletin auf der Finishline-Party abgefeiert werde. Schlussendlich fasse ich den pragmatischen Plan, erstmal bis zur Palani Road weiterzutraben, mir am Anstieg wieder eine Gehpause zu erlauben und dabei zu überlegen, ob ich die 30 Kilometer in der Lavawüste noch mache. Unglaublich viele Zuschauer stehen jubelnd am Rand und bewundern, wie ich und hunderte andere den Anstieg hochschleichen. „Looking good!“ „Great Job, great Job!“ Für Augenwischerei ist man hier ja immer zu haben. Aber ich bin froh, dass sie nicht rufen: „What a snail you are!“ „You look so fucked up - better get out of the race.“ 

Aufhören geht jetzt gar nicht. Ich höre dann mal auf zu denken, biege ab und es ist klar: Das ziehst du jetzt durch! In der Lava treffe ich einen Mann aus Texas, der sagt: „At home nobody really knows the meaning of the results. Go for a finish.“ Eine Weile laufe ich mit einem jungen Mann aus Guatemala, er ist einer von nur drei Athleten aus seinem Land und hat wie ich einen gebrauchten Tag erwischt. An den Getränkestationen klöne ich mit den Helfern, bedanke mich und werde bejubelt. Die inspirierendste Begegnung des Tages habe ich am Ende. Das Energy Lab ist längst durchlaufen. Es sind noch sechs Kilometer ins Ziel. Einmal um den Maschsee. Es ist schon dunkel. Gerade wandere ich mal wieder, als mich eine Frau im weißen Dress überholt. Ihr Tempo ist wie gemacht für mich und ich hänge mich an sie dran. Sie heißt Claire, kommt aus Südafrika und schenkt mir ein Stück Brot, das sie im Energy Lab ergattert hat. Ich sterbe vor Glück über dieses Nahrungsmittel, das sage ihr genauso und sie lacht sich halb kaputt. Humormäßig sind wir voll auf einer Wellenlänge. Die Abbiegung vom Highway zur Palani Road ist beleuchtet, das sieht man von Weitem.