Der Ironman Frankfurt, wo alles begann

Nach dem Langdistanz-Debüt vor vier Jahren beim Ironman Frankfurt sind die Piris nun dorthin zurückgekehrt. Für Silke endete der Tag mit dem Europameistertitel, bei Chris kam nach längeren Motivationsproblemen die Leidenschaft am Sport zurück.

Von > | 10. Juli 2019 | Aus: SZENE

Silke auf dem Weg zum Europameistertitel in der Mainmetropole.

Silke auf dem Weg zum Europameistertitel in der Mainmetropole.

Foto >finisherpix.com

Drei Uhr, der Wecker klingelt: It’s Race Day again.

Silke macht sich bereit

Ein ganz normaler Rennmorgen, der Kreislauf sackt ab und ich hüpfe wieder zurück ins Bett, ein gutes Zeichen.

Ab zum Bus und in die Wechselzone. Am Rad alles richten, Chris immer an meiner Seite und mit dem Blick fürs Wesentliche. Ich merke, dass er heute gut drauf ist – er zeigt keine Anzeichen von Nervosität oder Ähnliches. Das kenne ich von ihm nicht und ich freue mich, mit ihm hier wieder an der Startlinie stehen zu können!

Ich friere, da ich nichts zum Überziehen habe, es ist noch ganz schön frisch. In der Dixi-Schlange sehe ich eine Athletin, die mit mir schon in Alsdorf beim Duathlon am Start ist. Die Worte ihres Begleiters kommen mir wieder in den Sinn: „Da ist die dritte Frau, die packst du locker!“

Ab da ist mein Ehrgeiz geweckt, bei diesem Rennen nicht locker eingeholt zu werden. Für mich steht fest: Das wird mein Tag und mein Comeback in Frankfurt. Ich will Spaß haben und mit einem breiten Lächeln ins Ziel fliegen, denn ich darf heute zeigen, wie viel Freude es mir macht, Schwimmen, Radeln und Laufen zu kombinieren.

Chris spult seine Routine ab

Nachdem ich es geschafft habe, Silke wieder zu beruhigen und ihr Material zu checken, geht es an mein Rad. Luft rein, Verpflegung installieren und alles durchschauen. Fertig, der Start kann kommen – ich habe Bock.

Silke hat Startschwierigkeiten

Ich freue mich sehr aufs Schwimmen, denn das wird heute wohl noch die kühlste und angenehmste Zeit sein. Falsch gedacht. Schon beim Gang ins Wasser werde ich von links und rechts gehauen, getreten und ins Wasser geprügelt. Die spinnen doch alle. Kaum im Wasser, habe ich große Probleme mit der Atmung. Panik kommt auf, ich versuche mich zu beruhigen und meinen Rhythmus zu finden, es klappt. Das kann ja was werden. Trotz allem stelle ich mich meiner schwächsten Disziplin und komme zum Landgang. Jetzt noch das längere Stück und dann ist Teil eins überstanden.

Meine Uhr zeigt 1:14 Stunden an, ich werde von Glücksgefühlen gepackt und renne beflügelt aus dem Wasser. Gut, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht bemerkt habe, dass meine Uhr eine falsche Zeit anzeigt und es letztendlich doch nur 1:21 Stunden waren. Das ganze Schwimmtraining, die Versprechungen, dass ich locker zehn Minuten gutmachen kann, waren zerplatzt wie Seifenblasen. Genau wie das Geld und die Zeit, die ich im Winter und Frühling investiert habe.

Chris ist zufrieden

Ab in die Startbox, ich hatte noch den Satz von unserem ehemaligen Schwimmtrainer im Ohr, dass 55 Minuten für mich auch ohne Neo möglich seien. Also direkt mal zu den Sub-1-Schwimmern gestellt. Ruckzuck geht es auch schon los. Das Wasser ist angenehm warm und es macht tatsächlich Spaß, zu schwimmen – ein neues Gefühl für mich. Auch die zweite Runde nach dem Australian Exit läuft gut und ich komme Richtung Wechselzone. Ein Blick auf die Uhr, 1:01 Stunden. Ich bin zufrieden. Aber es wurmt mich, dass ich im Winter so viel fürs Schwimmen investiert habe und nichts Brauchbares dabei rauskommt.

Silke nimmt Fahrt auf

Ich freue mich riesig, in die Pedale zu hauen und genieße es, auf meinem Liv Avow zu sitzen. Das Rennen beginnt, denn ich weiß, dass ich mindestens 20 Minuten Rückstand durch meine Schwimmschwäche reinholen muss. Aber das sehe ich gelassen, ist ja nichts Neues für mich. Ich genieße den Fahrtwind und sauge die geniale Stimmung und Atmosphäre hier in Frankfurt auf. Die erste Runde läuft gut, doch ich merke, wie windig es ist und dass die Strecke an ein paar Abschnitten echt Körner zieht. So ganz will das Garmin auch nicht die Wattwerte anzeigen, die ich im Kopf habe und ich hake schnell ab, hier unter 5:20 Stunden zu fahren.

Dankbar, dass ich keine Panne oder sonstige Missgeschicke hinter mir habe, erreiche ich die Wechselzone. Allerdings muss ich an der dieser Stelle auch mal ein riesiges Dankeschön an meinen Mann aussprechen, der einfach der beste Rad-Mechaniker überhaupt ist. Nur Dank ihm habe ich ein so top gepflegtes und gewartetes Bike. Kaum habe ich die Laufschuhe an, habe ich das Gefühl zu fliegen.

Chris hält sich auf dem Rad zurück und freut sich auf T2.

Chris hält sich auf dem Rad zurück und freut sich auf T2.

Foto >finisherpix.com

Chris ist nicht allein

Die ersten Kilometer bis Frankfurt laufen super gut, ich finde mein Tempo und meinen Rhythmus. Bei Kilometer 70 bekomme ich dann den ersten Dämpfer im Kopf. Ein Athlet hat wohl den Triathlon mit einem Radrennen verwechselt. Bis Kilometer 130 fährt er ununterbrochen im direkten Windschatten. Nicht drei oder vier Meter, eher 30 Zentimeter. Leider war in der Zeit kein Kampfrichter in der Nähe. Randnotiz: Der Athlet konnte den Wettkampf später nicht beenden und brach den Marathon ab.

Diese Situation bringt mich aus dem Konzept, da wir das Ganze ja für uns machen und ich könnte nicht in den Spiegel schauen, wenn ich nach unfairem Verhalten eine gute Platzierung oder einen Hawaii-Slot hätte. Auf der zweiten Runde merke ich schon die Hitze, und der Wind wird stärker. Ich will nicht überpacen und nehme beim letzten Drittel einfach etwas Tempo raus. Auch das kenne ich von mir nicht. Aber es macht mir nichts aus.  Ich freue mich, bald in die Wechselzone einzufahren und noch einen Marathon rennen zu dürfen.

Silke läuft zum Titel

Die Zuschauer klatschen, schreien und ich höre von überall meinen Namen. Ich kann nicht anders, als zu lächeln und mich zu freuen. Ich sehe Peter an der Strecke, er ruft mir zu, ich solle nicht überpacen und trinken. Chris sei drei Minuten vor mir und ich wäre auf Platz fünf. Interessiert mich nicht, ich will nur zu Chris laufen und wissen, ob es ihm gut geht. Er macht einen guten Eindruck und hat Spaß, doch ich habe das Gefühl, er spielt mit etwas vor. Er rennt ein Stück mit mir mit und wir können uns kurz austauschen. Ich solle rennen, sagt er zu mir. Mit einem unguten Gefühl befolge ich seine Worte und laufe ihm davon. Ich habe Spaß und mache einfach nur mein Ding. Ich bin nicht hier, um Rekorde aufzustellen, sondern um gesund und munter ins Ziel zu kommen. Ich habe nicht wirklich auf die Uhr geschaut und bin einfach nach Gefühl gerannt. Runde drei, ich bin auf eins und mein Vorsprung ist wohl groß geworden. Ich nehme etwas Tempo raus, da es doch sehr heiß ist und ich etwas Energie verliere. Also weiter kühlen, trinken und lächeln.

Von den Zuschauern bekomme ich immer zugerufen, dass ich auf eins sei und einen großen Vorsprung habe. Ich kann das gar nicht glauben und weiß, dass beim Laufen alles passieren kann. Ich stelle mich darauf ein, nochmal anzuziehen, wenn es sein muss, denn nun will ich meinen Platz verteidigen und mir den Traum erfüllen, in Frankfurt auf dem Podium zu stehen.

Der Ironman Frankfurt ist Geschichte und für Silke steht im Oktober der dritte Start auf Hawaii an.

Der Ironman Frankfurt ist Geschichte und für Silke steht im Oktober der dritte Start auf Hawaii an.

Foto >Privat

Chris genießt die dritte Disziplin

Zum ersten Mal ziehe ich mich in der Wechselzone komplett um. Den schnellen Aerosuit tausche ich gegen ein luftige Laufhose und ein Singlet. Die erste und zweite Runde laufen erstaunlich gut, ich laufe einfach nach Lust und Laune und kann mich bei 4:40 min/km einpendeln. Dann ruft mir Peter zu, dass Silke knapp hinter mir läuft und gut aussieht, sie sei auf Platz zwei und hole die Erste gleich ein. Das freut mich riesig! Irgendwie ist dann die Luft raus bei mir. In der dritten Runde habe ich Schmerzen im unteren Rücken und die Hitze macht mir zu schaffen, aber ein Ironman ist auch kein Kindergeburtstag. Ich mache an der Verpflegungsstelle ein kurze Gehpause und versuche, mich runterzukühlen und den Rücken auszudehnen. Das war wohl ein Fehler, danach komme ich nicht mehr in den Rhythmus. Es macht mir nichts aus, ich genieße es einfach, dabei sein zu dürfen. Dann höre ich Silke von hinten rufen: „Fuchs renn!“

Da ist sie also, ich nehme noch etwas Tempo raus. Schaue sie an und rede kurz mit ihr, dann schicke ich sie weg. Sie solle laufen, mir gehe es gut. Im Normalfall wäre das eine Lüge gewesen, aber nicht heute. Heute habe ich Spaß, mich bei 38 Grad zu quälen, aber ich habe auch meine Gesundheit im Kopf und so ließ ich mir an den Verpflegungsstellen viel Zeit zum Kühlen und Trinken. Die letzte Runde, das letzte Bändchen und ab Richtung Ziel. Rechts weg auf die Zielgerade, Einlauf auf den Römer, die geilste Finishline. Überall jubelt es und der Sprecher ruft: „You are an Ironman“. Das bin ich. Nicht wegen dem Ergebnis, das ist bei Weitem nicht das, was ich draufhabe.

Aber ich habe es geschafft – ich hatte Höhen und Tiefen während des Rennens, aber vor allem hatte ich Spaß.

Chris schöpft in Frankfurt neue Motivation.

Chris schöpft in Frankfurt neue Motivation.

Foto >Privat

Silke erinnert sich zurück

Kilometer 39 – jetzt kommt der Punkt, an dem es weh tut. Aber ich weiß, was für ein Zielkanal und welche Stimmung mich bald erwarten werden. Hier am Römer habe ich 2015 meinen ersten Ironman gefinished und heute darf ich als Europameisterin einlaufen. Glauben kann ich das alles nicht, doch ich höre schon wie der Sprecher ruft: „Silke, you are an Ironman!“

Geschafft!

Jetzt geht es nach der Ironman-70.3 Weltmeisterschaft in Nizza, bei der wir beide starten, im Oktober nach Hawaii. Für Silke als Athletin und für Chris als Supporter. Wir werden sicher wieder eine spannende Blogreihe schreiben und euch auf dem Laufenden halten.