Kopfkonflikte und leere Beine

Unsere Bloggerin Anita Horn wächst im Trainingscamp in Italien trotz schlechtem Wetter über sich hinaus. Sie berichtet vom 400-m-Schwimmprogramm und dem "100 Meilen"-Lauf.

Von > | 12. April 2018 | Aus: SZENE

Knackt Anita Horn die 30 Schwimmkilometer im Camp?

Knackt Anita Horn die 30 Schwimmkilometer im Camp?

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Neue Woche, neues Glück. Seit Sonntag sind die neuen Teilnehmer für Trainingslager Teil II in Cesenatico. Allerdings waren die Anreise für die Neuen und die Abreise für die Alten der wohl anstrengendste Teil des gesamten Camps. Am Flughafen Bologna wurde eine eine alte Fliegerbombe entschärft und damit der gesamte Flugverkehr durcheinander gebracht. Ein Rückflug wurde komplett gecancelt, sodass die Gruppe sich einen Bulli gemietet und die Nacht über nach Köln zurückgefahren ist. Deren Flieger ist nämlich in Pisa gelandet, sodass auch dessen Insassen mit einem Mietwagen weiter nach Cesenatico gefahren sind. Die anderen Gruppen hatten große Verspätung, kamen aber direkt am Zielort an. Zur Begrüßung gab es dann Montag auch noch richtig mieses Regenwetter bei zehn Grad. Ein schwerer Start. Auch für mich.

Montagsblues

Montag war ein schlechter Tag. Mein Kopf war voll und leer gleichzeitig. Das Schwimmprogramm morgens habe ich noch gut hinbekommen. Diesmal habe ich die Intervalle auch richtig gemacht und bin im Belastungsblock 4x400 m um jeweils 20 sec schneller geschwommen. Ich habe also mit 8 min (2:00 min auf 100 m) angefangen, ganz entspannt, dann 1 min Pause und 400 m in 7:40 min, das heißt, ich musste auf 100 m jeweils fünf Sekunden schneller sein. Klingt einfach, war es beim zweiten Intervall auch noch. Beim dritten Intervall und einer Zielzeit von 7:20 min (= 1:50 min auf 100 m) wurde es schon anstrengender. Das letzte Intervall habe ich dann zweigeteilt, weil ich nach den ersten 200 Metern gemerkt habe, dass ich die Pace 1:45 m dann doch nicht mehr halten kann. Plötzlich waren die Arme Pudding und ich brauchte eine Atempause. Die zweiten 200 m habe ich dann in 3:36 min (= 1:48 min / 100 m) geschafft, etwas langsamer als geplant, aber ich habe es durchgezogen. Es folgte eine aktive Pause und dann ging es nochmal ans Eingemachte: 4x50 m maximal. Ich war mir sicher, dass ich mit meiner Mitstreiterin Melli nicht mithalten kann, aber sie hat mich ungewollt motiviert und ich habe versucht dran zubleiben. Dabei kamen jeweils 46 Sekunden raus – was einer für mich bombastischen Zeit von 1:32 min auf 100 Metern entspräche ... und eine schwere Lunge, ein halb leergetrunkener Pool und Bärenhunger. Einheit erfolgreich absolviert. Ich finde Schwimmen cool. Noch ...

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Es folgten eine verregnete und deshalb stark abgekürzte Radausfahrt von 23,5 Kilometern. Das Wetter hat es uns leider sehr leicht gemacht, nach 12 Kilometern zu drehen. Es war kalt und bäh, die Gullideckel waren rutschig, das Spritzwasser vom Hinterrad hat unsere Rücken komplett durchnässt und die Autos haben uns zusätzlich von oben bis unten geduscht. Die letzten Tage waren etwas besser, aber so richtig will der italienische Frühling hier nicht rauskommen.

Mein Lauftraining am Montag war dann wie das Wetter: lästig. Geplant waren 14 Kilometer. Aber kennt ihr das, wenn diese Zahl im Kopf noch tausend Mal größer erscheint? Vielleicht war das Problem, dass ich vorher eine Stunde geschlafen habe, ich war unfassbar müde. Danach konnte ich mich erst gar nicht aufraffen, habe dann aber irgendwann doch die Füße in die Laufschuhe gekriegt und bin raus. Bei Regen. Drei Kilometer locker einlaufen. Dann 10-km-Tempodauerlauf im 5er-Schnitt. Allerdings hatte ich von Beginn an die Befürchtung, dass ich das nicht schaffe. Also habe ich nur die Rundentaste gedrückt und nicht einmal mehr auf die Uhr geguckt habe. Ich wollte nach Gefühl laufen und wusste, dass ich enttäuscht und sauer wäre, wenn ich den Schnitt nicht schaffen würde. Also halte ich mich einfach direkt nicht daran. Und weil ich nicht mehr abgelenkt war von Sekundenzahlen und Kilometerangaben, ging plötzlich ein endloser Kopfkonflikte los. Warum läufst du überhaupt? Im Bett war es doch gemütlich. Scheißwetter. Müde. Kalt. Jetzt stell dich nicht so an, sind doch nur zehn Kilometer. Wie schnell bin ich wohl?

Mentaltraining für den Ironman

Gefühlt bin ich einen 7er-Schnitt gelaufen. Konnte aber nicht sein, weil ich nach dem Einlaufen im 6er-Schnitt definitiv einen Zahn zugelegt habe. Soll ich doch auf die Uhr gucken? Ok, ein Fuß vor den anderen, der nächste Schritt. Noch einer, nur noch neun Kilometer. Keine Lust mehr. Nichts da, jetzt bist du schon draußen. Engel links, Teufel rechts. Der Marathon beim Ironman macht bestimmt auch irgendwann keinen Spaß mehr. Das ist hier kein Lauftraining, sondern Mentaltraining. Weiter jetzt! Durchziehen. Nicht aufgeben. Aber wenn ich zu langsam bin, ist der Trainingseffekt bestimmt eh dahin. Meine Blase am Fuß tut weh. Ich will meinen Coach nicht enttäuschen. Auf der anderen Seite hat das bestimmt was zu bedeuten, wenn ich keine Lust auf Laufen habe. Ich habe sonst immer Lust auf Laufen. Dann war ich irgendwann nach gefühlt 100 Meilen wieder am Ausgangspunkt und habe die Uhr gestoppt. Meine Beine waren leer. Im Kopf wüten die Konflikte. Es waren zwar am Ende nur acht statt zehn Kilometer, aber ich bin tatsächlich ohne Blick auf die Uhr einen 4:58er-Schnitt gelaufen. Vorgabe eingehalten. Da habe ich mich dann besonders geärgert, dass ich nicht noch zwei Kilometer mehr gelaufen bin, die hätte ich ja auch noch geschafft. Aber ich war schon aus dem Tritt und habe das Training damit beendet. Egal, immerhin war ich überhaupt draußen. Dienstag war ich dann auch wieder frisch in der Birne. Ich habe 100 Kilometer auf dem Rad gemacht und abends Athletik gegeben. Mittwoch war Entlastungstag mit einem lockeren 3-km-Schwimmprogramm – damit habe ich 26 Kilometer im Wasser vollgemacht, seitdem ich hier im Camp angekommen bin. 26 Kilometer! Ich! Und gleich knacke ich die 30 Kilometer im, mit meinen neuen CSS-Zeiten, wohl härtesten Schwimmprogramm meines Lebens.

Mehr dazu nächste Woche ...

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