Kristian Blummenfelt im großen tri-mag-Interview

Er hält die Ironman-70.3-Weltbestzeit und hat die Goldmedaille für die Olympischen Spiele 2020 fest im Blick. Kristian Blummenfelt polarisiert im großen tri-mag-Interview.

Von > | 24. April 2019 | Aus: SZENE

2017 und 2018 gewann Kristian Blummenfelt den Ironman 70.3 Bahrain. Beim zweiten Mal sogar mit einer neuen Weltbestzeit von 3:29:04 Stunden über die Ironman-70.3-Distanz.

2017 und 2018 gewann Kristian Blummenfelt den Ironman 70.3 Bahrain. Beim zweiten Mal sogar mit einer neuen Weltbestzeit von 3:29:04 Stunden über die Ironman-70.3-Distanz.

Foto >Simon Müller / spomedis

Kristian Blummenfelt, wir führen das Interview gerade in der Sierra Nevada, wo Sie mit der norwegischen Nationalmannschaft ein vierwöchiges Höhentrainingslager in Vorbereitung auf die anstehenden WTS-Rennen absolvieren. Ihre Saison hat allerdings bereits im vergangenen Dezember mit einem Paukenschlag begonnen, als Sie beim Ironman 70.3 Bahrain mit Ankündigung und einer Endzeit von 3:29:04 Stunden die Ironman-70.3-Weltbestzeit unterboten haben und den Halbmarathon dort in 1:06:57 Stunden gelaufen sind. Wie kam es zu diesem Vorhaben? 

Nachdem ich 2017 bereits in Bahrain beim ersten Ironman-70.3-Rennen meiner Karriere gewinnen konnte, wollte ich zunächst einmal meinen Vorjahressieg wiederholen. Ich wusste, dass ich noch deutlich besser vorbereitet und schneller sein kann als beim ersten Mal. Außerdem hat das Rennen im Dezember zeitlich gut gepasst. Zu dem Zeitpunkt trainieren wir noch nicht sehr spezifisch für die Kurzdistanz-Rennen und daher war eine vernünftige Vorbereitung auf eine Mitteldistanz überhaupt möglich. Das war letztendlich auch der Grund dafür, dass wir alle drei starten konnten. Als die Vorbereitung dann so gut lief, war mir und auch Gustav und Casper klar, dass wir auf jeden Fall unter der Weltbestzeit bleiben können. Das war von dort an unser konkretes Ziel, natürlich wollte jeder von uns auch gewinnen. Außerdem haben wir beispielsweise beim Laufen von Beginn an darauf trainiert, eine Pace von 3:10 Minuten pro Kilometer durchlaufen zu können. Letztendlich haben wir einfach nur genau das umsetzen können, wofür wir im Vorfeld spezifisch trainiert haben. 

Nur wenige Wochen später hatten Sie vor, den Ironman 70.3 Dubai zu gewinnen und gingen natürlich als absoluter Topfavorit in das Rennen. Sie mussten überraschend mit Krämpfen in beiden Oberschenkeln nach nur 150 Metern auf dem Rad aussteigen. Können Sie sich mittlerweile erklären, was in dem Rennen passiert ist? 

Der Plan für Dubai war eigentlich, mit einem möglichst geringen Aufwand zu gewinnen, um im Saisonverlauf noch die Chance auf die Triple Crown (Anmerkung der Redaktion: eine Million Dollar Preisgeld für die Siege beim Ironman 70.3 Dubai, der Ironman-70.3-WM und dem Ironman 70.3 Bahrain im gleichen Jahr) zu haben. Denn die anderen beiden Rennen in Nizza und Bahrain wollte ich dieses Jahr ohnehin absolvieren, also war das die ideale Chance. Leider ist es dann so richtig schief gegangen. Es gab Probleme bei der Reise, denn ich musste nur zwei Tage vor dem Weg vom Trainingslager auf Fuerteventura nach Dubai neue Flugtickets buchen. Das endete damit, dass ich zunächst wieder nach Norwegen geflogen bin und von dort aus mit zwei weiteren Umstiegen nach Dubai. Die Reise war so lang und anstrengend, dass meine Oberschenkel bereits beide beim ersten lockeren Lauf gekrampft haben, als ich in Dubai war – das war allerdings schon drei Tage vor dem Rennen. Ich habe alles versucht, um die Probleme bis zum Renntag in den Griff zu kriegen, bin daran aber gescheitert. Vor dem Start haben sich meine Beine immer noch katastrophal angefühlt und ich habe gedacht, dass ich das Radfahren vielleicht dafür nutzen kann, um die Beine bis zum Laufen etwas aufzulockern und auf die Belastung vorzubereiten. Aber schon bei den ersten Metern nach dem Schwimmausstieg habe ich gemerkt, dass das nicht möglich sein wird. 

Zwar haben Sie für dieses Jahr nicht mehr die Chance auf den Sieg der Triple Crown, mit ihrem Sieg in Bahrain haben Sie sich allerdings für die Ironman-70.3-WM in Nizza qualifiziert. Welche Chancen rechnen Sie sich dort aus und ist eine vernünftige Vorbereitung auf diesen Wettkampf durch die vielen Kurzdistanz-Rennen im Sommer überhaupt möglich? 

Eine Vorbereitung wie vor Bahrain wird definitiv nicht möglich sein. Nur eine Woche vorher ist das WTS-Finale in Lausanne und dieser Wettkampf ist wichtiger für mich. Dementsprechend werden Gustav (Iden) und ich die Ironman-70.3-WM quasi aus unserem Kurzdistanz-Training heraus absolvieren. Dadurch, dass wir aber generell sehr umfangsbetont trainieren, ist das kein allzu großes Problem. Die spezifischen Einheiten werden allerdings fehlen. Trotzdem glaube ich, dass ich das Rennen gewinnen kann. Bei dem profilierten Radkurs sehe ich Gustav sogar als meinen größten Konkurrenten und einen der stärksten Athleten, die am Start sind. Er wird sicherlich in den Abfahrten attackieren, fährt generell stark Rad, wiegt nicht besonders viel und ist in Bahrain auch nur 16 Sekunden langsamer beim Halbmarathon (1:07:13 Stunden) gelaufen. Dementsprechend weiß ich, auf was ich vorbereitet sein muss. 

Beim Ironman 70.3 Bahrain 2018 stellte Kristian Blummenfelt mit einer Zeit von 3:29:04 Stunden eine neue Ironman-70.3-Weltbestzeit auf.

Beim Ironman 70.3 Bahrain 2018 stellte Kristian Blummenfelt mit einer Zeit von 3:29:04 Stunden eine neue Ironman-70.3-Weltbestzeit auf.

Foto >IRONMAN

Kommen wir zur Kurzstrecke: Das erste WTS-Rennen des Jahres in Abu Dhabi lief mit einem 32.Platz sicherlich nicht so, wie Sie sich das vorgestellt haben. Wie bewerten Sie das Rennen und sind Sie zufrieden mit Ihrer bisherigen Saisonvorbereitung? 

Natürlich war ein 32. Platz nicht das, was ich mir im Vorfeld erhofft habe. Rein vom Ergebnis war es allerdings trotzdem besser als 2017 und 2018, denn da habe ich das Ziel gar nicht erreicht. Die Vorbereitung lief bis hierher sehr wechselhaft. Das Training bis eine Woche vor dem Ironman 70.3 Dubai war wirklich gut und sehr vielversprechend. Dann hatte ich meine Probleme mit dem Rennen dort und habe mir im Anschluss auch noch einen Virus eingefangen. Damit habe ich zunächst erst einmal weitertrainiert in unserem Hitzetrainingslager in Thailand, bis es mich dort zusammen mit der Hitze für einige Tagen komplett umgehauen hat. Mit den Problemen hatte ich etwas länger zu kämpfen. 

Sie mussten in den vergangenen Tagen das Training deutlich zurückschrauben, sind beispielsweise für circa anderthalb Wochen gar nicht gelaufen und haben wenig Intensitäten trainiert. Waren die Probleme in Thailand auch der Grund dafür? 

Ja genau. Die Bezeichnung Übertraining würde in dem Fall nicht ganz passen, da nicht wirklich das Training der Auslöser für meinen müden Körper und die schwachen Muskeln war. Mit den Krämpfen, dem Virus, der Krankheit und dem Hitzestress haben wir uns dazu entschieden, für zwei Wochen das Training deutlich herunterzufahren. Nun bin ich gerade wieder dabei, an den gewohnten Umfang und die gewohnten Intensitäten anzuknüpfen. 

Aber Sie sind trotzdem optimistisch, was die nächsten Rennen und die Saison angeht? 

Ich bin nicht sicher, ob ich in Bermuda schon wieder mit gewohnter Fitness an der Startlinie stehen kann. Ich hoffe es natürlich, aber vielleicht hat die Vorbereitung auch nicht ganz dafür gereicht. Spätestens beim darauffolgenden WTS-Rennen in Yokohama sollte ich aber wieder in alter Stärke am Start stehen. 

Welche Ziele haben Sie sich konkret für die Saison 2019 vorgenommen?

Die Gesamtwertung in der World Triathlon Series zu gewinnen und damit den WM-Titel zu holen. Damit geht einher, dass ich nach sechs zweiten Plätzen in den vergangenen Jahren bei WTS-Rennen dieses Jahr endlich meinen ersten Wettkampf gewinnen will. Trotz des suboptimalen Starts denke ich, dass beides für dieses Jahr realistisch ist. 

Bisher sammelte Kristian Blummenfelt in seiner WTS-Karriere sechs zweite Plätze. Auf seinen ersten Sieg in der WM-Serie wartet der Norweger allerdings noch sehnsüchtig.

Bisher sammelte Kristian Blummenfelt in seiner WTS-Karriere sechs zweite Plätze. Auf seinen ersten Sieg in der WM-Serie wartet der Norweger allerdings noch sehnsüchtig.

Foto >ITU Media / Janos Schmidt

Ihr großes Ziel sind sicherlich die Olympischen Spiele im nächsten Jahr. Was haben Sie sich für Tokio vorgenommen?

Ganz klar: Gold ist das Ziel in Tokio. Das ist es spätestens seit meinem bescheidenden 13. Platz bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio. Ich will nicht nur eine Medaille, sondern das Gefühl erleben, wie mein Bauch das Zielband berührt, wenn ich über die Ziellinie laufe. Und Olympia in Tokio kommt nun gefühlt immer schneller auf uns zu. Deshalb wird es ein sehr wichtiges Jahr und sicherlich spannende 16 Monate.  

Was wird Ihrer Meinung nach der Schlüssel für Sie sein, um Olympiagold gewinnen zu können? 

Zunächst muss man einmal damit rechnen, dass man in der Lage sein muss, die schnellste Laufzeit hinzulegen. Dazu kommt in Tokio vor allem die Hitze, mit der man umgehen muss. Es wird interessant, wie die verschiedenen Athleten auf die Hitze und Luftfeuchtigkeit reagieren und welche Taktiken gewählt werden. 

Mit Ihnen, Gustav Iden, Casper Stornes und Jorgen Gundersen hat die norwegische Nationalmannschaft ein noch ziemlich junges, aber bereits sehr erfolgreiches Team. Was unterscheidet Ihrer Meinung nach das norwegische Team von anderen Nationen oder Trainingsgruppen?

Ich glaube, dass wir alle eine sehr starke Moral besitzen und ein tiefes Vertrauen in unsere Trainer und unser Programm haben. Wir sind so hungrig, dass wir immer dazu bereit sind, den entscheidenden kleinen Schritt mehr zu machen als andere. Wir versuchen alles zu tun, was wir können, um besser zu werden. Das gilt für uns Athleten im Training, aber auch für unsere Trainer und ihre Trainingsplanung oder -auswertung. Auch wenn es Leute gibt, die verständnislos reagieren auf einige Dinge, die wir machen oder Techniken, die wir nutzen, wissen wir, dass es uns weiterbringt. Wir wollen einfach alles möglichst genau wissen und nichts dem Zufall überlassen. 

Ist es im täglichen Training und Miteinander manchmal ein Problem, dass Ihre guten Freunde Gustav Iden und Casper Stornes gleichzeitig direkte und starke Konkurrenten sind? 

Bisher war das noch nie ein Problem. Denn gerade in WTS-Rennen denken wir nicht, dass wir den Wettkampf gegeneinander bestreiten, sondern eher miteinander. Das hat das Rennen in Bermuda 2018 perfekt gezeigt, da es zum Teil auch eine Teamleistung war, die wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre, wenn wir nicht zusammengearbeitet hätten. Wir profitieren sehr von dieser Dynamik – im täglichen Training und manchmal eben auch in den Rennen. Auf den längeren Distanzen ist das etwas schwieriger, in Bahrain haben wir beispielsweise keine Absprachen getroffen und vorher keinen konkreten Plan gemacht. Da waren wir einfach Konkurrenten und wollten unsere eigenen Karten möglichst geschickt ausspielen. Aber selbst davor haben wir im Training gegenseitig voneinander profitiert. Dieser Umstand hilft uns allen sicherlich deutlich mehr als dass er uns schadet. 

Im vierwöchigen Höhentrainingslager in der Sierra Nevada bereitete sich Kristian Blummenfelt mit der norwegischen Nationalmannschaft auf die kommenden WTS-Rennen vor.

Im vierwöchigen Höhentrainingslager in der Sierra Nevada bereitete sich Kristian Blummenfelt mit der norwegischen Nationalmannschaft auf die kommenden WTS-Rennen vor.

Foto >Simon Müller / spomedis

Sie sind bekannt für Ihre offensive beziehungsweise risikofreudige Renngestaltung und dafür, sich außergewöhnlich quälen zu können. Woher kommt das?

Für mich ist es viel schmerzvoller, wenn ich nach einem Rennen für mehrere Wochen sauer auf mich bin und mir vorwerfe, dass ich nicht absolut alles versucht habe. Damit verglichen ist der Schmerz, den man im Wettkampf nur für einen relativ kurzen Zeitraum spürt, deutlich kleiner. Akzeptieren zu müssen, dass dich jemand in aussichtsreicher Position überholt oder du nur knapp das Podium verpasst, ist für mich auf lange Sicht immer viel schlimmer als der physische Schmerz in oder nach einem Rennen. Ich glaube diese Gewissheit treibt mich meist dazu, im Wettkampf wirklich nichts unversucht zu lassen. Und wenn es nicht klappt, habe ich mir nichts vorzuwerfen. Risiko gehört dazu. 

Haben Sie sich diese Leidensfähigkeit mit der Zeit angeeignet oder hatten Sie diese Fähigkeit schon immer? 

Ich glaube, dass beides zutrifft. Ich habe das durch Erfahrung und das wiederholte Austesten des eigenen Limits im Training und in den Wettkämpfen sicherlich weiter ausprägen können. Aber ich glaube, dass man diese Fähigkeit grundsätzlich erst einmal mitbringen muss, damit das überhaupt funktionieren kann. Entweder man hat es ein Stück weit in sich oder nicht.   

Sie haben einmal gesagt, dass Sie glauben, die Langdistanz könnte Ihnen sehr gut liegen. Ist es eine Option für Sie, nach Tokio auf die Langstrecke zu wechseln? 

Erst einmal liegt der komplette Fokus auf Tokio und dann werden wir nach 2020 weitersehen. Für mich ist zumindest klar, dass ich nie nur Ironman-70.3-Rennen beziehungsweise Mitteldistanzen machen werde. Ich konzentriere mich entweder auf die Kurzstrecke oder auf die Langstrecke. Mit Kurzdistanz-Training kann man sehr erfolgreich auf der Mitteldistanz unterwegs sein, das haben wir bereits gezeigt. Ich denke, dass es deutlich schwieriger sein kann, diese Leistungen abzurufen, wenn man hauptsächlich für eine Langdistanz trainiert – das bedeutet dann noch einmal etwas komplett anderes. Ich persönlich denke aber, dass die Langdistanz im Vergleich zur Kurzdistanz verhältnismäßig einfach ist. Es heißt ja häufig, dass Kurzdistanzler vielleicht noch eine Mitteldistanz erfolgreich hinbekommen, aber sich auf der Langdistanz wieder komplett neu beweisen müssen. Ich glaube, dass es mich nicht mehr als einige Wochen spezifische Vorbereitung kosten würde, um eine Langdistanz auf dem allerhöchsten Level zu bestreiten. Und das will ich in Zukunft definitiv auch noch beweisen.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für die Saison 2019! 

Laktatmessungen gehören bei Kristian Blummenfelt und seinen Teamkollegen im Trainingslager zur täglichen Routine dazu.

Laktatmessungen gehören bei Kristian Blummenfelt und seinen Teamkollegen im Trainingslager zur täglichen Routine dazu.

Foto >Simon Müller / spomedis