Leistungsparameter von Cameron Wurf vor und nach einem Ironman

Der australische Überbiker und Radstreckenrekord-Jäger sorgt aktuell für reichlich Gesprächsstoff. Vor und nur 48 Stunden nach dem Ironman Switzerland absolvierte Cameron Wurf jeweils eine Leistungsdiagnostik mit vielen Parametern. Wir haben die physiologischen Daten und Wettkampfleistungen aus Zürich ausgewertet und geben einen Einblick in die Leistungsfähigkeit, den Fettstoffwechsel und die Pacing-Strategie des ehemaligen Radprofis.

Von > | 21. August 2018 | Aus: TRAINING

Cameron Wurfs Leistungsdiagnostiken fanden zum Großteil auf der Wettkampfstrecke des Ironman Switzerland statt.

Cameron Wurfs Leistungsdiagnostiken fanden zum Großteil auf der Wettkampfstrecke des Ironman Switzerland statt.

Foto >Privat

Spätestens seit er 2017 beim Ironman Hawaii den elf Jahre alten Radstreckenrekord von Normann Stadler um 5:29 Minuten auf 4:12:54 Stunden verbessert hat, ist der Name Cameron Wurf den meisten Triathleten und Triathlonfans ein Begriff. In den vergangenen zwölf Monaten absolvierte der ehemalige Radprofi und Olympia-Ruderer neun Langdistanzen und stellte dabei siebenmal einen neuen Rekord auf der Radstrecke auf. Wurfs komplette Geschichte gibt es hier und in der triathlon 162 zu lesen. Kommen wir nun zu den spannenden und aktuellen Leistungsdaten und -parametern des Überbikers, der sich für den Ironman Hawaii in diesem Jahr viel vorgenommen hat.

Im Rahmen des diesjährigen Ironman Switzerland in Zürich hat sich Cameron Wurf einer Vielzahl von Tests, Versuchen und Diagnostiken unterzogen, die ihm Aufschluss über seine Physiologie und damit in erster Linie über seine Trainingsplanung, Pacing-Strategie und Verpflegungstaktik geben sollten. Das Besondere: Es wurden zwei Leistungsdiagnostiken durchgeführt. Eine vor dem Ironman Switzerland in ausgeruhtem Zustand und eine nur 48 Stunden nach dem Wettkampf mit dementsprechend hoher Ermüdung. Was braucht es, um diese Leistungen auf die Strecke zu bringen, wie verändert sich die Physiologie eines Weltklasse-Athleten unmittelbar nach einem Ironman, wie effizient ist der Fettstoffwechsel von Cameron Wurf und was ergibt sich daraus für seine Pacing-Strategie auf dem Rad und beim Laufen? Diesen spannenden Fragen sind wir auf den Grund gegangen. 

Dafür wurde Wurf, der einen Großteil seines Radtrainings mit dem Team Sky absolviert, beide Male unter wettkampfnahen Bedingungen getestet. Die Radtests wurden sogar auf der Wettkampfstrecke des Ironman Switzerland durchgeführt. Beim Laufen fand ein Test auf der Straße und ein Test im Stadion auf einer Tartanbahn statt. Dabei wurden neben Geschwindigkeit, Zeit und Leistung (Powermeter auf dem Rad und Stryd-Sensor beim Laufen) vor allem die Laktatwerte gemessen und beim Laufen auch die Atemgase mobil mithilfe des Gerätes "VO2master" bestimmt. Ausgewertet wurden die Aufzeichnungen mit der Software "INSCYD", die weltweit von vielen Trainern und Instituten genutzt wird.

Eine der Laufdiagnostiken wurde auf der Bahn absolviert. Dabei trug Wurf eine mobile Atemgasmaske.

Eine der Laufdiagnostiken wurde auf der Bahn absolviert. Dabei trug Wurf eine mobile Atemgasmaske.

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Die limitierenden Leistungsfaktoren: VO2max und Laktatbildungsrate

Die beiden größten limitierenden Leistungsfaktoren im Triathlon sind die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) und die Laktatbildungsrate (VLamax). Dementsprechend wurden beide Werte bei Cameron Wurf vor und nach dem Ironman Switzerland ermittelt. Dafür benötigt man außerdem das Gewicht und den Körperfettanteil des Athleten. Da diese Daten im Profisport meist äußerst sensibel behandelt werden, haben wir nur eine grobe Übersicht der beiden Daten bekommen, die allerdings trotzdem sehr aufschlussreich ist. Für die Ermittlung der VO2max und VLamax wurden auf dem Rad und beim Laufen jeweils vier Belastungen mit unterschiedlicher Intensität absolviert. Die Dauer der einzelnen Stufen lag dabei jeweils zwischen drei und sieben Minuten. Die erste Stufe war dabei unterhalb des Ironman-Wettkampftempos, die höchste Stufe nahe an der Aus- beziehungsweise Maximalbelastung. Dieses Testprotokoll entspricht dem Standard, wie er von INSCYD vorgeschlagen wird, wobei es durchaus auch Abweichungen in der Testweise gibt.

Und das hat die erste Leistungsdiagnostik im ausgeruhten Zustand bei Cameron Wurf ergeben: Wurf besitzt bei einem Gewicht von 75 Kilogramm einen Körperfettanteil von knapp sieben Prozent, eine maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) zwischen 75 und 80 Millilitern pro Minute und Kilogramm Körpergewicht und eine Laktatbildungsrate von ca. 0,4. Zwei Auffälligkeiten: Beim Laufen lag die Laktatbildungsrate etwas unter 0,4 und die maximale Sauerstoffaufnahme war beim Laufen in beiden Tests (vor und nach dem Ironman) etwas höher als auf dem Rad. Dies ist relativ normal und kommt häufig vor, da sich die Sauerstoffaufnahme erfahrungsgemäß beim Laufen höher aktivieren lässt als auf dem Rad. Im Verlauf des Artikels kommen wir später dazu, wie sich diese physiologischen Daten bei der zweiten Leistungsdiagnostik 48 Stunden nach dem Ironman Switzerland verändert haben. 

Nach jeder Belastungsstufe wurde Cameron Wurf für die Laktatmessung und Datenerfassung Blut abgenommen.

Nach jeder Belastungsstufe wurde Cameron Wurf für die Laktatmessung und Datenerfassung Blut abgenommen.

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Cameron Wurfs Leistungsdaten vom Ironman Switzerland

Beim Ironman Switzerland selbst, zwei Tage vor der zweiten Leistungsdiagnostik, erzielte Wurf einen Radsplit von 4:14:52 Stunden und eine Marathonzeit von 2:58:58 Stunden. Auf dem Rad bedeutete diese Zeit – mal wieder – einen neuen Radstreckenrekord. Was Cameron Wurf dafür benötigte: 302 Watt Durchschnittsleistung bei einer durchschnittlichen Trittfrequenz von 84 Umdrehungen pro Minute und einer Herzfrequenz von 150 Schlägen pro Minute. Die maximale Herzfrequenz lag bei 174 und an der gewichteten Leistung von 312 Watt und dem daraus resultierenden Variabilitätsindex von 1,03 erkennt man, dass Wurf trotz der über 1.500 Höhenmeter auf der Radstrecke sehr gleichmäßig gefahren ist. Beim Laufen zeigten Wurfs GPS-Daten eine Distanz von 41,5 Kilometern, also knapp 700 Meter weniger als die klassische Marathondistanz, wobei Abweichungen bei den GPS-Aufzeichnungen natürlich durchaus möglich sind. Laut Wurfs Aufzeichnung erreichte er eine Durchschnitts-Pace von 4:18 Minuten pro Kilometer und hat sich seinen Marathon so gut eingeteilt, dass er auch gegen Ende und auf den letzten Kilometern der Laufstrecke sein Durchschnittstempo noch aufrechterhalten konnte. 

Die Aufzeichnung von Cameron Wurfs Leistungsdaten auf dem Rad.

Die Aufzeichnung von Cameron Wurfs Leistungsdaten auf dem Rad.

Die veränderten Werte nach dem Ironman 

Wie bereits kurz erwähnt fand die zweite Leistungsdiagnostik 48 Stunden nach dem Ironman Switzerland statt. Wie haben sich die Leistungsfähigkeit und die physiologischen Daten von Cameron Wurf durch die extreme Ermüdung und "Vorbelastung" der Langdistanz verändert? Testverfahren und Testprotokoll sind auch beim zweiten Mal gleichgeblieben. Es konnte eine Reduktion der Laktatbildungsrate von etwa 20 Prozent festgestellt werden. Die VO2max hat sich innerhalb des Toleranzbereiches nicht nachweislich verändert. Dies ist insofern interessant, da man bereits nachgewiesen hat, dass sich die VO2max durch eine akute Überbelastung innerhalb von nur einem Tag theoretisch durchaus erheblich senken kann. Der Grund dafür ist ein erhöhter Verschleiß an Mitochondrien, der bei einer solchen (sehr oder sogar zu hohen) Belastung geschieht. Dies konnte bei Cameron Wurf allerdings weder beim Laufen noch beim Radfahren festgestellt werden. 

Mit einem Radsplit von 4:14:52 Stunden stellte Cameron Wurf einen neuen Radstreckenrekord in Zürich auf.

Mit einem Radsplit von 4:14:52 Stunden stellte Cameron Wurf einen neuen Radstreckenrekord in Zürich auf.

Foto >Getty Images for Ironman

Fettstoffwechsel, Kohlenhydratverbrauch und die Pacing-Strategie

Damit Cameron Wurf in Zukunft in der Gesamtwertung noch weiter vorn landen kann, gilt es für ihn, seine Laufzeiten zu verbessern. Dafür ist unter anderem die richtige Pacing-Strategie beim Radfahren und Laufen und die entsprechende Verpflegungstaktik wichtig, um beim Marathon einen energetischen Einbruch zu vermeiden. Wir zeigen die Daten des Kohlenhydratverbrauchs, Fettstoffwechsels und die Pacing-Strategie von Cameron Wurf: Dazu wurde mithilfe von INSCYD ein metabolisches Profil für das Radfahren und Laufen erstellt. Dadurch ist es möglich, den Kohlenhydratverbrauch ziemlich genau zu bestimmen. Entgegen der Messungen mit einer Spiroergometrie, bei der am Mund gemessen wird und sich die Ergebnisse deshalb auf den Gesamtkörper beziehen, bestimmt INSCYD nur den Verbrauch der "vortriebsrelevanten Masse", also der Arbeitsmuskulatur. Damit soll die Analyse noch exakter sein. Aus den Daten geht hervor, dass die anaerobe Schwelle von Wurf etwa bei 370 Watt liegt. Beim Laufen liegt der FatMax-Bereich, der Bereich der maximalen Fettoxidation, bei einer Pace von 4:10 Minuten pro Kilometer. Beim Radfahren bewegt sich dieser Wert zwischen 240 und 280 Watt.  

Das metabolische Profil von Cameron Wurf und seinen Werten. Die anaerobe Schwelle des Australiers liegt etwa bei 370 Watt.

Das metabolische Profil von Cameron Wurf und seinen Werten. Die anaerobe Schwelle des Australiers liegt etwa bei 370 Watt.

Basierend auf den Zeiten aus 2017 sowie den Radstreckenrekorden, Leistungsdaten aus vergangenen Rennen und dem gemessenen Kohlenhydratverbrauch in der Leistungsdiagnostik wurde für den Ironman Switzerland folgende Pacing-Strategie entwickelt:

  1. Zuerst wurde die ungefähre Fahrzeit und Laufzeit ermittelt. Diese Annahmen lagen bei 4:15 bis 4:20 Stunden für die Radstrecke und 3 Stunden für den Marathon.
  2. Dann wurde die Kohlenhydratzufuhr für das Rennen festgelegt: Auf dem Rad waren es drei Gels in der Stunde, was knapp 75 Gramm Kohlenhydraten entspricht. Im Laufen war es etwas weniger, etwa 50 Gramm, hier meist in flüssiger Form.
  3. Im nächsten Schritt wurde die gespeicherte Glykogenmenge geschätzt. Diese ergibt sich aus dem Gewicht und der Abschätzung der Muskelmasse, welche man genau schätzen kann, wenn man den Fettanteil des Athleten kennt, was hier der Fall war. 
  4. Im Anschluss wurde die insgesamt verfügbare Energiemenge aus Kohlenhydratspeichern und Aufnahme im Rennen ausgerechnet. 
  5. Danach wurden der Kohlenhydratverbrauch bei verschiedenen Leistungen in der Diagnostik angeschaut und dementsprechend eine plausible Wattvorgabe festgelegt. Hier wurde auf dem Rad etwas konservativer geplant, da das erklärte Ziel für den Marathon eine Zeit von unter drei Stunden war. Festgelegt wurde die passende Durchschnittsleistung deshalb bei 300 Watt. Zudem wurde bei der defensiven Planung ein Puffer von etwa 30 Gramm Kohlenhydraten gelassen, was im Nachhinein sehr gut funktioniert hat, da Cameron Wurf mit einer Laufzeit von 2:58:58 Stunden eine neue persönliche Bestzeit auf der Langdistanz aufstellte. Dass die geplante Strategie passend war, erkennt man auch daran, dass in den Splitzeiten von Cameron Wurfs Marathon kein Einbruch zu erkennen ist. 

Cameron Wurfs jüngste Wettkampfergebnisse und die Leistungsdiagnostiken machen klar: Man darf auch in diesem Jahr gespannt sein, was der Australier beim Ironman Hawaii auf den Asphalt brennen wird und wie weit ihn seine verbesserte Laufleistung in der Gesamtwertung nach vorn bringt.

Die Übersicht des Kohlenhydratverbrauchs und Fettstoffwechsels von Cameron Wurf beim Laufen. Die maximale Fettoxidation liegt ziemlich genau bei einem Tempo von vier Metern pro Sekunde, was einer Pace von 4:10 Minuten pro Kilometer entspricht.

Die Übersicht des Kohlenhydratverbrauchs und Fettstoffwechsels von Cameron Wurf beim Laufen. Die maximale Fettoxidation liegt ziemlich genau bei einem Tempo von vier Metern pro Sekunde, was einer Pace von 4:10 Minuten pro Kilometer entspricht.

Die Übersicht des Kohlenhydratverbrauchs und Fettstoffwechsels von Cameron Wurf beim Radfahren. Der FatMax-Bereich beim Radfahren liegt zwischen 240 und 280 Watt.

Die Übersicht des Kohlenhydratverbrauchs und Fettstoffwechsels von Cameron Wurf beim Radfahren. Der FatMax-Bereich beim Radfahren liegt zwischen 240 und 280 Watt.