Lionel Sanders im Porträt

Lionel Sanders ist ein Phänomen. Seine Drogensucht hat ihn fast in den Selbstmord getrieben und der Kampf dagegen an die Weltspitze im Triathlon. Auf der Mitteldistanz war der Kanadier in dieser Saison kaum zu schlagen, und doch heißt sein Ziel Hawaii. Dafür trainiert er wie ein Verrückter – mit Methoden, die einfach Sanders sind.

Von > | 22. September 2017 | Aus: SZENE

Vor einigen Monaten zog Lionel Sanders um. In seinem neuen Trainingsraum absolviert der Kanadier alle seine Radeinheiten auf einer freien Rolle.

Vor einigen Monaten zog Lionel Sanders um. In seinem neuen Trainingsraum absolviert der Kanadier alle seine Radeinheiten auf einer freien Rolle.

Foto >Erin MacDonald

Was Lionel Sanders für ein Typ ist, wird selten so klar wie an diesem Tag in der X-Bionic Sphere im slowakischen Samorin, nur wenige Stunden nach The Championship, der Meisterschaft der Challenge-Serie über die Mitteldistanz. Dort findet die Pressekonferenz der Männer statt – anwesend sind die besten drei Athleten eines epischen Rennens. Lionel Sanders, der Sieger. Sebastian Kienle, der den Kanadier fast die gesamte Radstrecke über wie ein Schatten verfolgt und sich danach mit ihm ein 16 Kilometer langes Laufduell geliefert hatte, bevor er sich seinem unerbittlichen Tempo hatte ergeben müssen. Und der Drittplatzierte, der die Leistung von Kienle und Sanders schließlich ins Verhältnis setzt. Immerhin ist Michael Raelert zweifacher Ironman-70.3-Weltmeister. Raelert war klar vor Sanders und Kienle aus dem Wasser gestiegen. Er schaffte es auch noch eine Weile, die beiden auf dem Rad auf Abstand zu halten. Aber nur kurz. „Es war, als würde ich von ­einem Motorrad überholt werden“, sagt er. „Und dann schoss noch ein weiteres an mir vorbei. Ich hätte nicht gedacht, dass man so schnell Rad fahren kann.“

Es ist nicht so, dass der Radpart in ­Samorin ­Triathlonfans überrascht hätte. Vergangenen November finisht Sanders in Arizona in 7:44:29 Stunden und bricht damit den damaligen Ironman-Rekord. Er gewinnt dieses Jahr alle bis auf ein Rennen – geschlagen wird er nur von Alistair Brownlee beim Ironman 70.3 St. George – und er schafft es sogar, im August in Pentincton trotz Reifenpanne die ITU-Triathlon-Weltmeisterschaft über die Langdistanz zu gewinnen. Sein erster Weltmeister-Titel. Mit dieser eindrucksvollen Bilanz wird er im Oktober zur Ironman-Weltmeisterschaft nach Big Island reisen und dort zu Recht einer der Favoriten auf den Sieg sein. Sanders ist derzeit zweifellos einer der größten Namen in ­diesem Sport, aber sein Weg an die Spitze unterscheidet sich stark von ­allem, was man bisher im Triathlon ­gesehen hat.

Fokussiert: Sanders trainiert in 9-Tages-Blöcken, in denen er die Einheiten ungewöhnlich anordnet. Ein Prinzip, das man bisher noch von keinem anderen Profi kennt.

Fokussiert: Sanders trainiert in 9-Tages-Blöcken, in denen er die Einheiten ungewöhnlich anordnet. Ein Prinzip, das man bisher noch von keinem anderen Profi kennt.

Foto >Erin MacDonald

Es gab schon vor Sanders Drogen­abhängige und ­Alkoholiker, die sich in unserem Sport hervortaten (der Deutsche Andreas Niedrig, zum Beispiel), aber keiner von ihnen erreicht das Niveau von ­Sanders. In der High School ist er ein talentierter Läufer, später geht er nahe seiner Heimatstadt Harrow in der kanadischen Provinz ­Ontario zur etwa 45 Minuten entfernten University of Windsor. Dort dauert es nicht lange, bis er das „Party­leben“, wie er es gern nennt, für sich entdeckt. In diesem Leben spielen auch Drogen und ­Alkohol eine Rolle. Es folgen stärkere Drogen und sehr viel mehr Alkohol. Sein Leben beginnt ins Wanken zu geraten und Ende 2009 findet er sich in der Garage seiner Mutter wieder. Auf einem Stuhl, mit einem Gürtel um seinen Hals, bereit, sein Leben lieber zu beenden als zu versuchen, gegen die Abhängigkeit zu kämpfen.

Nächstes Level: In seinem neuen Zuhause hat Sanders einen eigenen Raum für seinen Endless-Pool, damit er die Schwimmeinheiten zu jeder Zeit absolvieren kann. Zusätzlich hat er am Boden des Pool einen Spiegel angebracht, um stets auf seine Fehler achten zu können. Seine harten Schwimmeinheiten absolviert der 29-Jährige weiterhin im Schwimmbecken.

Nächstes Level: In seinem neuen Zuhause hat Sanders einen eigenen Raum für seinen Endless-Pool, damit er die Schwimmeinheiten zu jeder Zeit absolvieren kann. Zusätzlich hat er am Boden des Pool einen Spiegel angebracht, um stets auf seine Fehler achten zu können. Seine harten Schwimmeinheiten absolviert der 29-Jährige weiterhin im Schwimmbecken.

Foto >Erin MacDonald

Er bringt es dann doch nicht über sich. Der Gedanke, dass ihn seine Mutter aufgehängt finden würde, ist zu viel für ihn. Er steigt vom Stuhl herunter, fängt wieder mit dem Laufen an und fragt irgendwann seine Mutter, ob sie ihm ihre Kreditkarte geben würde, damit er sich für den Ironman Louis­ville anmelden kann. Im August 2010 ist es dann so weit. Sanders macht seinen ersten Ironman. Die Zeit: 10:14:31 Stunden. Eindrucksvoll für jemanden, der noch ein paarmal rück­fällig geworden war, seit er sich die Kreditkarte ausgeborgt hatte.

When you have your very own #energy #lab....#nofansallowed . . #roadtokona #hotaf #heat #training

Ein Beitrag geteilt von Lionel Sanders (@lsanderstri) am

Um von dieser etwas unrühm­lichen 10:14 zu einem der Schnellsten zu werden, die es je auf dieser Distanz gab, muss Sanders einen Trainingsplan und eine Philosophie entwickeln, die einzigartig ist. Er ist bekannt dafür, drinnen zu trainieren, was für die meisten Normalsterblichen einfach nur entsetzlich langweilig wäre, aber für Sanders ist dies zu einem integralen Bestandteil seines Erfolgs geworden ...

Das ganze Porträt über Lionel Sanders gibt es in der triathlon 154 zu lesen. Erhältlich am Kiosk oder digital. 

Auch seine Laufeinheiten absolviert der WM-Favorit zum Großteil auf dem Laufband. Für die Hitzeanpassung verzichtet Sanders auf den zu sehenden Ventilator und stellt stattdessen einen Heizstrahler auf.

Auch seine Laufeinheiten absolviert der WM-Favorit zum Großteil auf dem Laufband. Für die Hitzeanpassung verzichtet Sanders auf den zu sehenden Ventilator und stellt stattdessen einen Heizstrahler auf.

Foto >Erin MacDonald