Lionel Sanders' Leistungsdaten vom Ironman Hawaii

Lionel Sanders ist für seine außergewöhnliche Leistungsfähigkeit auf dem Rad bekannt. Auch beim Ironman Hawaii spielte Sanders seine Stärke aus. Wir haben die Daten des 29-jährigen Kanadiers analysiert.

Von > | 17. Oktober 2017 | Aus: SZENE

Trotz 6:30 Minuten Rückstand nach dem Schwimmen übernimmt Lionel Sanders schon bei Radkilometer 70 die Führung beim Ironman Hawaii 2017.

Trotz 6:30 Minuten Rückstand nach dem Schwimmen übernimmt Lionel Sanders schon bei Radkilometer 70 die Führung beim Ironman Hawaii 2017.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Radrakete Lionel Sanders ist unter anderem für seine Transparenz bekannt. Seit mehreren Jahren macht er aus Trainings- und Wettkampfleistungen kein Geheimnis, sondern geht offen damit um. Er veröffentlicht die Daten sogar häufig mit einer kritischen Analyse und beschreibt, was er in den Zahlen erkennt und wo er Fehler oder Verbesserungspotenzial sieht. Für Außenstehende sind seine Wattwerte meistens beeindruckend und erschreckend zugleich. Denn wer am Rad selbst mit Leistungsmessung unterwegs ist und sieht, dass Sanders bei seinen Ironman-70.3-Rennen mehr als 350 Watt über zwei Stunden tritt, weiß diese außergewöhnlichen Zahlen noch besser einzuschätzen. Der Blick auf Sanders' Radzeit beim Ironman Hawaii 2017 spricht Bände: 4:14:19 Stunden (43,13 km/h) - 4:04 Minuten schneller als der bisherige Radstreckenrekord von Normann Stadler aus dem Jahre 2006. Nur der ehemalige Radprofi Cameron Wurf (AUS) war an diesem Tag noch einige Sekunden schneller als Sanders, ist aber nach seinen wilden Radfahrten meistens nicht mehr in der Lage, im Anschluss einen vernünftigen Marathon zu laufen. Umso höher sind Sanders' Leistungen zu bewerten, denn häufig ist er nach dem Radfahren noch in der Lage, eine der schnellsten, wenn nicht sogar die schnellste Laufzeit hinzulegen. Wir haben Sanders' Leistungsdaten vom Ironman Hawaii 2017 genau ausgewertet.

4,13 Watt pro Kilogramm Körpergewicht

Die Betrachtung der absoluten Werte von Sanders' Radfahrt beim Ironman Hawaii sind eigentlich schon beeindruckend genug: 305 Watt Average Power (AP) und 313 Watt Normalized Power (NP) hat der Kanadier im Schnitt mehr als 254 Minuten auf die Pedalen gebracht. Diese Differenz von acht Watt zwischen der Durchschnittsleistung und der gewichteten Leistung spiegeln sich im VI (Variabilitätsindex) wider. Dieser Wert ergibt sich, wenn man NP durch AP teilt. Er soll zeigen, wie konstant der Fahrer unterwegs war und Aufschluss geben, ob man sich das Rennen gut eingeteilt hat. Bei Sanders beträgt der VI nur 1,03 - trotz der 2.500 Höhenmeter auf der Radstrecke. Ein Wert unter 1,1 gilt als ausgezeichnet. Da Sanders durch seinen Schwimmrückstand fast nie in der Lage dazu ist, ein taktisches Rennen zu fahren (und dies wahrscheinlich auch gar nicht will), hält er sich konstant an seine Wattzahlen und peilt in jedem Rennen einen gleichmäßigen Leistungseinsatz an.

Seine durchschnittliche Trittfrequenz auf Hawaii betrug 87 Umdrehungen pro Minuten, die maximale Trittfrequenz lag bei 116 und wurde bei der Abfahrt von Hawi erreicht. In seiner Vorbereitung hat der 29-Jährige bewusst mit Trittfrequenztraining gearbeitet, um sich auf die unterschiedlichen Streckenabschnitte einzustellen. Auf der Mitteldistanz erreicht der Kanadier meistens eine durchschnittliche Trittfrequenz von 82 bis 84. Sein Ziel, auf der Langdistanz mit einer etwas höheren Frequenz zu fahren, hat er also erfüllen können. Sanders zeichnet seine Leistung mit PowerTap P1 Pedalen auf, welche auch Aufschluss über die Balance des Leistungseinsatzes geben. Hier liegt das Verhältnis bei 48,8% auf der linken und 51,2% auf der rechten Seite. Ein leicht unausgeglichenes Verhältnis, das aus der verbesserungswürdigen Fahrtechnik von Sanders stammen könnte.

Auch wenn Sanders "nur" den zweitschnellsten Radsplit auf Hawaii hatte, ist es interessant, einen Vergleich zum Rennen aus dem Vorjahr zu ziehen. Dort erzielte Boris Stein mit einer Radzeit von 4:23:04 Stunden den schnellsten Split des Tages. Seine Wattzahlen: 279 Watt NP (263 AP), was nach eigenen Angaben einer Leistung von 3,67 Watt pro Kilogramm Körpergewicht entspricht. Um Sanders' Daten in ein Verhältnis zu setzen: Der Kanadier war dieses Jahr 8:45 Minuten schneller (was allerdings auf Hawaii auch immer von den Bedingungen abhängt) und erzielte mit seinen 313 Watt NP eine Leistung von 4,13 Watt/kg, ein sagenhafter Wert - vor allem für die Bedingungen in Kailua-Kona.

Sanders fährt mit 349 Watt an Wurf und Kienle heran

Bei der Datenaufzeichnung hat Sanders seine Messung in vier Runden eingeteilt, die er manuell herausgestoppt hat. Die erste Runde dauert nur 1:16 Minuten. Solange hat Sanders wohl nach der Anfahrt gebraucht, um seine Radschuhe anzuziehen und die gewohnte Position einzunehmen. Die zweite Runde dauert 2:50 Stunden, also den Großteil der gesamten Strecke. Das besondere ist Runde drei: Bereits kurz nach dem Rennen sagte Sanders, dass er den zwischenzeitlichen Rückstand auf Wurf und Kienle mit enormen Kraftaufwand schließen musste. Nachdem Sanders den Entschluss gefasst hat, auf die beiden Führenden aufzufahren, hat er diese Aufholjagd bewusst herausgestoppt. 12:11 Minuten dauert dieser Abschnitt, in dem Sanders sagenhafte 349 Watt NP (4,68 Watt/kg) aufs Pedal brachte. Nach fast vier Stunden Rennzeit wohlgemerkt. Nach dem Rennen gab sich der Kanadier selbstkritisch und äußerte sogar, dass ihn dieser Kraftakt eventuell den Sieg gekostet haben könnte. Dennoch unterstreichen diese Daten die enorme Leistungsfähigkeit des neuen Ironman-Vizeweltmeisters. 

Hier sehen Sie Lionel Sanders' Leistungsdaten vom Ironman Hawaii 2017:

Foto >TrainingPeaks

Kaum Leistungsverlust zum Rennen in Arizona

Bewundernswert ist die Tatsache, dass Lionel Sanders im Vergleich zum Ironman Arizona 2016 (Radstreckenrekord mit einer Zeit von 4:04 Stunden) kaum Leistung auf Hawaii einbüßen musste. Beim Rennen im vergangenen November absolvierte Sanders die Radstrecke mit 315 Watt AP und 317 Watt NP (VI von 1,01), was einer Leistung von 4,21 Watt/kg entspricht. Auffällig ist außerdem, dass die Differenz bei der Leistungsverteilung auf dem rechten und linken Pedal noch größer ist als beim Ironman Hawaii. In Arizona betrug das Verhältnis sogar 46,7% (links) zu 53,3% (rechts). 

Sanders trat bei der Ironman-WM also nur vier Watt (NP) weniger als beim Ironman Arizona 2016. Er scheint sich also perfekt auf die Bedingungen auf Hawaii vorbereitet zu haben, was auch aus seinen Blogeinträgen und Trainingsvideos hervorging. Wahrscheinlich ist außerdem, dass er mit einer so spezialisierten Vorbereitung auf eine Langdistanz, wie er sie nach eigener Aussage noch nie hatte, im Vergleich zum Vorjahr noch einen Leistungssprung verbuchen konnte. Schaut man Datenaufzeichnungen der vergangenen Jahre an, liegt die Differenz im Vergleich zu europäischen (oder kühleren) Rennen bei einer Vielzahl von Athleten nicht selten im Bereich von 20 Watt. Umso höher sind die Wattzahlen des Kanadiers einzustufen. Doch für Sanders war die Gesamtleistung gar nicht das Entscheidende: "Ich habe im Schnitt nur sieben Watt mehr getreten als im Vorjahr. Das Problem im Hinblick auf den weiteren Rennverlauf war eher, wie diese Zahl zustande gekommen ist", analysierte der Kanadier nach dem Rennen mit einem Lachen und spielte damit auf seine Aufholjagd zu Wurf und Kienle an.

Hier sehen Sie die Leistungsdaten vom Ironman Arizona 2016 zum Vergleich.