Mein erster Triathlon

Übermut? Bierwette? Midlife-Crisis? Es gibt viele Wege zum Triathlon. Meiner: Eigentlich sollte ich 2012 eine Radio-Reportage machen: einen Selbstversuch auf der olympischen Distanz.

Von > | 22. Januar 2000 | Aus: SZENE

Anita Horn als Staffelradfahrerin bei der Challenge Roth 2016

Anita Horn als Staffelradfahrerin bei der Challenge Roth 2016

Foto >Challenge Roth / Marathon-Photos.com

Ich habe mich also für den Köln Triathlon angemeldet und hatte zwei Wochen vor dem Wettkampf von einem Hindernislauf in Hamburg – zum Glück – einen Hexenschuss. Da ich eh weder kraulen konnte noch einen Neoprenanzug oder ein Rennrad hatte, wäre ich, wenn überhaupt, vermutlich ins Ziel gekrochen und hätte diesen Sport für immer verflucht.

Dank des Hexenschusses habe ich mich also entschieden, im Folgejahr vernünftig an das Projekt heranzugehen und 2013 bei den Kölner Rookies mitzumachen. Drei Monate betreutes Training in allen Disziplinen inklusive Koppel- und Wechselzonentraining. So habe ich Kraulen gelernt, mir ein erstes eigenes Rennrad zugelegt und hatte erstmals Lauftraining in einer Gruppe. Mein erster Probe-Triathlon war noch während des Rookie-Projekts eine Sprintdistanz am Rheinauhafen in Köln. Ich erinnere mich, wie ich völlig fertig aus dem Hafenbecken kroch und mir ein Wettkampfrichter in der Wechselzone zurief „Hey, du bist 20. Frau, weiter so“. Am Ende habe ich festgestellt, dass nur 29 Frauen mitgemacht haben.

Aber es hat gewirkt, ich war nach 1:45:22 Stunden als 12. Frau im Ziel und stolz wie Oskar. Ich habe Blut geleckt und wollte mehr. Es folgte meine erste olympische Distanz beim Köln Triathlon Wochenende im September. Und auch hier lief es recht rund, obwohl ich vor dem Start ein einziges Nervenbündel war. Nach 2:25:58 Stunden habe ich die Ziellinie überquert. Damit war das Rookie-Projekt erfolgreich beendet, meine Reportage im Kasten und ich gefangen von einem neuen Hobby. Zum Saisonabschluss wollte ich mir den Köln Marathon nicht entgehen lassen und habe die Vier-Stunde-Marke unterboten.

Mein Ziel: Meine erste Langdistanz

Und heute? Bereite ich mich auf meine erste Langdistanz vor. Angemeldet war ich schon für letztes Jahr. Aber eine ewig wiederkehrende Erkältung hat mich bis März außer Gefecht gesetzt. Zu starten wäre sinnlos und riskant gewesen. Also starte ich nun einen neuen Versuch und befinde mich auf meiner wohl sportlichsten Reise eh und je. Einer Erlebnisreise, einem Abenteuer, einer Grenzerfahrung. Ich freue mich. Ich habe Angst. Ich bin motiviert und angespannt. Wann fange ich an? Und wo fange ich an? Wieso tue ich das überhaupt? Und vielleicht könnt ihr ja aus meinen Erlebnissen und Fehlern lernen. Und ich aus euren. 2018 soll mein Jahr werden – das Jahr, in dem die Langdistanz ihr 40. Jubiläum feiert. 1978 wurde auf Hawaii das erste Mal ein Triathlon dieser Art ausgetragen. Gordon Haller kam nach 11:46:58 Stunden als Erster ins Ziel und wurde damit erster Ironman überhaupt. Diese Zeit würde ich gerne unterbieten. Ob das möglich ist? Keine Ahnung. Schließlich kann ich nicht einfach meine Bestzeiten in den einzelnen Disziplinen zusammenrechnen, ein bisschen Wechselzone dazu addieren oder meine Mitteldistanz-Zeit mal eben so verdoppelt. Die Rechnung ist komplexer. Wenn nicht sogar unmöglich. Aber ich werde es versuchen.

Meine bisherigen Bestzeiten

Ich bin kein Überflieger im Sport. Ich kann eher alles ein bisschen, wie meine bisherigen Bestzeiten eindeutig zeigen: ich bin ein ganz normaler Mensch, eine Hobby-Sportlerin mit dem gewissen Ehrgeiz.

Challenge vs. Ironman

Die Entscheidung zur Langdistanz fiel bei mir im Sommer 2016. Ich habe bei der Challenge Roth bei meiner ersten Langdistanz-Staffel mitgemacht und dabei den Rad-Part übernommen. Ich hatte das erste Mal in meinem Leben ein Zeitrad unter den vier Buchstaben und habe es geliebt. Ich war ehrfürchtig vor diesem schwarzen Schlitten und heiß auf die Strecke.

Meine angepeilte Radzeit von 5:15 Stunden konnte ich leider nicht halten, weil ich in der zweiten Runde unerträgliche Krämpfe in den Füßen bekommen haben. Vermutlich waren meine Schuhe nicht richtig eingestellt. Die Sitzposition war gut, meinem Rücken ging es super, aber ich konnte kaum Druck in die Pedale geben. Nur ein Schild hat mich dazu gebracht, das durchzuziehen: „Wo Schmerz ist, ist noch Leben“, stand darauf. Also gut, Zähne zusammenbeißen und weiter. Schließlich wartete ja der Staffelläufer auf mich. Nach 5:44:45 Stunden war ich in der Wechselzone und am Ende haben wir es tatsächlich gesund und glücklich zu dritt ins Ziel geschafft. Am selben Abend haben wir dann noch die letzten Einzelstarter ins Ziel gejubelt – bei der berühmten Party im Challenge-Stadion. Die Stimmung war unglaublich und die Emotionen der Finisher konnten nicht intensiver sein. Einige kamen scheinbar lässig um die Ecke gebogen und liefen federleicht durch den Zielbogen, andere schleppten sich mit letzter Kraft kurz vor der Cut-off-Zeit von 15 Stunden zur Medaille. Und da dachte ich: Das kann ich auch schaffen!

Am I an Ironman?

Warum die Entscheidung trotzdem auf eine Langdistanz beim Ironman fiel, kann ich erklären: ich möchte diesen einen, berühmten Satz hören: „You are an Ironman!“ Da ich einen Wettkampf in meiner Nähe wollte, habe ich mir Frankfurt ausgeguckt. Einige Klicks später hatte ich die Bestätigungsmail im Postfach: „Congratulations! You are now registered ...“ Und 804 Euro ärmer – ich habe den 70.3 in Kraichgau zwecks Vorbereitung gleich mitgebucht. Dadurch ergibt sich ein Preis von 225 Euro für Kraichgau, 530 Euro für Frankfurt, 15 Euro für die Medaillengravur, ein wenig Rabatt für die Serien-Buchung und zusätzliche Bearbeitungsgebühren in Höhe von 59,55 Euro.

Die Cut-Off-Zeiten für Frankfurt klingen machbar. Nach 2:20 Stunden muss ich mit dem Schwimmen durch sein, zehn Stunden nach meinem Start mit dem Radfahren und nach insgesamt 15 Stunden muss ich über die Ziellinie gelaufen sein. Wenn ich so daran denke, rutscht mir das Herz in die Hose.