"Erhobenen Hauptes und mit einem Lächeln im Ziel"

Niemand wird gern Zweiter - aber Timo Bracht zeigte sich mit dem Ausgang in Zürich trotzdem zufrieden. Im Interview spricht der 41-jährige Routinier über den Reiz des Schweizer Rennens und erzählt, warum sein Start bis zuletzt auf Messers Schneide stand.

Von > | 26. Juli 2016 | Aus: SZENE

Bilder vom Ironman Switzerland 2016 | Impressionen vom Ironman Switzerland 2016.

Impressionen vom Ironman Switzerland 2016.

Foto >Getty Images for Ironman

Für Timo Bracht war der Ironman Switzerland eine echte Premiere. Auch wenn er zwei Tage nach seinem 41. Geburtstag bereits die 39. Langdistanz seiner Karriere bestritt, war sein Debüt in Zürich doch etwas Besonderes. Der Eberbacher war überaus angetan von einem Rennen, das für ihn unter schwierigen Vorzeichen stand.

Timo Bracht, Sie haben schon 39 Wettkämpfe auf der Ironman-Distanz bestritten, aber in Zürich waren Sie noch nie zuvor. Wie war Ihre Premiere?
Als deutscher Profi hast du natürlich gute Auswahlmöglichkeiten mit Frankfurt und Roth, aber ich muss sagen: 20 Jahre Zürich, da muss man mal hin als Triathlet. Die Schweizer halten immer ein bisserl hinterm Berg mit dem, was sie können. Aber man merkt hier, dass unheimlich viel Spirit in diesem Rennen ist. Es wird nicht alles so gehypt, aber es ist eine unheimlich ehrliche Strecke. Es sind flache Stücke, es geht berghoch, landschaftlich traumhaft, und die Laufstrecke ist eine der schönsten weltweit.

Nach dem anspruchsvollen Radkurs ist der Marathon aber nicht gerade einer der leichtesten und schnellsten mit vielen Wenden?
Nein, es ist wirklich nicht einfach. Aber es ist breit genug, es gibt viele Leute, gute Stimmung. Und dann hast du fast die ganze Zeit den See neben dir. Sonne, Strand, Wasser, tolle Straßen, und das alles nicht weit von daheim – was will man mehr als Triathlet?

Dem Rennen wird gern unterschätzt, oder?
Genau, typisch Schweiz halt. Ronnie hat nach dem Rennen ja gesagt, dass er einen absoluten Sahnetag hatte, und das ist auch in Ordnung so. Er hat hier unheimlich viel für den Sport getan, nicht nur, weil er diesen Ironman neun Mal gewonnen hat. Wir kennen uns schon lange, und wenn man hier gegen einen verlieren kann, dann ist es gegen Ronnie. Ich lag letzten Sonntag noch im Bett mit einer Magen-Darm-Infektion und habe bei Ironman eigentlich schon angerufen, ob ich nicht noch einen anderen Startplatz haben kann, weil ich hier nicht an den Start gehen kann. Ich habe nur von Tag zu Tag gedacht. Jetzt hier zu sein und mit dem zweiten Platz die Hawaii-Quali gelöst zu haben, das ist ein Traum.

Er geht in Erfüllung, weil Sie ihren Wettkampf taktisch und strategisch gut ausgerichtet haben. Sie hatten am Ende noch die Kraft, von der Sie nicht sicher sein konnten, ob Sie auch nach dem Infekt noch da ist?
Das Problem mit den Virusinfektionen ist immer, dass das Immunsystem geschwächt ist. Die ganze Energie wird vorwiegend aus dem Kohlehydratstoffwechsel geholt, und bei acht Stunden braucht man halt einen guten Fettstoffwechsel. Meine erste Taktik war deshalb, besonders viel zu essen. Die zweite Taktik war Risikomanagement. Beim Schwimmen und Radfahren ging es darum, vorne dabei zu sein ohne ganz große Tempospitzen zu setzen. Beim Laufen habe ich von Anfang an keine Top-Beine gehabt, aber ich habe mich gut versorgt und fast das Doppelte an Gels genommen wie sonst, damit ich keinen Einbruch habe. Im Endeffekt war das Rennen, dafür, dass ich es kurzfristig eingeschoben habe, wirklich okay. Vor zwei Tagen bin ich 41 geworden, und es nach wie vor ein knallharter Sport – aber es hat Spaß gemacht.

Die Feier zum Geburtstag muss jetzt noch nachgeholt werden. Wann steigt die Party?
Am Mittwoch. Wir machen einen Odenwälder Abend mit Kochkäse und Most, also alkoholischem Apfelsaft. In einer Mühle mit Mühlrad und Kühen in der Nähe. Da sitzen wir ein bisschen draußen und genießen es, der Genuss darf einfach auch nicht zu kurz kommen.

Und nach der Feier geht es zum 14. Mal zum Ironman Hawaii. Wie ist die weitere Planung Richtung Oktober?
Die Planung läuft bereits. Gerade in der Phase meiner Karriere, in der ich jetzt bin, darf man nicht überpacen, aber man darf auch keine Fehler machen. Ich habe im Frühjahr ein bisschen Pech gehabt, aber im Training das eine oder andere mal auch ein bisschen zu früh begonnen nach einer Erkältung. So etwas rächt sich jetzt bitterbös. Du kannst deinen Körper nicht mehr so treten wie früher, und deshalb muss alles genau passen.

Sie wirken nach dem Rennen aber ganz schön frisch im Vergleich zu manchem jüngeren Kollegen?
Es war auch Teil des Plans, dass ich erhobenen Hauptes und mit einem Lächeln über die Ziellinie komme und nicht die letzten 20 Kilometer auf der letzten Rille bestreite. Ich bin nicht so im Eimer, dass ich mich jetzt gar nicht mehr bewegen könnte.