Nah am Wasser (gebaut)

Unsere Bloggerin Anita Horn ist momentan eine echte Heulsuse – und daher doppelt nah am Wasser gebaut, weil sie derzeit viel Zeit im Freiwasser und Schwimmbecken verbringt. Ob ihr Fuß bis Frankfurt wieder fit wird? Daumen drücken.

Von > | 21. Juni 2018 | Aus: SZENE

Wegen einer Laufverletzung verbringt Anita Horn derzeit viele Kilometer im Wasser.

Wegen einer Laufverletzung verbringt Anita Horn derzeit viele Kilometer im Wasser.

Foto >Privat

Im Moment bin ich eine Heulsuse. Das ist schrecklich. Ich bin super emotional und nah am Wasser gebaut. Anfang der Woche war es am schlimmsten. Nach einem anstrengenden Wochenende mit 280 Radkilometern – davon 160 am Sonntag in einem Schnitt von 31 km/h – hatte ich am Ruhetag Zeit runterzukommen und Facebook-Videos zu gucken. Von Ironman-Helden bis zu Katzenbabys war alles dabei und ich habe Rotz und Wasser geheult. Danach habe ich mein Finisherboard fertig gestellt. Das war ein Geburtstagsgeschenk einer lieben Freundin und hat mich beim Ausfüllen und Medaillen-Aufhängen daran erinnert, was ich schon alles geschafft habe. Meinen ersten Marathon 2011, meinen ersten Triathlon 2013, meine erste Mitteldistanz 2014. Und nun stehe ich vor meiner ersten Langdistanz. Man wächst mit seinen Aufgaben und irgendwie bin ich gerade total überzeugt davon, dass ich es schaffen werde. Auch wenn mein Fuß immer noch nicht hundertprozentig wieder fit ist, wie ich diese Woche feststellen musste.

Ex-Profi-Schwimmerin Isabelle Härle unterstützt unsere Bloggerin Anita Horn beim Schwimmtraining.

Ex-Profi-Schwimmerin Isabelle Härle unterstützt unsere Bloggerin Anita Horn beim Schwimmtraining.

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Sonntag nach der Baller-Radtour war ich vorsichtshalber noch aquajoggen. Koppeln im Wasser sozusagen. Eine Stunde lang habe ich mir einen Wolf gestrampelt, alle vier Minuten 20-Sekunden-Sprints eingebaut und während der Dauerlaufphasen Wassergreifübungen mit den Armen gemacht. Dafür habe ich sehr entgeisterte Blicke geerntet. Aber das tut man als Triathlet ja eh permanent. Vorgestern bin ich dann das erste Mal nach drei Wochen Pause wieder in meine Laufschuhe geschlüpft. 5 x 30 Sekunden Traben hatte ich mir vorgenommen. Ich war super ängstlich und bin in slow motion durch den Park getapst – ohne Schmerzen. Mission 1 geglückt. Ich habe geweint vor Freude und direkt meinen Coach Micha Rundio angerufen, um zu besprechen, dass ich abends einen kleinen Minilauf mit längeren Abschnitten und Gehpausen wagen sollte. Gesagt, getan.

Wie auf rohen Eiern und mit höchster Vorsicht habe ich einen Fuß vor den anderen gesetzt. Insgesamt gerade mal drei Kilometer. Und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich das am nächsten Morgen nicht gemerkt hätte. Mein Orthopäde hat mir gesagt, dass das normal ist. Ich habe also wie die letzten drei Wochen weiter gekühlt und gehofft. Ich bin noch nicht sicher, ob ich heute nochmal teste oder lieber beim Aquajogging bleibe. Geht ja hier eh nicht mehr um Training, sondern darum möglichst unbeschädigt in den Wettkampf starten zu können. Hach, da könnte ich direkt wieder heulen. Diese Mischung aus Vorfreude, Angst, Adrenalin und leichten Schmerzen macht mich ganz verrückt.

Nah im Wasser

Was zum Glück bestens funktioniert ist im Moment das Schwimmen. Meine leicht gestresste Schulter lasse ich jetzt mal außen vor. Ich habe das Pensum so extrem hochgefahren, dass mich ein paar Piekser nicht wundern. Um weiter an meinem Schwimmstil zu feilen, habe ich letzte Woche mit der ehemaligen Profi-Schwimmerin Isabelle Härle aus Essen trainieren dürfen. Sie ist mehrfache Deutsche Meisterin im Freistil, Europameisterin und Deutsche Vizemeisterin im Freiwasserschwimmen auf der 5-Kilometer-Strecke mit einer Zeit von unter 59 Minuten. Sie schwimmt also fast doppelt so schnell wie ich. Oder ich doppelt so langsam wie sie. Es war für mich eine Ehre und dazu auch noch super nett. Isabelle hat vor allem zwei Dinge bei mir korrigiert: die Atmung und den Armzug. Beim Atmen schaue ich zu weit nach hinten. Dabei verliere ich die Körperspannung und winde mich um mich selbst. Und das Wasser hat zu viel Anströmfläche am Hinterkopf und bremst mich. Ich soll mich also eher nach schräg vorn orientieren und ein Auge unter Wasser lassen. Dazu ist mein Armzug zu weit vom Körper entfernt, ich arbeite sehr seitlich und soll stattdessen ein wenig mehr Richtung Bauchnabel ziehen – und dabei natürlich den angestellten Ellbogen nicht vergessen. Um den zu verinnerlichen war Isabelle mit im Wasser und hat meine Armhaltung mit ein paar Handgriffen korrigiert. Selbst- und Fremdwahrnehmung liegen oft weit auseinander. Ich hätte schwören können, mein Ellbogen ist oben. Aber jetzt weiß ich, was gemeint ist.

Um mich noch etwas besser auf den Wettkampf vorzubereiten, haben wir danach noch ein Freiwasserschwimmen imitiert und sind in eine Art Nahkampf gegangen. Ich sollte mir den besten Schwimmschatten suchen und an Isabelles Füßen hängen. Ich habe immer versucht einen minimalen Sicherheitsabstand zu halten, aber richtig wäre es, die Füße des Vordermanns regelmäßig leicht zu berühren. Isabelle sagt: wenn es sie oder ihn stört, wird es mir das schon zu verstehen geben. Danach hat sie mich noch professionell geärgert: Wasser ins Gesicht geschippt, mich gehauen, abgedrängt geschnitten. Bisher habe ich in solchen Situationen maximal meine eigene Linie geändert, um dem Unruhestifter zu entkommen. Jetzt weiß ich, dass ich mich durchaus wehren und mein Revier markieren darf. So, dass ich selbst nicht aus dem Rhythmus komme.

Um die Technik zu festigen, war ich vorgestern 3,8 Kilometer schwimmen mit 4 x 500 m im Wettkampftempo und 20 x 50 m mit Fokus auf der Druckphase. Heute stehen 3,2 Kilometer mit 16 x 50 m Sprint an, morgen geht's für 5 Kilometer ins Freiwasser und Sonntag starte ich spontan als Staffel-Schwimmerin beim Indeland Triathlon auf der Mitteldistanz. Eine gute Übung vor dem Ironman, um nochmal Wettkampf-Luft zu schnuppern.

Und dann sind es nur noch zwei Wochen. Bis dahin steht noch ein wenig Feintuning an, ich werde am Rad nochmal alle Schrauben checken, mir die Rennstrecke mit allen Höhenmetern und Verpflegungsstellen genau ansehen und notfalls an den Gedanken gewöhnen, dass ich mit ein paar Blessuren an den Start gehen werde. Hauptsache ich starte überhaupt. Und ich finishe. Irgendwie. Dann werde ich auf jeden Fall wieder Rotz und Wasser heulen. Das wäre toll.