Ironman Hamburg: Wer A sagt, muss auch B sagen

Heute hat Ironman die neuen Strecken für den 2. Ironman Hamburg am 29. Juli 2018 veröffentlicht. Die Meinungen sind gespalten – auch meine.

Von > | 24. April 2018 | Aus: SZENE

Der schnellste Hamburger Golo Röhrken bei der Besichtigung der neuen Radstrecke des Ironman Hamburg

Der schnellste Hamburger Golo Röhrken bei der Besichtigung der neuen Radstrecke des Ironman Hamburg

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Daniela Sämmler äußerte bei der heutigen Pressekonferenz zur Vorstellung des neues Streckenkonzepts für den Ironman Hamburg das, was viele Triathleten denken: „Ich kenne beide Strecken“, sagte die Vorjahressiegerin, die am Sonntag mit uns den neuen Kurs abgefahren ist. „Und ich muss ehrlich sagen: Der alte hat mir besser gefallen.“ Trotzdem freut sich Sämmler auf ihre Titelverteidigung in Hamburg, denn sie weiß: Das Rennen kann verdammt schnell werden. Denn der neue Kurs ist einfach. Bei wenig Wind auch einfach schnell. Grob gesagt: 45 Kilometer raus aus Hamburg, nach Südosten, immer am Deich lang, bis Geesthacht. Dort eine kleine Schleife. Dann 45 Kilometer auf fast identischem Weg zurück. Vorbei an schnuckeligen Schafen und ebensolchen Bauernhäusern, viel mehr gibt es nicht zu sehen. Urlaubsidylle auf norddeutsch, das Ganze zweimal. Eine Herausforderung für den Kopf und die Rumpfstabi – wer diese Strecke mental und in Aeroposition durchdrücken kann, hat das Prädikat "Ironman" wahrlich verdient. Der Ironman Hamburg 2018 bietet zweifellos eine Chance für alle Bestzeitenjäger, die eine Marke für die persönliche Ewigkeit setzen wollen. Das Schöne am Triathlon ist, dass er Alternativen für jeden Geschmack zu bieten hat.

Der neue Kurs wäre mein Ding gewesen

Ich glaube, ich hätte auf diesem Kurs meinen Spaß gehabt, mehr als auf dem letztjährigen, der in diesem Jahr aus verschiedenen Gründen nicht wieder zum Zuge kommen konnte. Die alte Strecke war vom Profil her auch nicht so furchtbar anspruchsvoll, die Würze kam eher vom Wind (was auf dem neuen Kurs auch passieren kann) – aber sie war ungemütlich, unrhythmisch. Die 182 Kilometer des Ironman Hamburg 2017 und ich, wir sind nie wirklich Freunde geworden. Ich persönlich mag den Süden meiner Heimatstadt nicht (und das sage ich als gebürtiger Niedersachse). Der Hafen hat seine Schokoladenseiten (und die industriellen, durch die wir gefahren sind), die Köhlbrandbrücke ist eine zwar nette, aber nur kurz dauernde Attraktion, den Blick auf die Elbphilharmonie habe ich als Hamburger auch sonst alle paar Tage mal und Harburg fehlt neben zwei Stützen am ersten „r“ noch so viel mehr, was Hamburg ausmacht. Buchholz ist nicht Immenstadt, der Eißendorfer Berg nicht der Solarer. Kurzum: Das Radfahren war vom Erlebniswert okay, ich hatte beim Schwimmen und auf der stimmungsvollsten Laufstrecke der Welt aber deutlich mehr Spaß. 

Und 2018? Meine Heimattrainingsstrecken sind zwar nicht die, über die der Ironman nun führt, aber ebenso flach. Dort konnte ich im letzten Jahr wattgenau trainieren, dort war ich nach 18 Uhr oft völlig allein hinter dem Deich, ohne viel Verkehr. Das Profil der Strecke hätte zu meinem gepasst: Aerodynamisch bis ins letzte Detail gefittet, auch nach 150 Kilometern noch. Viel Tempo mit wenig Watt (das ist die nette Version von: für bergige Kurse bin ich zu schwer). Der neue Kurs wäre mir daher aus sportlicher Sicht sehr entgegen gekommen (keine Angst, ich werde 2018 wie versprochen keine Langdistanz machen). Genießertouren habe ich letzte Woche auf Mallorca gemacht, die 4.000 Höhenmeter vom vergangenen Mittwoch reichen jetzt für viele Monate. Im Rennen 2017 ging es mir nicht um Sightseeing, sondern um Leistung. Da war mit die Aussicht egal. Vielen Sportlern ist sie das aber nicht, wie zahlreiche Reaktionen auch auf unseren Social-Media-Kanälen zeigen: Wer sich einen abwechslungsreichen Kurs für Hamburg 2018 gewünscht hat, darf nun zurecht ernüchtert sein. Oder, wie Daniela Sämmler es ausdrückt: „So, wie der Kurs 2018 ist, hatte ich ihn mir bei der Ankündigung des Rennens in Hamburg für 2017 vorgestellt.“ 

Neben der vermeintlichen Langeweile (warum genau fahren eigentlich angeblich alle Hamburger Radfahrer an jedem Wochenende auf genau dieser Strecke am Deich entlang?) gibt es aber noch ein weiteres Argument, das bei den Diskussionen rund um das Rennen ins Spiel gebracht wird: Die gestiegene Wahrscheinlichkeit von Pulkbildungen auf der Strecke. Und dieses Thema ist ein ernstes, weit über die Hamburger Stadtgrenzen hinaus.

Wer A sagt, muss auch B sagen

Hamburg ist nicht der einzige flache Kurs in der Langstreckenwelt. Auch Strecken wie in Barcelona und Florida, die der Premiere des Ironman Italy oder sogar auf Mallorca warteten mit über weite Strecken ähnlich flachen Profilen auf. Die Bilder sind bekannt – große Pulks im Mittelfeld haben so gar nichts mehr mit dem allein gegen Wind und Schweinehund kämpfenden Hero zu tun. Das ist auf Hawaii übrigens nicht anders! Und bekannt ist auch: Das Problem des Windschattenfahrens liegt nicht nur bei den Athleten, nicht nur bei den Veranstaltern und nicht nur bei den Kampfrichtern. Sondern bei allen drei Parteien. Und in der Mathematik.

Bei einem Starterfeld von 2.600 Sportlern wie in Hamburg werden etwa 2.000 innerhalb einer Stunde auf das Rad steigen. Das ist mehr als einer alle zwei Sekunden, 30 in jeder Minute. In manchen Minuten werden es nur zehn sein, in anderen 100. Ohne Scharfrichter in Form früher Berge ist die Pulkbildung hier auch ohne Vorsätzlichkeit vorprogrammiert, wenn man nicht entschiedene Maßnahmen ergreift. Und die können nur heißen: Frühzeitige Entzerrung – am besten schon vor dem Start. Darum, liebe Verantwortlichen bei den Großevents dieser Triathlonwelt: Wer A sagt und einen flachen Kurs anbietet, der muss auch B sagen und die Startabstände der Wellen im grundsätzlich schon mal Entlastung bringenden Rolling Start, vor allem im Mittelfeld, noch deutlich vergrößern.

Bilder wie die von vergleichbaren Strecken, in Barcelona oder Florida, kennt man schon in Hamburg. Von den Cyclassics, wo Windschattenfahren erlaubt ist. Wenn alle an einem Strang ziehen, können wir die im Triathlon vermeiden.