Der Nike Zoom Vaporfly 4% Flyknit im Test

Mit dem neuen Nike Zoom Vaporfly 4% Flyknit lief Eliud Kipchoge in Berlin zum Marathon-Weltrekord in sagenhaften 2:01:39 Stunden. Unser Redakteur Simon Müller hat den Schuh im Test ganz genau unter die Lupe genommen.

Von > | 26. September 2018 | Aus: SZENE

Gerade einmal 184 Gramm (Größe 43) bringt der Vaporfly 4% Flyknit auf die Waage.

Gerade einmal 184 Gramm (Größe 43) bringt der Vaporfly 4% Flyknit auf die Waage.

Foto >Nike

Berlin, 16. September - Eliud Kipchoge gewinnt den Berlin-Marathon mit einer Bestzeit von 2:01:39 Stunden. Damit brach der kenianische Ausnahmeläufer und amtierende Olympiasieger den anvisierten Weltrekord im Marathon, der bis dato seinem Landsmann Dennis Kimetto (2:02:57 Stunden) gehörte. Kipchoge trug bei seinem Rekordlauf den neuen "Nike Zoom Vaporfly 4% Flyknit". Einen Wettkampfschuh, der ursprünglich speziell für Eliud Kipchoge entwickelt wurde. Ich habe den Marathon-Weltrekord-Schuh von Nike, mit dem mittlerweile auch etliche Profitriathleten unterwegs sind, im Training und Wettkampf unter verschiedensten Bedingungen ausführlich getestet. 

Die Idee und Geschichte hinter dem Vaporfly 4%

Shalane Flanagan und Amy Cragg, zwei der zurzeit besten amerikanischen Langstreckenläuferinnen, waren die ersten weiblichen Athletinnen, die im Januar 2016 direkt vor den Marathonqualifikationen für die Olympischen Spiele in Rio Prototypen des Nike Zoom Vaporfly 4% erhielten. Nike begann mit der Entwicklung des Vaporfly-4%-Systems und verwendete im Juni 2013 den größten Teil seiner Forschungsarbeit auf das Tooling, die Gestaltung des Sohlenaufbaus. Zum Tooling gehört ein neuer Nike-ZoomX-Schaumstoff, der ultra-leicht, weich und dazu geeignet sein soll, bis zu 85 Prozent der abgegebenen Energie zurückzugeben. Eingebettet in den Schaumstoff ist eine über die ganze Schuhlänge reichende Platte aus Carbonfasern zur Erhöhung der Steifigkeit, mit deren Hilfe ein Schubeffekt erzeugt werden soll.

Zusammen sollen diese Eigenschaften eine durchschnittliche Verbesserung der Laufökonomie von vier Prozent im Vergleich mit dem Zoom Nike Streak 6 (den bis dahin schnellsten Laufschuh von Nike) ergeben, woraus auch der Name des Schuhs resultiert. Das ist eine Optimierung, die riesigen Einfluss darauf haben kann, wie sich die Verfassung und Leistung eines Sportlers bei einem so langen Wettbewerb wie einem Marathon entwickeln. Nachdem 2017 die erste Version des Vaporfly 4% auf den Markt gebracht wurde, wurde der Schuh weiter überarbeitet und ist vor wenigen Wochen in der bereits erwähnten Flyknit-Version erschienen. Das Flyknit-Upper soll den Schuh noch etwas leichter machen und zusätzlich Atmungsaktivität garantieren. Soweit die Theorie. Ich habe ausprobiert, ob der Rekordschuh seine angepriesenen Eigenschaften auch in die Praxis umsetzen kann. 

 

Der Praxistest

Als ich die Möglichkeit bekam, den neuen Vaporfly 4% zu testen, war ich sofort begeistert und zugleich sehr gespannt. Da ich als Wettkampfschuhe in den vergangenen Jahren sowohl im Triathlon als auch bei Laufwettkämpfen meistens den Nike Zoom Streak 5 und 6 oder Nike Zoom Streak LT 2 beziehungsweise 3 gelaufen bin, wollte ich unbedingt wissen, wie sich Nikes neuester Rennschuh mit der komplett neuen Entwicklungsphilosophie schlägt. 

Auf den ersten Blick fällt auf, dass Nike im Gegensatz zu seinen anderen Wettkampfschuhen, wie dem Nike Zoom Streak 6 oder der Nike-Zoom-Streak-LT-Reihe, beim Vaporfly 4% nicht mehr auf minimalistisches Schuhwerk setzt. Beim ersten Anziehen und Laufen merkt man schnell, dass das Flyknit-Upper den Schuh äußerst komfortabel und noch leichter als die Vorgängerversion macht, die im vergangenen Jahr ursprünglich ohne das Flyknit-Material auf den Markt kam. Für die Testphase kam mir zugute, dass ich die erste Variante des Vaporfly 4% bereits über einen längeren Zeitraum ausprobiert habe, was sehr aufschlussreich für den direkten Vergleich mit dem Nachfolger war. Der größte Unterschied in der Passform ist, dass die Schuhoberfläche durch das Flyknit-Material den Fuß nun direkt und eng umschließt. Das neue Modell ist quasi "slim fit". Durch das neue Material fällt der Schuh im Vergleich zum Vorgänger allerdings etwas schmaler aus, was man bei einem Kauf im Hinblick auf die Wahl der richtigen Größe unbedingt bedenken sollte. Sportlern mit sehr breiten Füßen könnte diese Passform unter Umständen Probleme bereiten.

Seine große Stärke spielt der Schuh allerdings erst im Wettkampf beziehungsweise bei hohen Geschwindigkeiten aus: Durch die Carbon-Platte spürt man förmlich, wie beim Aufsetzen des Fußes Vortrieb generiert wird. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde man auf Sprungfedern laufen. Dadurch wird es einem tatsächlich einfacher gemacht, gegen Ende einer Belastung das Tempo hochzuhalten. Außerdem sehr erstaunlich: Die ZoomX-Sohle wirkt sich offensichtlich schonend auf die Wadenmuskulatur aus. Ich habe den Schuh sowohl bei zwei 10-km-Wettkämpfen als auch bei einem Halbmarathon und im Triathlon getragen und konnte nach den Rennen eine deutlich geringere muskuläre Belastung feststellen als bei den klassischen und flachen Wettkampfschuhen, mit denen ich zuvor stets unterwegs war. Das einzigartige Laufgefühl der Schuhe und die versprochene Ersparnis von vier Prozent Leistung beziehungsweise Laufökonomie spiegelten sich auch tatsächlich bei mir in den Resultaten wider: Mit 31:50 Minuten über 10 Kilometer und 1:11:25 Stunden im Halbmarathon konnte ich zwei deutliche Bestzeiten aufstellen, an denen der Vaporfly, zumindest gefühlt und gemessen am Laufgefühl, nicht ganz unbeteiligt war. Wobei ich mir natürlich gewünscht hätte, genau herausfinden und messen zu können, wie groß der Effekt des Schuhs bei den Leistungen tatsächlich war.  

Wirklich empfehlen würde ich den Schuh erst ab einem Tempo von etwa 4:30 Minuten pro Kilometer, wobei nach unten keine Grenzen gesetzt sind, wie spätestens Eliud Kipchoge eindrucksvoll bewiesen hat. Es fühlt sich sogar so an, als würde der Effekt des gefühlten Vortriebs mit steigender Geschwindigkeit stärker und spürbarer werden. Auch für Einsätze im Triathlon ist der Schuh zu empfehlen, wobei die Distanz dabei nur eine untergeordnete Rolle spielt. Es ist kein Zufall, dass Kurzdistanzler den Vaporfly über fünf Kilometer tragen und Langdistanzler das Modell gleichzeitig auch für den Marathon verwenden. Meine Erfahrungen haben ebenfalls gezeigt, dass der Vaporfly 4% für alle Streckenlängen geeignet ist.

Kommen wir zum einzigen Manko, das ich bei den Schuhen feststellen konnte: Auch wenn die neue Sohlen-Technologie fantastisch ist, ist ihre Haltbarkeit nur sehr begrenzt. Viel mehr als 500 Kilometer kann man mit dem Schuh nicht laufen, bevor er hinüber ist. Diese Tatsache in Kombination mit dem stolzen Preis von 250 Euro wird bei dem einen oder anderen sicherlich dafür sorgen, dass zweimal überlegt wird, ob sich eine solche Investition lohnt. Denn rein rechnerisch kostet jeder Kilometer mit dem Nike Vaporfly 4% 50 Cent. Man sollte sich also gut überlegen, für welche Läufe man zum Vaporfly greift. 

Fazit

Auch wenn Qualität in diesem Fall wie so oft ihren Preis hat, ist der Vaporfly 4% Flyknit definitiv der beste Laufschuh, den ich bisher – von mittlerweile über 50 getragenen Paaren – an den Füßen hatte. Das Laufgefühl ist überragend und diesen direkten Vortrieb bei Aufsetzen des Fußes habe ich noch bei keinem anderen Schuhmodell erlebt. Der Vaporfly 4% richtet sich dementsprechend vor allem an äußerst ambitionierte Athleten, die an allen Stellschrauben drehen, und keine Sekunde verschenken wollen. Ob man bereit dafür ist, so viel Geld für einen Laufschuh auszugeben, der zudem eine relativ geringe Haltbarkeit hat, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Was die Eigenschaften des Schuhs angeht, hat Nike bereits vor der Erscheinung des ersten Modells, angefangen mit dem Breaking2-Projekt in Monza, den Vaporfly 4% als eine für die Laufschuhwelt revolutionäre Entwicklung angekündigt. Und genau das ist es auch geworden.