"Mit 8:13 Stunden habe ich eine gute Zeit in meinen Büchern"

Nach dem Duathlon in Hamburg wollte Patrick Dirksmeier seinen ersten "richtigen" Ironman in diesem Jahr noch bewältigen. In seinem Blog beschreibt er, wie er sich auf das Rennen in Australien vorbereitet hat und was ihm während des Wettkampfs alles durch den Kopf ging.

Von > | 14. Dezember 2018 | Aus: SZENE

Mit der ersten \"richtigen\" Langdistanz beim Ironman Western Australia ist Patrick Dirksmeier sehr zufrieden. In seinem Blog wird er bei uns ab jetzt berichten, wie seine Karriere weitergeht.

Mit der ersten "richtigen" Langdistanz beim Ironman Western Australia ist Patrick Dirksmeier sehr zufrieden. In seinem Blog wird er bei uns ab jetzt berichten, wie seine Karriere weitergeht.

Foto >STEVENS | Carlos Fernandez Laser

Ich erinnere mich noch gut an meine Anfangsjahre als Triathlet. Als ich diesen Sport für mich entdeckt habe, eröffnete sich mir eine völlig neue Welt. Sportlich gesehen gab es scheinbar keine Grenzen, die Triathleten nicht bewältigten konnten. Aber auch medial wurde der Sport von seiner Gefolgschaft akribisch verfolgt. Ich erinnere mich daran, wie ich zum ersten Mal ein Foto von einem Ironman-Rennen gesehen habe. Minutenlang schaute ich auf dieses Bild und konnte nicht glauben, dass ein Mensch diese Distanz bewältigen konnte. Gleichzeitig war ich natürlich wissbegierig und freute mich über jeden neuen Artikel, der Einblicke in diese verrückte Sportart gab. Ich erinnerte mich an einen bloggenden Bock (Niklas Bock) mit spannenden Geschichten, an abgefahrene Fahrräder und an einen Sommer in einer neuen Welt.

Dies ist nun neun Jahre her. Einige der damaligen Stars sind inzwischen zurückgetreten und die Langdistanz ist für mich zumindest machbar. Nun habe ich die Ehre ein Teil dieser Welt zu sein, die ich damals ehrfürchtig beobachte. Ich darf in meinem eigenen Blog schreiben und Ironman-Rennen als Profi bestreiten. Nachdem mein erster Ironman-Versuch beim Ironman Hamburg als Duathlon ausgetragen wurde, wollte ich dieses Jahr zumindest noch einen Versuch über die lange Distanz starten.

Neues Ziel: Ironman Western Australia

Ursprünglich schien der Oktober ein guter Zeitpunkt zu sein, da ich bis dahin den Hitze-Langdistanz-Duathlon in Hamburg bestimmt gut verdaut haben würde. Doch die Nachwirkungen waren heftiger als gedacht. Körperlich, aber ganz besonders auch mental, war ich schlichtweg nicht in der Lage, richtig zu trainieren. Ich fühlte mich dauerhaft schwach, sodass ich beschloss, mir genügend Zeit zu geben und notfalls am anderen Ende der Welt  zu starten, solange die Vorbereitung zufriedenstellend sein würde. Mein neues Ziel war der Ironman Western Australia.

Glücklicherweise begann die Vorbereitung in Deutschland bei bestem Wetter. In den ersten Wochen konnte ich bis Mitte Oktober bei sommerlichen Temperaturen trainieren. Spannender wurde es jedoch im November. Auf dem Trainingsplan standen unter anderem fünf bis sechs Stunden Radfahren an, was an den kürzeren Herbsttagen wirklich nicht leicht neben meiner Arbeit zu schaffen war. Daher endete eigentlich jede Ausfahrt im Keller. Im Prinzip startete ich mein Training immer gegen 15 Uhr auf der Straße, wo ich drei Stunden problemlos fahren konnte. Danach hab ich mein Rad auf die Rolle gespannt, die Winterbekleidung abgelegt und weitere zwei Stunden im Keller verbracht. Dieses Training war sehr effektiv und absolut gut zu meistern. Zudem konnte ich mich auf diese Weise auch einigermaßen den australischen Temperaturen anpassen.

Eine gute Vorbereitung ist alles

Die Reise nach Australien ist bekanntlich nicht leicht. Man sollte gute 20 Stunden Reisedauer einplanen, ohne die Autofahrt vor Ort. Aus diesem Grund bin ich bereits zehn Tage vor dem Rennen angereist, um die Reisestrapazen vor dem Start zu verdauen und um mich der Zeitumstellung anzupassen. Unsere Unterkunft bestand aus einem einfachen Bungalow mit bester Lage direkt an einem einsamen Strand. Es war für mich eine optimale Unterbringung, in der ich mich sehr wohl fühlte. Ich konnte mein Essen selbst zubereiten, was mir vor einem Rennen ganz besonders wichtig ist. Aus diesem Grund versuche ich Hotelunterkünfte zu vermeiden, da ich dort nicht so flexibel bin. Mein Highlight war es, von meiner Terrasse spielende Delfine im Wasser zu beobachten. Einfach ein absolutes Erlebnis! Da ich jedoch nicht in Australien war, um Urlaub zu machen, sondern für einen Ironman, stand ich natürlich latent unter gewisser Anspannung, was bei mir völlig normal ist.

Das Rennen startete an einem sonnigen Tag, bei rund 25 Grad und Sonnenschein, ideale Bedingungen also. Die Schwimmstrecke verlief größtenteils parallel zum Strand, was den Zweck erfüllen sollte, dass eine schnelle Evakuierung der Schwimmer jederzeit möglich war, sollte sich ein Hai zeigen. Gut zu wissen, dachte ich mir. Sollte also ein Hai auftauchen, würde es ein Signal geben, sodass ich auf direktem Weg das Wasser verlassen kann. In der Tat dürfte es spannend werden, sollte es ein Hai 300 Meter vor dem Strand auf mich abgesehen haben. In diesem Fall sollte man wenig Zeit verlieren, dachte ich mir und verdrängte weitere Gedanken an dieses Szenario aus meinem Kopf.

"Es tut mir leid, dass ich ständig an Cunnamas Füßen hing"

Das Schwimmen verlief relativ unspektakulär. Ich hielt mich in einer Gruppe um James Cunnama auf, der die Führungsarbeit übernahm. An dieser Stelle tut es mir bis heute leid, dass ich wirklich ständig auf seinen Füßen hing. Da meine Brille beschlagen war, konnte ich gegen die Sonne wirklich wenig sehen und orientierte mich an meinem Vordermann. Wahrscheinlich wäre ich mir in diesem Moment selbst auf die Nerven gegangen. Am Schwimmausstieg war uns lediglich Terenzo Bozzone um eine Minute enteilt.

Auf dem Rad machten Luke McKenzie und Cameron Wurf dann sofort mächtig Radau. Da ich natürlich mit Wurf nicht mithalten kann, entschloss ich mich, Ruhe zu bewahren und mein vorgegebenes Tempo zu fahren. Dieses Tempo entsprach ungefähr dem Tempo, das Cunnama anschlug und so hielt ich mich im zulässigen Abstand hinter ihm auf.

Als ich erkannte, dass James in der zweiten Runde ruhiger wurde, sah ich mich in der Pflicht Führungsarbeit zu leisten und löste ihn vorn ab. Als wir eine kurvige Küstenstraße entlang fuhren, kam ich fast zum Sturz, was bei dem Tempo wirklich hätte böse enden können. Ursache war eine braune Schlange, die sich hektisch über die Rennstrecke schlängelte. Völlig geschockt riss ich in Aeroposition den Lenker rum, konnte mich aber noch auf zwei Rädern halten. In diesem Moment war ich auf jeden Fall wieder wach. Vermutlich war es der Adrenalinschub, der mich auf der zweiten Radhälfte noch einmal antrieb. Ich hatte noch guten Druck und hatte mir offenbar bis zu diesem Zeitpunkt das Rennen gut eingeteilt. Nach und nach konnte ich mich von meinem Verfolger lösen und bis zum zweiten Wechsel gut vier Minuten rausfahren.

Zwei Stimmen in meinem Kopf während des Marathons

Bekanntlich ist es der Marathon, der einen Ironman entscheidet. Mangels Erfahrungen auf dieser Distanz konnte ich mich demnach nicht in Sicherheit wägen. Zu Beginn war es dennoch wichtig, die Nerven zu bewahren und nicht zu überzocken. Als ich jedoch sah, dass der Dritt- und Viertplatzierte nicht unendlich weit weg waren, entschloss ich mich gegen Ende der zweiten von vier Runden zumindest den Versuch zu starten, die Lücke zu schließen. Das gelang mir anfangs scheinbar auch. Jedoch bekam ich in der letzten Stunde für diesen Versuch die Quittung und mein Tempo brach rapide ein. Ich gab also die Verfolgung auf und konzentrierte mich auf die Anweisung meiner Trainerin Ute Mückel, einfach zu laufen, was am Ende eines Ironman leichter klingt als gesagt.

Zu diesem Zeitpunkt sprachen zwei Stimmen in mir. Die eine, vermutlich die menschliche, sagte: „Geh einfach“. Andererseits konnte ich offenbar laufen und ich hab mir vor dem Rennen fest vorgenommen alles zu geben, sodass ich dieser Stimme immer ein „Mantra“ entgegenhielt: „Einfach laufen, Schritt für Schritt“. Glücklicherweise hat alles einmal ein Ende – auch ein Ironman. Zwar konnte ich meinen fünften Platz nach dem Radfahren nicht mehr verbessern, der Vorsprung auf Platz sechs war aber komfortabel.

"Tolle Erinnerungen an eine intensive Zeit"

Insgesamt bin ich mit meinem Rennen wirklich glücklich, zumal die Jungs vor mir allesamt keine „Nasenbohrer“ sind. Was bleibt, sind tolle Erinnerungen an eine intensive Zeit, für die ich dankbar bin. Mein Leben ist durch eine weitere Geschichte bereichert und auch mit einer Zeit von 8:13 Stunden hab ich zumindest eine gute Zeit in meinen Büchern.