Andreas Niedrig und Patrick Dirksmeier im Interview

Nach mehr als 20 Jahren hat Andreas Niedrig nach dieser Saison seinen Elitestartpass abgegeben. Bei seinem langjährigen Sponsor Saucony übernimmt Langdistanz-Hoffnung Patrick Dirksmeier nun seinen Platz.

Von > | 28. November 2018 | Aus: SZENE

Nachdem Andreas Niedrig (rechts) etliche Jahre in seiner Karriere von Saucony unterstützt wurde, übergibt er seinen Platz nun an Patrick Dirksmeier, der ab sofort bei dem Sportschuhhersteller unter Vertrag steht.

Nachdem Andreas Niedrig (rechts) etliche Jahre in seiner Karriere von Saucony unterstützt wurde, übergibt er seinen Platz nun an Patrick Dirksmeier, der ab sofort bei dem Sportschuhhersteller unter Vertrag steht.

Foto >Thomas Rabsch

Andreas Niedrig und Patrick Dirksmeier im Interview

1997 absolvierte Andreas Niedrig in Roth seine erste Langdistanz im Alter von 30 Jahren. 21 Jahre später gibt der Routinier und Triathlon-Pionier nun offiziell seine Profilizenz ab und schließt das Leistungssport-Kapitel. Seine Position als gesponserten Profiathleten beim Sportschuhhersteller Saucony, der ihn bereits 1997 unterstütze, übergibt Niedrig nun an die nächste Generation. Ab sofort nimmt die deutsche Langdistanz-Hoffnung Patrick Dirksmeier den Platz von Niedrig ein. Wir haben uns mit Andreas Niedrig über die schönsten Momente seiner Karriere, den Generationswechsel bei Saucony, seine Sichtweise zum Triathlonsport und Lauftipps für Triathleten unterhalten. Auf der zweiten Seite haben wir mit Patrick Dirksmeier im Kurzinterview über sein Training und den Umstieg auf die Langstrecke gesprochen. 

Andreas Niedrig im Interview

Nach einer sehr langen und erfolgreichen Karriere werden Sie sich nun mit 51 Jahren aus dem aktiven Renngeschehen zurückziehen. Was sind Ihre schönsten Momente und Erinnerungen, wenn Sie auf Ihre aktive Zeit zurückblicken?

Bei der Frage gibt es ein direktes Veto. Ich habe meine Elite-Lizenz abgegeben, was nicht bedeutet, dass ich keinen Triathlon mehr machen werde. Unser Sport ist eine Lebenseinstellung, die legt man nicht einfach ab. Ich werde jetzt allerdings meine sportliche Seite noch lockerer leben als in den letzten Jahren. In mehr als 20 Jahren als Triathlet gibt es unfassbar viele tolle Momente. Einen einzelnen herauszufiltern, fällt da schwer. Im Alter sind es eigentlich immer die aktuellen Rennen, denn man weiß ja nie, ob es vielleicht das letzte gute Rennen war. Neuseeland, Florida, Taiwan, Frankreich, Dänemark, Hawaii, aber vor allem Roth wird mir ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Nicht zu vergessen Buschhütten, Bocholt, Borken, Norderney, Dortmund, Gladbeck und, und, und. Selbst kleine Veranstaltungen bleiben unvergessen, denn egal, wo ich unterwegs war, bedeutete es immer auch viele Begegnungen mit wundervollen, positiv eingestellten Menschen, die mein Leben bereichert haben.

Gibt es einen Zieleinlauf, an den Sie besonders gerne zurückdenken? 

Ganz sicher meine vielen Zieleinläufe in Roth. Für mich gibt es kein schöneres und emotionaleres Rennen als das in Roth. Es ist wie das kleine Gallische Dorf im Asterix-Comic, das sich gegen die Übermacht der Ironman-Kooperation stemmt und uns durch die vielen Helfer und Zuschauer sowie Anwohner auf eine ganz spezielle Art und Weise über die Strecke trägt. Diese Stimmung kann man sich nicht erkaufen oder durch professionelle Organisation erreichen. In Roth ist etwas über viele Jahrzehnte gewachsen, das zeitlich einfach nicht aufholbar ist und dadurch immer einmalig bleiben wird.

Sie haben die Entwicklung des Sports hautnah miterlebt: Wie hat hat sich die Triathlonwelt Ihrer Meinung nach über die Jahre verändert?

Früher war alles besser, sagen viele. Ich glaube es war einfach anders. Die Entwicklung musste stattfinden, um unseren Sport gesellschaftsfähig und für potenzielle Partner und Sponsoren interessant zu machen. Wenn ich vor 20 Jahren erzählt habe, dass ich Triathlet bin, war es etwas Besonderes und viele konnten damit nicht wirklich etwas anfangen. Heute weiß fast jeder, dass nach dem Radfahren nicht geschossen, sondern gelaufen wird. Für mich ist unser Sport immer noch besonders und speziell. Vor allem Altersklassen-Athletinnen und -Athleten, die sich einen Lebenstraum erfüllen, um eines Tages einen Triathlon zu finishen, egal ob kurz oder lang, inspirieren mich mit ihrer Motivation und Einstellung, neben Familie und Arbeit auch noch für einen Traum zu trainieren. Im Profi-Bereich ist alles extrem professionell geworden. Es geht tatsächlich um höher, weiter, schneller. Das Material wird stetig weiterentwickelt und auch im Altersklassen-Bereich wird natürlich unfassbar viel Geld in die Hand genommen, um gutes Material zu nutzen. Trotz allem geht es in unserem Sport um mehr als Material. Um Ziele erreichen zu wollen, ist die psychische Komponente für mich der stärkste und entscheidendste Faktor. Ein gutes Beispiel ist für mich Jan Sibbersen. Wenn ein Sportler in jungen Jahren unseren Sport professionell ausgeübt hat und dann im höherem Alter den Schwimmrekord auf Hawaii bricht, macht mir das Mut und Hoffnung, dass unser Sport durch Einsatz, Wille und mentaler Stärke immer noch hervorsticht.

Bei Ihrem langjährigen Partner Saucony übergeben Sie Ihre Athletenrolle nun an die nächste Generation, die in Person von Patrick Dirksmeier verkörpert wird. Wie haben Sie die lange Partnerschaft mit Saucony erlebt?

Saucony war bereits 1997 mein Partner. Damals war Wolfgang Schweim noch Geschäftsführer und wurde für mich eine Art Mentor. Er hat mir damals den Kontakt zu Dave Scott hergestellt und ich konnte ein halbes Jahr mit ihm trainieren. Das war dann auch mein Jahr, indem ich Siebter auf Hawaii wurde. Dave meinte damals, ich hätte das Zeug, um Hawaii gewinnen zu können. Heute muss ich zugeben, um Hawaii zu gewinnen, hat mir dann doch einiges gefehlt. Aber ich kann mir heute nicht vorwerfen, nicht alles versucht zu haben. Für meine Möglichkeiten ist das, was möglich war, als Ergebnis herausgekommen. Saucony ist für mich eine der innovativsten Laufschuhfirmen überhaupt. Hier gibt es die klare Ausrichtung: „Running“. Das zahlt sich für uns Läufer aus, denn die Entwicklung und Energie in die Herstellung von Schuhen fließt allein in den Laufbereich. Mich freut es, dass ich auf Laufveranstaltungen immer mehr Menschen mit Saucony-Schuhen am Fuß sehe.

Für mich war Saucony in gewisser Weise vorbestimmt. Das untermauert eine Geschichte, die ich im Jahr 1998 erlebt habe. Damals nahm ich am "Air New Zealand Ironman" in Taupo teil, bei dem ich Dritter wurde. Auf dem Rückflug durfte ich in der Business Class sitzen. Neben mir saß ein durchtrainierter Mann, aber durch mein schlechtes Englisch gab es anfangs nur eine Begrüßung. Nach dem ersten Wein folgte ein zweiter und mein Englisch wurde erstaunlicherweise immer besser. Irgendwann begriff ich, wer da neben mir saß. Es war Rod Dixon von Saucony, der 1983 den New-York-Marathon in einer Zeit von 2:08:59 Stunden gewonnen hat. Er befand sich gerade auf eine Promo-Reise für Saucony nach Amerika und war total begeistert, dass auch ich Saucony-Athlet war. Trotz meiner grottigen Englisch-Kenntnisse hatten wir einen super lustigen Flug. Anschließend gab es noch eine Einladung auf sein Weingut und die Erkenntnis, dass unser Sport die Welt irgendwie doch etwas kleiner werden lässt.

In meinen Jahren als Sportler hatte ich nicht nur gute Zeiten. 2003 wurde mir bei einer „kleinen“ Operation versehentlich die Achillessehne von der Ferse abgetrennt. Zwei Jahre konnte ich keinen Sport mehr betreiben und es sah auch so aus, als ob es nie wieder funktionieren würde. Trotz meiner sportlosen Zeit blieb der Kontakt zu Saucony immer bestehen. Genesungswünsche und die häufigen Anfragen wie es mir geht, haben mir gezeigt, dass Saucony unsere Partnerschaft nicht allein aufgrund meiner sportlichen Leistungen gepflegt hat. Es ging auch um mich als den Menschen Andreas Niedrig, was mir bis heute unglaublich viel bedeutet.

An Ihre Stelle bei Saucony tritt nun Patrick Dirksmeier. Welche Tipps können Sie ihm als derzeit noch angehenden Langdistanzler geben?

Was kann ich einem Patrick Dirksmeier, der ein weitaus besserer Athlet ist als ich, für Tipps geben? Das ist eine wirklich gute Frage. Ich kann es jetzt nur aus meinem Gefühl und meiner Sicht heraus beantworten. Ob es tatsächlich so ist, muss Patrick beantworten. Für mich ist Patrick in erster Linie ein wirklich guter Freund geworden. Er ist unfassbar lustig und zum Glück nicht oberflächlich, hat dazu eine sehr gute Einstellung zu seinem privaten Leben, seiner beruflichen Zukunft und er hat eine tolle Selbsteinschätzung zu seinen sportlichen Möglichkeiten. Hinzu kommt, dass Patrick mit Ute Mückel eine Trainerin hat, die ich sehr schätze und als Mensch sehr mag. Wenn ich Patrick überhaupt etwas weitergeben kann, ist es vielleicht neben unseren freundschaftlichen Gesprächen meine Erfahrung als älterer Mensch und Triathlet. Ich werde ganz bestimmt nichts zu seinem Training sagen, das kann Ute definitiv besser. Aber manchmal braucht man Menschen, mit denen man sich austauschen kann. Selbst wenn es einfach nur ein Gespräch unter „Männern“ und vier Augen ist. Ich glaube, wir Menschen können alle in einer speziellen Art und Weise Mentor sein. So ist Patrick für mich und ich für ihn in manchen Gesprächen Mentor und einfach ein guter Freund.

Die meisten Rennen werden heutzutage in der dritten Disziplin entschieden. Worauf haben Sie im Lauftraining Wert gelegt und wie sah zu Ihrer besten Zeit das Training aus?

Genau die richtige Frage, die Ihr da einem "Nicht-Läufer" stellt (lacht). Hannes Blaschke hat mal gesagt: "Wenn der Niedrig zum Marathon rausläuft, sieht er so aus, als ob er nie zurückkommt und irgendwie kämpft er sich dann doch ins Ziel." Bei mir war der Lauf immer eine reine Willenssache. Im Training habe ich schon viel investiert, aber dadurch, dass ich erst mit 26 Jahren tatsächlich mit dem Lauftraining begonnen habe, war ich allein schon von meinen koordinativen Fähigkeiten begrenzt. Ich konnte in guten Jahren zwar im Marathon regelmäßig eine Zeit von 2:50 Stunden auf der Langdistanz laufen, aber das war nicht schnell genug, um ein Ironman-Rennen gewinnen zu können.

Mein Lieblingstraining fürs Laufen waren Einheiten im Stadion. 20 x 1000 Meter, wechselnd 3:20 Minuten und dann vier Minuten zu laufen. Wenn ich das hinbekommen habe, wusste ich, dass ein ordentlicher Marathon möglich war. Auch ein häufiges Koppeltraining stand auf dem Programm, auch wenn es manchmal nur zwei Kilometer nach dem Radfahren waren.

Welche Tipps würden Sie Agegroupern geben, die sich langfristig im Laufen verbessern wollen?

Im Winter werden die Grundlagen gelegt. Das wissen wir alle und doch fällt es gerade uns Triathleten schwer, auch mal wirklich langsam zu laufen. Das ist aber das Wichtigste, um mit einer guten Grundlage in den Sommer zu kommen. Auch sollte im Winter alles getan werden, um schon im Vorfeld Verletzungsrisiken zu minimieren. Ich würde jedem dazu raten, eine Laufbandanalyse zu machen, um für sich den richtigen Schuh zu finden. Training bedeutet für mich auch, seinen Körper kennenzulernen. Welche Reize setze ich, welche Belastung und vor allem Entlastung, tut mir gut? Das Gleiche gilt auch im orthopädischem Bereich. Da ich selbst gelernter Orthopädiemechaniker bin und mich damals auf den Bereich Einlagen, Gangbild und Laufbandanalysen spezialisiert habe, weiß ich, was ein nicht passender und auch passender Schuh für Auswirkungen auf unsere Bänder und Gelenke haben kann. Deswegen, nehmt euch Zeit und seid bereit, euch und euren Körper kennenzulernen. Verstehen wir unseren Körper, verstehen wir auch, warum manche Reize funktionieren und warum andere einfach nicht passend für uns sind. Wir sind alle individuell und das, was bei meinem Trainingspartner funktioniert, passt noch lange nicht genauso zu mir. Deswegen ist es auch gut, dass es im Laufschuhbereich so viele unterschiedliche Schuhe gibt.

Mein absoluter Favorit war immer der Fastwitch von Saucony. Er hat keinen großen Schnickschnack, keine große Sprengung und die Sohle ist aus einem Guss. Durch die niedrige Sohle habe ich einen tollen Bodenkontakt und die Verarbeitung des Schuhs ist so gut, dass ich keine Probleme mit Blasen oder Scheuerstellen habe. Ich liebe diesen Schuh. Als Alternative und gerne auch im Winter laufe ich den Kinvara. Hier habe ich einen eher klassischen Trainingsschuh mit etwas mehr Komfort, aber trotzdem einem sehr guten Gefühl für den Bodenkontakt.

Was war oder ist Ihre Lieblingseinheit beim Laufen?

Am liebsten war mir eigentlich immer der Moment, wenn ich fertig war. Wie schon zuvor erwähnt, bin ich echt gern ins Stadion gegangen. Als ich damals in der Nationalmannschaft war, sind wir häufig 200-Meter-Intervalle gelaufen. Ich weiß noch, wie wir in St. Moritz in der Höhe trainiert haben und Stephan Vockovic und Ralf Eggert immer und immer wieder eine Zeit von 28 Sekunden über die 200 Meter hingelegt haben. Ich war froh, wenn ich eine 30er-Zeit geschafft habe. Aber das waren Einheiten, die unglaublich viel Spaß gemacht haben. Zu spüren, wie es sein kann, wenn man wirklich schnell läuft. Mein Sohn hatte vergangenes Jahr einen kleinen Ausflug in die Leichtathletik und ist die 400 Meter in 47 Sekunden gelaufen. Allein am Rand zu stehen, diese Energie und Schnelligkeit zu sehen und zu spüren, war unglaublich.

In welcher Form bleiben Sie dem Triathlon auch nach ihrer aktiven Zeit treu und welche Rolle nimmt der Sport nun in Ihrem Leben ein, wo Sie ihn vielleicht aus einer anderen und nicht mehr so leistungsorientierten Perspektive wahrnehmen?

Wie bereits erwähnt, werde ich hoffentlich immer ein Stück weit Triathlet bleiben. Ob es tatsächlich klappt, wird sich zeigen. Zurzeit gibt es beruflich so viele Wege und Möglichkeiten, dass der Sport tatsächlich hinten ansteht. Aber eine, zwei oder auch vier Stunden am Tag zu trainieren, wird wohl immer drin sein und solange es Muße und Freude bleibt, werde ich es genauso handhaben. Ganz sicher werde ich in irgendeinem Oktober noch einmal nach Hawaii fliegen. Ob als Zuschauer oder doch eines Tages als Agegrouper? Ich weiß es nicht. Hannes Blaschke hat mir mal von Cozumel erzählt. Ich werde nie seine Augen vergessen. Er hat bei seiner Erzählung gestrahlt und seine Augen haben geleuchtet. Er sagte damals, Cozumel ist das schönste Ironman-Rennen der Welt und wenn das tatsächlich so ist, stelle ich mir die Frage, warum ich dort noch nie war. Fragen sind oft der Anfang von der Entstehung unserer Träume, die eines Tages zu Bedürfnissen und manchmal auch zu Zielen werden können. Zum jetzigem Zeitpunkt befinde ich mich in der Fragestellung.