Ein Rennen für die Geschichtsbücher

Dass sich ein Rennen auf den letzten Metern entscheidet, musste Paula Newby-Fraser beim Ironman Hawaii 1995 am eigenen Leib erfahren. In Führung liegend streikte ihr Körper kurz vor dem Ziel.

Von > | 14. Februar 2018 | Aus: SZENE

Paula Newby-Fraser

Paula Newby-Fraser

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Der Beginn eines denkwürdigen Tags

Am Rennmorgen kam Paula schon vor dem Morgengrauen zum Start-Areal am Dig Me Beach, sie trug eine übergroße weiße Malermütze und ein weites, ärmelloses Leinentop. Eine Kamera von NBC Sports filmte mit, als eine junge freiwillige Helferin die Nummer 33 – Paulas Startnummer, aber auch zufällig ihr Alter – auf ihren Oberarm malte. Ihr Lächeln ließ keinerlei Anzeichen von Nervosität erkennen. Paula unternahm dann einen kurzen Spaziergang auf dem betonierten Pier am Strand entlang, hinüber zum VIP-Bereich. Ihr Trainingskollege Mark Allen war schon dort. Die beiden Rennlegenden erledigten ihre letzten Wettkampfvorbereitungen zusammen, aber redeten dabei kaum, sie ignorierten die Traube von Fotografen auf der anderen Seite des Zauns, die unablässig Bilder schossen. Paula zog ihre Straßenkleidung aus und ein schwarzer Renn-Zweiteiler kam zum Vorschein. Sie stülpte sich eine gelbe Schwimmkappe, auf der breit "Gatorade" prangte, über den Kopf, darauf folgte eine Schwimmbrille.

Die Sonne ging auf. Paula verließ den Pier und watete in das 28 Grad Celsius warme Wasser der Bucht von Kailua, um sich aufzuwärmen. Um 7 Uhr knallte die Startpistole und das Rennen begann. Paula kraulte an ihrem Stammplatz, irgendwo zwischen der zweiten Profi-Gruppe der Männer und den männlichen Top-Agegroupern. Der Schwimmer zu ihrer Rechten jedoch trug eine gelbe Schwimmkappe wie die ihre, was bedeutete, dass es sich um eine weitere Profi-Athletin handelte. Es war Karen Smyers, die letztes Jahr Zweite hinter Paula geworden und amtierende Weltmeisterin auf der kürzeren olympischen Distanz war. Wie auch Paula verdankte Smyers ihren Erfolg einem minimalistischen Trainingsansatz. Anders als Paula hatte sie das, was immer für sie funktioniert hatte, nicht über Bord geworfen.

Smyers Plan war es, auf der 3,8 Kilometer langen Schwimmstrecke an Paulas Füßen zu bleiben, sich dann über die 180 Radkilometer an Paulas Hinterrad zu hängen und sich auf den ersten Kilometern des abschließenden Marathons an ihre Fersen zu heften, bevor sie versuchen würde, sie abzuhängen. Nach der Hälfte des Schwimmens, die durch ein Grüppchen Boote mit Journalisten, Rennoffiziellen und Ehrengästen markiert war, war Smyers noch immer in Reichweite ihrer Rivalin. Als sie sich dem Ufer näherten zog Paula das Tempo an und Smyers hängte sich in ihren Wasserschatten, um sich für den Schlussspurt zu sammeln. Auf den letzten Metern scherte Smyers aus und sprintete an der siebenmaligen Ironman-Weltmeisterin vorbei, um knapp vor ihr an der Ausstiegsrampe anzukommen. Paula war jedoch schneller wieder in der Vertikalen und rannte auf der Rampe erneut an Smyers vorbei.

In der flirrenden Lavawüste

Die Konkurrentinnen schnappten ihre Wechselbeutel mit der Radausrüstung von den vollen Metallständern und hasteten ins Wechselzelt der Frauen. Smyers kam als Erste wieder heraus und nahm ihr Rad von einem Rennoffiziellen in Empfang. Aber sie brauchte etwas Zeit, um ihre Radschuhe, die sie zuvor in die Pedale eingeklickt hatte, an den Füßen zu schließen, sodass Paula, die ihre Schuhe angezogen hatte, bevor sie aufs Rad stieg, wieder an ihr vorbeizog. Die beiden Frauen hatten innerhalb von nur drei Minuten viermal die Führung gewechselt. Paula pedalierte im Wiegetritt und presste den steilen, knapp einen Kilometer langen Anstieg hinauf, der vom Strand wegführte und dann mit einer Linkskurve in den Queen Kaahumanu Highway mündete, der sie in die flirrenden Lavafelder der Küste Konas leiten würde. Sie legte ihre Unterarme in die Armschalen ihres Aerolenkers, nahm den Kopf herunter und begann, die 51 Athleten aufzusammeln, die vor ihr aus dem Wasser gekommen waren. Nach weniger als fünf Kilometern fuhr Paula an Ute Mückel aus Deutschland vorbei, einer der nur zwei weiblichen Starter, die schneller als sie geschwommen waren. Einige Kilometer weiter überholte sie die nächste – Wendy Ingraham, die wie sie in San Diego wohnte – und setzte sich an die Spitze des Frauenfelds.