Die Brownlees gegen Mola und Luis: Das Ende der Pokerspiele

Ein Jahr lang haben die Favoriten auf den Olympiasieg mit verdeckten Karten gespielt. Am Donnerstag kommt es endlich zum Showdown und alle Protagonisten müssen offenlegen, wie fit sie wirklich sind. Können die Brownlee-Brüder die stärker werdende Konkurrenz noch einmal auf Abstand halten?

Von > | 16. August 2016 | Aus: SZENE

Alistair Brownlee | Hat Alistair Brownlee in Rio erneut gut Lachen?

Hat Alistair Brownlee in Rio erneut gut Lachen?

Foto >Delly Carr / triathlon.org

Plötzlich ist er da, der Tag, auf den die weltbesten Triathleten auf der Kurzdistanz mindestens vier Jahre lang hingefiebert haben. Zum fünften Mal werden am Donnerstag im Triathlon Olympia-Medaillen vergeben werden - doch wahrscheinlich noch nie zuvor war der Ausgang so ungewiss. Denn die Favoriten auf die Goldmedaille haben sich in den vergangenen Monaten nicht nur bemüht, an diesem 18. August in der absoluten Bestform an der Copacabana aufzulaufen. Sondern auch darum, die Konkurrenz über ihr tatsächliches Leistungsvermögen im Unklaren zu lassen.

Fragezeichen hinter den Brownlees

Vor allem die Gold- und Bronzemedaillengewinner von 2012 haben sich betont undurchsichtig gezeigt: Alistair und Jonathan Brownlee bestritten in den vergangenen zwölf Monaten nur wenige Rennen - und wenn, dann hinterließen sie selbst dort teilweise Fragezeichen. Vor allem Alistair Brownlee ist darin begnadet: Weil er sich seit Jahren mit Knöchelproblemen herumschlägt, unterzog sich der Olympiasieger des Jahres 2012 im vergangenen Jahr einer riskanten Operation, die ihn mittelfristig zwar ausbremste, langfristig im Falle des Gelingens aber Besserung bringen soll. Bei seinem ersten Saisonrennen in Australien landete der Brite dann aber nur auf dem desolaten 36. Platz - und schwieg. Nur sein jüngerer Bruder Jonathan, Bronzemedaillengewinner 2012, erklärte in einem Interview, dass sich der Olympiasieger schon damals in exzellenter Verfassung befunden haben soll und lediglich kurzfristig von einer Krankheit und einer Fußinfektion zurückgeworfen worden sei. Bei seinen folgenden Rennen in Leeds und Stockholm gewann Alistair Brownlee wieder, und es schien, als sei er auf dem Weg zurück zu alter Stärke.

Doch was seine Siege dort wert waren, ist unklar. Denn außer seinem Bruder Jonathan ist Alistair in diesen Rennen einigen seiner Hauptkonkurrenten für das Rennen in Rio de Janeiro aus dem Weg gegangen - und sein jüngerer Bruder wiederum scheint grundsätzlich fast immer den Kürzeren zu ziehen, wenn es gegen Alistair Brownlee geht. Womöglich auch, wie er eingesteht, weil er zu viel Respekt vor seinem älteren Bruder hat. Mit warmem Wetter wiederum können sich beide Brownlees nicht so recht anfreunden - die bis zu 25 Grad, die für den Start um 11 Uhr Ortszeit (16 Uhr deutscher Zeit) prognostiziert werden, könnten bereits grenzwertig sein.

Deutsche Absagen schocken Mario Mola

Und dann ist da noch die Konkurrenz, die seit den Spielen von London 2012 einige Gänge zugelegt hat und die den Brownlees das Leben schwer machen wird. Allen voran Mario Mola ist ein ernstzunehmender Herausforderer: Der 26-Jährige, nach der verletzungsbedingten Absage von Javier Gomez die größte Medaillenhoffnung der Spanier, ist wahrscheinlich der beste Läufer im Feld, verliert aber meist einige Sekunden beim Schwimmen. Dementsprechend geschockt reagierte Mola auch, als die Deutschen ihre Startplätze zurückgaben und nicht Gregor Buchholz und Steffen Justus für die Spiele nominierten. Die waren Mola in den Verfolgergruppen der Spitze nämlich immer eine große Hilfe dabei, den Anschluss nach vorne wieder herzustellen. Nun aber droht dem Spanier, die zehrende Nachführarbeit selbst initiieren und leiten zu müssen. Verpasst er die Spitzengruppe, liegen seine Hoffnungen wohl vor allem auf der möglichen Unterstützung durch den südafrikanischen Medaillenanwärter Richard Murray, der wiederum mit den Abfahrten und technischen Passagen in Rio aber Probleme haben könnte.

Um so schlimmer für Mola, dass die stark schwimmenden Brownlees dagegen breite Unterstützung haben. Nicht nur, weil die Briten ihnen in Gordon Benson einen Helfer an die Seite stellen: In Aaron Royle, Ryan Bailie (beide AUS), Kristian Blummenfelt (NOR), Fernando Alarza (ESP), den Franzosen Dorian Coninx, Pierre Le Corre und Vincent Luis, Henri Schoeman (RSA) sowie dem Slowaken Richard Varga gibt es zudem eine VIelzahl starker Schwimmer und Radfahrer, die sich das Hauptfeld gerne vom Leibe halten würden. Dabei ist speziell Luis für alle Teilnehmer eine Unbekannte: Der Franzose hat in Topform gute Medaillenchancen - in diesem Jahr aber noch kein einziges hochkarätiges Triathlonrennen bestritten. Kommt es aber doch zum Zusammenschluss der Radgruppen, erweitert sich der Favoritenkreis enorm: An guten Tagen ist außer den Brownlees, Mola, Luis, Alarza, Blummenfelt und den Australiern läuferisch auch Sven Riederer (SUI), Crisanto Grajales (MEX), Joao Pereira und Joao Silva (POR) eine Medaille zuzutrauen.