Die Schwimmökonomie von Cameron Wurf im Detail

Radrakete Cameron Wurf hat auf Hawaii bewiesen, dass er auch in der ersten Disziplin Fortschritte machen konnte. Wir geben Einblicke in seine Schwimmökonomie und Leistungsdiagnostiken.

Von > | 24. Oktober 2018 | Aus: SZENE

Bei der Challenge Roth 2018 kommen Cameron Wurf und Sebastian Kienle gemeinsam aus dem Wasser, wie auch später beim Ironman Hawaii.

Bei der Challenge Roth 2018 kommen Cameron Wurf und Sebastian Kienle gemeinsam aus dem Wasser, wie auch später beim Ironman Hawaii.

Foto >Michael Rauschendorfer

Bereits nach dem Ironman Hawaii 2017 war klar, dass der australische Ex-Radprofi Cameron Wurf deutlich bessere Chancen auf eine Top-Platzierung in der Gesamtwertung hat, wenn er sein Defizit im Wasser minimieren kann. Im vergangenen Jahr absolvierte Wurf die 3,86 Schwimmkilometer in 53:49 Minuten. Nach sehr wechselhaften und wenig konstanten Schwimmleistungen in dieser Saison war unklar, ob dem Australier schon der Sprung in Hauptgruppe zuzutrauen ist. Doch bereits beim Hoala Swim, dem Trainingswettkampf auf der originalen Schwimmstrecke eine Woche vor dem Ironman Hawaii, deutete er an, dass er in diesem Jahr wohl früher die erste Wechselzone erreichen wird. Er brauchte beim Testwettkampf 50:58 Minuten für die Schwimmstrecke. Wurf setzte diese Leistung eine Woche später bei der Ironman-WM perfekt um, brachte die erste Disziplin in 50:51 Minuten hinter sich, und schaffte es damit in die Hauptgruppe beim Schwimmen. In seiner Hawaii-Vorbereitung absolvierte der 35-Jährige etliche Leistungsdiagnostiken und -tests, von denen wir bereits in einem vorherigen Artikel Details zu Wurfs Leistungsphysiologie im Radfahren und Laufen zeigten. Aber auch in der ersten Disziplin hat Cameron Wurf akribisch getestet, um die körperliche Leistungsfähigkeit zu bestimmen, und um die richtige Materialwahl für Hawaii zu treffen. Einige dieser sehr aufschlussreichen Tests haben wir uns genauer angeschaut und ausgewertet. 

Wurfs Schwimmökonomie im Vergleich

Die Tests wurden in einem Schwimmkanal durchgeführt und im Anschluss mit der Trainingssoftware "INSCYD" ausgewertet. Dabei kommt in der Interpretation und der Analyse der Daten die gleiche Methodik zum Tragen, welche an der Standford University auch bei den Messungen zur Laufökonomie eingesetzt wird. Alternativ kann das Testverfahren allerdings auch in einem normalen Pool durchgeführt werden. Grundsätzlich geht es bei der Bestimmung der Schwimmökonomie darum, festzustellen, wie viel Sauerstoff beziehungsweise Energie (aus dem aeroben und anaeroben Stoffwechsel) bei einer bestimmten Leistung/Geschwindigkeit benötigt wird. Dafür werden eine Laktatmessung und eine Messung mittels tragbarer Spiroergometrie kombiniert, um genaue Rückschlüsse auf den Sauerstoff- und Energieverbrauch ziehen zu können. Gezeigt wird bei der unten stehenden Grafik der steigende Sauerstoffverbrauch in Abhängigkeit zur ansteigenden Geschwindigkeit. 

Obwohl Cameron Wurf in der Triathlon-Weltspitze zwar kein herausragender, aber definitiv auch kein schlechter, Schwimmer ist, lässt sich seine Schwimmökonomie nicht ansatzweise mit der von professionellen Schwimmern (schwarz in der Grafik) oder Profiathleten im modernen Fünfkampf (rot in der Grafik) vergleichen. Während Wurf bei einer Geschwindigkeit von einem Meter pro Sekunde (1:40 Minuten/100m) etwa 53 Milliliter Sauerstoff pro Minute pro Kilogramm Körpergewicht benötigt, liegt der Verbrauch eines Profischwimmers bei gleicher Geschwindigkeit gerade einmal bei knapp über 30 ml/min/kg. Die modernen Fünfkämpfer erreichen hierbei etwa Werte von 37 ml/min/kg, also auch noch deutlich besser als die Ergebnisse von Wurf, da sie bei gleicher Geschwindigkeit erheblich weniger Sauerstoff benötigen beziehungsweise verbrauchen. Auffällig ist, wie schnell und steil die Kurve bei den Fünfkämpfern ansteigt, sobald das Tempo erhöht wird. Die eingezeichneten Punkte deuten bereits das an, was die zweite Grafik ausführlich zeigt. Nämlich, dass man mit entsprechendem Material wie Neoprenanzug oder Speedsuit seine Schwimmökonomie verbessern kann. Beim Tragen dieser Bekleidung kommt es dazu, dass es einem leichter fällt, eine höhere Geschwindigkeit mit gleichem Sauerstoffverbrauch zu erzielen. In der Grafik sieht man durch die eingezeichneten Punkte außerdem, dass die Nutzung von Neoprenanzug und Speedsuit dafür sorgt, dass bei gleicher Geschwindigkeit weniger Sauerstoff verbraucht wird. 

Andere Welten: Obwohl Cameron Wurf im Triathlon kein schlechter Schwimmer ist, lässt sich seine Schwimmökonomie nicht ansatzweise mit der von professionellen Schwimmern (schwarz) oder Profiathleten im modernen Fünfkampf vergleichen. Während Cameron Wurf bei einer Geschwindigkeit von einem Meter pro Sekunde (1:40 Minuten/100m) etwa 53 Milliliter Sauerstoff pro Minute pro Kilogramm Körpergewicht benötigt, liegt der Verbrauch eines Profischwimmers

Andere Welten: Obwohl Cameron Wurf im Triathlon kein schlechter Schwimmer ist, lässt sich seine Schwimmökonomie nicht ansatzweise mit der von professionellen Schwimmern (schwarz) oder Profiathleten im modernen Fünfkampf vergleichen. Während Cameron Wurf bei einer Geschwindigkeit von einem Meter pro Sekunde (1:40 Minuten/100m) etwa 53 Milliliter Sauerstoff pro Minute pro Kilogramm Körpergewicht benötigt, liegt der Verbrauch eines Profischwimmers

Materialtest - wie viel Energie kann man sparen?

Das Wissen darüber, dass man mit dem richtigen Material beziehungsweise der richtigen Schwimmbekleidung seine Schwimmökonomie und -leistung verbessern kann, führte auch bei Cameron Wurf dazu, seine verschiedenen Materialoptionen unter diesem Gesichtspunkt zu testen. Dabei schwamm er jeweils die gleiche Teststufe im Schwimmkanal einmal nur in Schwimmhose (no suit), in seinem Neoprenanzug von HUUB (HUUB Custom Suit), in einem Speedsuit/Swimskin von HUUB (HUUB swimsuit) und in seinem normalen Triathlon-Wettkampfeinteiler (Bike & run suit). Die Ergebnisse im Balkendiagramm sind sehr eindeutig und aufschlussreich, nicht nur, was das Material von Wurf angeht, sondern auch für grundsätzliche Aussagen. Am geringen war der Sauerstoffverbrauch und Energieaufwand, wie zu erwarten, beim Schwimmen mit dem Neoprenanzug. Dort lag der Wert bei 45 Milliliter pro Minuten pro Kilogramm Körpergewicht. Zum Vergleich: Beim Schwimmen nur mit Schwimmhose verbrauchte Wurf 53,5 ml/min/kg. Auch der Speedsuit war signifikant besser als die Schwimmhose: 51,4 ml/min/kg. Eine kleine Überraschung bietet das Ergebnis des Wettkampfeinteilers. Dieser schien Wurf tatsächlich zu bremsen und schnitt am schlechtesten ab, deutlich schlechter als nur das Schwimmen mit Schwimmhose. Der Sauerstoffverbrauch lag bei 57,8 ml/min/kg. Sobald Neoprenverbot ist, scheint es sich also sehr zu lohnen, einen Speedsuit über den Einteiler zu ziehen. Die Differenz zwischen dem Schwimmen im Speedsuit und dem Schwimmen im Einteiler lag im Fall von Cameron Wurf bei satten 6,4 ml/min/kg. Diese Erfahrung nahm auch der Australier für Hawaii aus seinen Schwimmtests mit und wählte bei der Ironman-WM - wenig überraschend - den getesteten Speedsuit von HUUB. 

Der Sauerstoffverbrauch in Abhängigkeit der getragenen Bekleidung im Balkendiagramm: Der Neoprenanzug siegt vor dem Speedsuit und der Schwimmhose. Am langsamsten ist mit großem Abstand Cameron Wurfs Wettkampfeinteiler.

Der Sauerstoffverbrauch in Abhängigkeit der getragenen Bekleidung im Balkendiagramm: Der Neoprenanzug siegt vor dem Speedsuit und der Schwimmhose. Am langsamsten ist mit großem Abstand Cameron Wurfs Wettkampfeinteiler.

Überraschendes Ergebnis: Die Tests zeigen, dass das Schwimmen ohne einen Anzug schneller ist als das Schwimmen im Triathloneinteiler.

Überraschendes Ergebnis: Die Tests zeigen, dass das Schwimmen ohne einen Anzug schneller ist als das Schwimmen im Triathloneinteiler.