So lief es für uns in St. George

Magst du den Kraichgau? Magst du die USA? Dann wirst du St. George lieben! Wir beginnen unseren Bericht damit, was es für eine Achterbahnfahrt ist, bis der Startschuss fällt, der Kopf unter Wasser ist und alles automatisch läuft.

Von > | 20. Mai 2019 | Aus: SZENE

Nach einigen Schwierigkeiten in den Wechselzonen lief es gut für Silke.

Nach einigen Schwierigkeiten in den Wechselzonen lief es gut für Silke.

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Silke kämpft mit Startschwierigkeiten

3.45 Uhr, der Wecker klingelt. Der erste Gedanke: Raceday – Glück und Aufregung, Vorfreude und Nervosität. Noch in Trance stehe ich auf, schaue in den Spiegel und denke: „Oh mein Gott bin ich fit? Bin ich gut vorbereitet?“ Zweifel! Egal! Wasser ins Gesicht, Haare machen, mit Sonnencreme einschmieren und Kaffee kochen. Im Magen wird es mir mulmig. Ich stehe vor dem Spiegel und will mich weiter fertig machen, aber auf einmal merke ich, dass mir schummrig wird. Der Kreislauf fährt runter. Ich hüpfe aufs Bett, lege mich nochmal kurz hin, atme tief durch. „Ok, geht wieder“, denke ich. Komisch nach so vielen Wettkämpfen, die ich nun schon hinter mir habe, passiert mir das immer wieder. Daher bin ich beruhigt, alles ist wie immer. Kaffee fertig, Bagel mit Erdnussbutter und Banane – alles rein was geht, der Tag wird ja etwas länger. Es liegt etwas in der Luft – Stille, Respekt, Freude und auf einmal Übelkeit. Was ist denn jetzt los? Ich muss mich übergeben. Okay, das ist neu, das hatte ich bisher noch nicht. Aber schnell geht’s mir auch wieder gut – also doch noch etwas Essen mitnehmen. Die Sachen sind gepackt, dreimal Angst-Pippi und auf geht’s. Draußen ist es noch frisch und kalt. Chris nimmt mich an die Hand und wir laufen zu den Shuttle Bussen. Wir sind ein bisschen spät dran durch diese Achterbahnfahrt der Gefühle von mir am Morgen.

Chris denkt an nichts Böses

Wie immer bin ich am Abend vorher hoch motiviert und stelle mir drei Wecker, um etwas früher aufzustehen. 3.30 Uhr, der Wecker klingelt – Schlummern. 3.40 Uhr, der Wecker klingelt – Schlummern. 3.50 Uhr, der Wecker klingelt. Ich mach ihn aus, drehe mich aber nochmal kurz um. Silke macht schon Randale im Zimmer und rennt umher. Also stehe ich auf. Ein guter Kaffee wäre jetzt toll. Fehlanzeige, wir sind ja in Amerika in einem Motel. Naja, dann eben die Plörre. Bisschen was hinter die Kiemen geschoben und kurz ins Bad. Plötzlich Stille, was denn nun los? Silke hat sich wieder hingelegt – komisch. Naja, wird wohl wieder der Kreislauf im Keller sein. Das ist ja nichts Neues. Normalerweise bin ich immer der Trödler, diesmal muss ich aber etwas Druck machen, dass Silke in die Gänge kommt. Das ist neu.

Silke schöpft neuen Mut

„Meinst du wir passen alle in den Bus und wenn nicht, wann kommt der nächste?“, frage ich Chris geistesabwesend. Unten angekommen, stehen da mindestens sieben Busse. Ich glaube, in St. George allein gibt es mehr Busse als wir in Deutschland haben! Cool, Schulbus fahren, das ist lustig. Einsteigen und ab geht’s Richtung See. Stille im Bus. Chris und ich schließen nochmal die Augen und jeder sammelt seine Gedanken auf seine Art und Weise. Mir fallen auf einmal alle möglichen Dinge ein, die schon hinter mir liegen und ich merke, wie ich mich immer mehr freue und mutig werde. Dann sind wir nach 30 Minuten da, aber irgendwie nicht da, wo wir sein sollten. Der Bus ist falsch abgebogen. Aber schnell geht’s dann doch zum Start. Ein Gewusel von Athleten, Zuschauern, Helfern und allem, was mit Ironman zu tun hat. Flutlicht in der Wechselzone und Musik, die Stimmung macht. Aber erstmal ein Dixie-Stopp und Schlange stehen, dann geht’s weiter zu den Rädern.

Chris hängt seinen Gedanken nach

An die Busfahrt kann ich mich kaum noch erinnern, ich hab einfach nochmal die Augen zugemacht und etwas entspannt. Plötzlich hält der Bus – wo sind wir denn jetzt gelandet? Falscher Parkplatz. Na toll, aber glücklicherweise geht’s dann doch schnell weiter und wir sind noch bei Zeiten an der Wechselzone.

Silke bereitet sich auf den Start vor

Nochmal alles checken und Versorgung anbringen. Luft prüfen Schaltung durchgehen. Passt. Um mich herum nur so taffe Mädels. Ich komme mir fehl am Platz vor. Die sehen so stark aus, ich dagegen so winzig und schmächtig. Was mache ich hier? Abliefern und Spaß haben natürlich! Weiter geht’s zum Bodymarking. Recht unspektakulär mit Edding bekomme ich meine Nummer auf den Arm und mein Alter auf die Wade geschriebenen. Als ich sage, dass ich 35 bin, schaut mich das Mädel überrascht an. Ein Wunder, dass sie nicht noch prüft, ob ich ein Athletenband anhabe. Aber das kenne ich alles. Ein weiterer Stopp, nochmal Pippi. Die Zeit verfliegt so schnell. Peng – die Profi-Männer sind gestartet! Schnell machen auch wir uns auf den Weg zum Start, damit Chris noch einen guten Platz bekommt. Hier trennen sich unsere Wege, denn er als schnellerer Schwimmer reiht sich natürlich anders ein als ich. Das ist ja der Sinn eines Rolling Starts, den aber wohl noch nicht jeder so richtig verstanden hat. Küsschen und einmal drücken, nun bin ich auf mich allein gestellt in einem Pulk voller Triathleten. Ich überlege kurz, ob ich einfach verschwinde. Das verwerfe ich schnell wieder, denn es geht in kleinen Schritten immer weiter zum Start. „Piep Piep Piep“ – alle fünf Sekunden gehen die nächsten rein. Ehe ich mir eine Antwort gegeben habe, wie ich mich fühle, drücke ich den Startknopf auf meiner Uhr und spüre, wie kaltes Wasser in meinen Neo läuft.

„Links, rechts, links atmen, rechts, links, rechts, atmen“ – eine gewisse Erleichterung kommt auf. Ich schwimme, atme und fühle mich richtig gut. „Läuft“, denke ich und bin total gespannt, denn gerade beim Schwimmen habe ich mir viel vorgenommen. Ich denke mir bei jeder Boje: „Voll cool, voll schnell, fühlt sich voll gut an.“ Kurzum, ich dachte, ich kann die 35 Minuten anpeilen. Leider falsch gedacht. Beim Schwimmausstieg zeigt mir meine Uhr mehr als 38 Minuten an. Enttäuschung kommt in mir hoch. Ich habe so viel investiert in den vergangenen Wochen und Monaten – Zeit, Geld und Nerven. Trotzdem habe ich mein Ziel nicht erreicht. Aber jammern hilft jetzt nichts, weiter geht’s in die Wechselzone.

Auch für Chris geht es los

Jetzt läuft einfach nur ein Film ab, anstehen am Dixi, Pippi, Räder richten. Irgendwie läuft die Zeit schneller als sonst, aber auch das kenne ich. Plötzlich Stress, schnell den Neo an, und ab zum Start. Schnell noch Silke viel Erfolg wünschen und ein Küsschen geben. Dann geht’s für mich in die Rolling-Start-Zone. Durch die viele Arbeit im Schwimmen reihte ich mich bei den Sub-30-Zeiten ein. Das Schwimmen fühlte sich gut an, ich bildete mir ein, gut voranzukommen, auch weil ich ständig überholte. Es war recht kurzweilig und schon war die Wechselzone in Sicht. Ein Blick auf die Uhr, Enttäuschung: 30:35 Minuten. Das war ganz und gar nicht das, was ich mir erhofft hatte. Aber jammern hilft nichts. Mit dem Gedanken, dass das ganze Schwimmtraining und Geld in den vergangenen Monaten vielleicht für die Katz‘ war, ging es durch die Wechselzone und ab aufs Rad.

Silke in der Wechselzone

Den Neo habe ich schnell aus. Ich habe ihn mir von den Helfern ausziehen lassen, das fand ich witzig. Aber ich finde meinen Beutel nicht und renne völlig verwirrt umher: Panik. Ich laufe die Reihe zweimal durch. Dann endlich finde ich meinen Beutel. Aber wo ist mein Rad? Ich bin völlig desorientiert und panisch. Nix funktioniert, ich irre in der Wechselzone umher und fluche. Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich es. Während ich mich noch ärgere geht’s aufs Rad und treten, was geht. Doof, denn es geht erstmal nur bergauf. Ich habe alles gegeben und meine Aufholjagd begonnen. Es macht Spaß, Männer mit Scheibenrädern einzusammeln. Auch an Frauen fahre ich vorbei. Durch das aufgemalte Alter auf der Wade sehe ich die Altersklasse, von meiner sind aber kaum welche dabei. Egal, ich habe Spaß und fühle mich echt gut. Der Kurs ist anspruchsvoll. Das bergauf macht mir nichts, aber ich weiß, dass ich auch runter sausen muss und ich fahre zum ersten Mal mit mehr als 60 km/h. Ich sammle bergauf viele ein, bergab rollen die aber wieder an mir vorbei. Die Zeit verfliegt und als ich in Richtung T2 komme, sehe ich schon viele Frauen auf der Laufstrecke.

Ausgerechnet in seiner Lieblingsdisziplin musste Chris fünf Minuten im Penalty-Zelt verbringen.

Ausgerechnet in seiner Lieblingsdisziplin musste Chris fünf Minuten im Penalty-Zelt verbringen.

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Chris beim Radfahren

Die zweite Disziplin mag ich, es ist einfach meins. Kopf runter und treten. Aber nicht nur geradeaus. Ich mag auch technisch anspruchsvolle Kurse. Das war es in St. George aber nicht wirklich. Trotzdem war es in den Kurven mehr als spannend ... also wie andere um die Kurven fahren, das ist echt zum Haare raufen. Geradeaus ging es echt super bei ihnen aber sobald es in die Kurve ging, fuhren Sie mit ihren 12000-Euro-Rädern, als ob es ein Dreirad wäre. Naja hilft nichts, einfach vorbei und versuchen, der Gruppe, die die ganze Zeit an meinem Hinterrad hing, zu entkommen. Auf einem langen welligen Stück konnte ich dann endlich ein Loch reißen und war allein auf der Flucht. Dann ging es den Red Hill Parkway hinauf und da wurde ich überholt. Ich ließ mich etwas zurückfallen und fuhr weiter die Steigung hinauf. Als es wieder runter und ich in die Aeroposition ging, um den Überholvorgang zu starten, kam ein Motorrad neben mich und pfiff mir ins Ohr: „BlueCard“. Was, ich? „Windschattenfahren“, sagte sie. Den Berg rauf? Okay, vielleicht waren es keine zwölf Meter Abstand, aber es war schon einiges. Naja, hilft nichts. Glücklicherweise kam gleich das Penalty-Zelt. Also rein und warten. Fünf Minuten können so lang sein. Da fahren die ganzen „Spezialisten“ wieder vorbei, auf die man mühsam einen Vorsprung rausgefahren hat. Irgendwann waren dann auch die fünf Minuten rum und dann gings wieder mit Vollgas auf die letzten 40 Kilometer. Durch den Snow Canyon zu fahren ist wirklich traumhaft. Wäre es kein Wettkampf, könnte man es etwas langsamer angehen lassen. So wurde aber getreten, was geht. Die letzten Kilometer ging es dann glücklicherweise bergab in Richtung Wechselzone.

Silke ist nicht ganz bei der Sache

Desaster Part zwei, Wechseln ist heute definitiv nicht meine Stärke. Ich finde schnell meinen Platz, da hängt mein Beutel. Soweit, so gut. Laufschuhe an, Radsachen rein und – jetzt sehe ich, wie meine Nachbarin ihren Beutel in der Hand hat und Richtung Laufstrecke läuft. Geistesabwesend mache ich es ihr nach. Pustekuchen – den lässt man am Platz liegen, Chris hat mir das sogar noch gesagt. Vor lauter Hektik und Aufregung habe ich es völlig vergessen. Also wieder alles zurück, Beutel an den Platz und dann endlich auf die Laufstrecke. Körpercheck – Beine schwer, aber keine Magenschmerzen, ein gutes Zeichen. Es geht die ersten Kilometer nur bergauf. Ich fluche innerlich, aber wo es hochgeht, geht es auch wieder runter. Irgendwas schwappt immer auf und ab – Panik. Nicht wieder dasselbe, wie auf Hawaii, hoffe ich – da war es mein Mageninhalt. Erleichterung, es ist nur meine Rennverpflegung, die ich in einer kleinen Flasche in der Rückentasche habe. Dann sehe ich von weitem eine grüne Kappe und einen Laufstil, den ich nur allzu gut kenne. Chris kommt mir entgegen. Er rennt und ihm geht’s gut. Ich bin erleichtert, fokussiere mich aber schnell wieder. Ich laufe auf ein paar Frauen aus meiner Altersklasse auf. Ich renne einfach mit dem Gedanken, nicht mehr überholt zu werden. Die Kilometer verfliegen schnell, denn durch das Hoch und Runter und vor allem die atemberaubende Landschaft ist es super abwechslungsreich. Ich renne wie in Trance und bin so happy, dass es mir so gut geht. Dann höre ich die Stimme von der Finishline und sehe von weitem Chris im Ziel stehen. Ich lache und renne und bin einfach nur sooo happy, im Ziel zu sein und dass es keine Qual war, sondern Spaß gemacht hat wieder ein Tag mit Höhen und Tiefen war – geschafft. Dann aber die Frage: Warum zweifle ich vor jedem Wettkampf so an mir? Geht doch! Für mich war es ein unglaublich großartiges Erlebnis. Mit meiner Zeit von 05:05 Stunden bin ich eigentlich schon zufrieden. Wäre das ganze Hin und Her in den Wechselzonen nicht gewesen, wäre es eine Sub 5 geworden und anstatt AK Platz 11 wäre ich in den Top Ten gewesen. Naja, hilft nichts – weiterarbeiten.

Chris legt einen schwungvollen Wechsel hin

Schuhe auf, aus den Schuhen schlüpfen und auf den Radabstieg vorbereiten. Aber wo ist denn der Wechselbalken? Die Schilder waren so winzig, die Helfer haben hier irgendwie gerade Pause gemacht und standen hinter der Linie. Plötzlich sah ich Ihn auf dem Boden. Ich stieg voll in die Eisen und sprang bei gefühlten 20 km/h vom Rad ab. Mit Schwung ging es also in die Wechselzone und mit einem kurzen Pippi Stopp dann auch wieder raus zum Laufen. Ich fühlte mich gut, hatte leichte Schmerzen in den Fußsohlen, was wohl vom Radabsprung kam, aber damit kam ich klar. Die ersten zwei Kilometer liefen echt gut und ich wusste, dass es nur bergauf geht. Die Diagonalstreet lief noch super, danach ging es kurz bergab und gleich wieder bergauf. Komisch, jetzt war der Ofen aus. Die Laufbeine mussten wohl auf der Diagonalstreet stehen geblieben sein. So wurde es dann doch ein harter Tag – ein Schritt nach dem anderen und immer weiter hoch. Die Aussicht entlohnte mich für die Quälerei. Da unten ist das Ziel, also ab geht’s. Der letzte Anstieg bei Kilometer 16 und plötzlich kam dann eine Gruppe aus der AK 30 an mir vorbeigerannt. Dranbleiben, dachte ich mir, aber es ging einfach nicht. So lief ich weiter in meinem Tempo und ich war froh, den Zielsprecher zu hören. Anzug richten, Kappe richten und ab ins Ziel. Wie fast immer war ich mit dem Rennen nicht zufrieden. Hier und da etwas anders oder besser – egal. Letztendlich waren es 4:39 Stunden und ohne die Zeitstrafe hätte ich eine Top-Radzeit gehabt und wäre nochmal zehn Plätze weiter vorn gewesen.

Hoffnungen bei der Slotvergabe

Weil wir es uns einfach ansehen wollten und ein kleines Fünkchen Hoffnung hatten, gingen wir zur Award-Zeremonie und zur Slotvergabe, vielleicht wollen ja nicht alle zur WM in Nizza. Wir dachten, es wird sicher ewig dauern, denn wir hatten ja ein paar europäische Slotvergaben erlebt. Jeder Name wird dreimal vorgelesen und dann kommt erst der nächste. Hier war es anders. Es wurde also etwas beschleunigt. Männlich AK 25 hat fünf Plätze, wer will? Es meldeten sich acht. Alle mussten nach vorn kommen. Dann wurden die Zeiten verglichen und die besten fünf haben den Slot bekommen. So ging es flux und schon kam die AK 30 männlich. Hier wurden dann zuerst die ersten zehn aufgerufen. Chris dachte sich schon, dass es als 24. sehr viel Glück brauchen wird. Keiner meldete sich, Dann bitte die Top 30 vorkommen. Chris ging vor und noch drei andere und es reichte für ihn und das noch als Zweitplatzierter der Qualifizierten.

Dann kam es zur AK 35 der Frauen und auch hier hieß es: Bitte die Top Ten nach vorn. Es ist eine Frau vorgegangen, danach war Silke an der Reihe und auch für sie reichte es!

Die Piris fahren also wieder zu einer Weltmeisterschaft. Dieses Mal geht es nach Nizza!

Zum Feiern waren wir dann noch zwei Tage in Vegas, welch ein Kontrast – erst das idyllische St. George und dann das bunte und aufgedrehte Las Vegas. Mit diesem Bild ging es dann wieder in die Heimat, um erst einmal ein paar Tage die Beine hochzulegen.

Die Ziele sind fest im Blick und es geht weiter mit den Piris.