Premiere unter acht Stunden?

Der Bayer Sebastian Reinwand war erfolgreicher Marathonläufer und beendete vergangenes Jahr seine aktive Karriere. Nun wechselt er auf die Langdistanz und hat ein großes Ziel: die Challenge Roth in unter acht Stunden finishen. Wie er das Projekt angehen wird, erzählt er in seinem Blog.

Von > | 3. April 2019 | Aus: SZENE

Sebastian Reinwand nimmt dieses Jahr seine erste Langdistanz in Angriff. Ziel: unter acht Stunden bleiben.

Sebastian Reinwand nimmt dieses Jahr seine erste Langdistanz in Angriff. Ziel: unter acht Stunden bleiben.

Foto >Nick Staggenborg/Spray`n Pray Productions

Mit meiner Ansage, bei der Challenge Roth unter acht Stunden finishen zu wollen, habe ich die Triathlon-Szene in Aufruhr versetzt. Hier möchte ich die Gelegenheit nutzen, im Blog meine Leistungsdaten im Verlauf der verbleibenden vier Monate genauer zu beleuchten, und zeigen, dass ich es ernst meine. Zur Vorgeschichte gehört, dass ich bis August 2018 Marathonläufer war. Ich habe meine Karriere, mit einer Bestzeit von 2:15:27 Stunden, nach der Europameisterschaft in Berlin beendet. Diese Entscheidung habe ich getroffen, weil nach 15 Jahren Leistungssport meine Bestzeiten weitgehend ausgereizt waren und eine Olympiaqualifikation für mich ehrlicherweise unrealistisch ist.

Neue Wege als Triathlet

Da ich aus Roth stamme, waren für mich die Challenge Roth und ihre Faszination natürlich immer allgegenwärtig. Durch meine Einstellung zum Leistungssport gehe ich jetzt mit dem Ziel unter acht Stunden zu finishen an den Start. Das mag für Außenstehende verrückt klingen, wenn man die Ergebnisse meiner ersten Leistungsdiagnostik und meine geplante Herangehensweise betrachtet, ist das Potenzial dazu durchaus vorhanden. Das Ziel bleibt natürlich sehr gewagt, aber für mich macht das die Sache erst richtig interessant. Mein Plan ist 50 Minuten zu schwimmen, gefolgt von einem 4:40-Stunden-Radsplit, um dann den Marathon in 2:30 Stunden zu laufen. Viele werden den Kopf schütteln, dass der Marathonläufer glaubt, bei einer Langdistanz so schnell zu laufen, aber ich habe mir dabei natürlich etwas gedacht. Gut für mein Ziel ist, dass die Laufstrecke in Roth im Rahmen der zulässigen Toleranz nur 41,5 Kilometer lang ist. Damit schenkt sie mir knapp drei Minuten.

Der erste Testlauf auf der Laufstrecke der Challenge Roth.

Der erste Testlauf auf der Laufstrecke der Challenge Roth.

Foto >privat

Die erste Standortbestimmung durch Leistungsdiagnostik

In meinem Läuferleben bin ich über hundertmal Marathondistanzen in 2:30iger-Pace gelaufen. Mein Körper ist programmiert auf dieses Tempo und mein Bewegungsapparat darauf ökonomisiert. Die Leistungsdiagnostik vier Wochen nach meiner Marathonbestzeit zeigt, dass ich bei Tempo 3:30 min/km eine Laktatkonzentration von lediglich 0,88 mmol/l (bei Ruhelaktat 0,80 mmol/l) habe.

Die Leistungsdiagnostiken ließ Sebastian Reinwand bei ProAthletes in Köln machen.

Die Leistungsdiagnostiken ließ Sebastian Reinwand bei ProAthletes in Köln machen.

Foto >privat

Selbst bei Tempo 3:20 min/km (1,32 mmol/l) und 3:10 min/km (2,12 mmol/l) ist der Anstieg noch sehr gering. Ein Marathon in 2:30 Stunden liegt demnach voll in meinem Grundlagenbereich. Mein letzter Marathon war am 18. August 2018, anschließend hat mich leider ein Runner’s Knee zu fünf Wochen Laufpause gezwungen. Vor meiner ersten Leistungsdiagnostik konnte ich nur zwei Wochen trainieren, was für jemanden, der sonst im Schnitt 160 bis 180 Kilometer in einer Woche läuft, sehr wenig ist. Wie zu erwarten war deshalb die 3-mmol-Schwelle im Vergleich zur Topform vor dem Marathon im Keller (von 3:04 min/km auf 3:14 min/km). Die VO₂max lag bei 77,8 ml/min/kg. Mein Spitzenwert liegt bei 83,6 ml/min/kg. Das zeigt sicherlich mein Talent für Ausdauersport, denn die VO₂max ist nur bedingt trainierbar und zu 50 bis 80 % genetisch vorgeben.

Die Leistungsdaten der Lauf-Diagnostik.

Die Leistungsdaten der Lauf-Diagnostik.

Foto >privat

Das Abenteuer Rad

Als nächstes folgte die Leistungsdiagnostik auf dem Rad. Bis auf eine Handvoll Ausfahrten in den Jahren zuvor habe ich in den fünf Wochen vor der Leistungsdiagnostik die ersten 1.000 Radkilometer meines Lebens absolviert. Das Ergebnis waren eine VO₂max von 71,9 ml/min/kg trotz lokaler Defizite der spezifischen Muskelausdauer, ein Fatmax-Bereich von 239 Watt und ein FTP-Wert mit 317 Watt (4,8 W/kg). Darauf baue ich meinen Anspruch, die Transformation vom Läufer zum Triathleten zu schaffen. Mir ist natürlich bewusst, dass eine hohe VO₂max allein noch kein Langdistanzfinish unter acht Stunden bringt. Meine Idee ist auf dem Rad, in der Liga von ambitionierten Agegroupern mitzufahren und stoffwechseltechnisch im Bereich des Möglichen zu liegen. Am Ende kommt es für mich darauf an, so kraftsparend wie möglich durchzukommen und natürlich muskulär die Aeroposition halten zu können. Dazu werde ich Mitte April auf der Bahn in Büttgen ausführliche Aerotests absolvieren. Anschließend kann ich hoffentlich zusammen mit den neuen Leistungsdiagnostikdaten schon relativ genau abzeichnen, wo die Reise hingeht.

Die Leistungsdaten der Rad-Diagnostik.

Die Leistungsdaten der Rad-Diagnostik.

Foto >privat

Erste Rückschläge und neuer Mut

Wer bis hierhin gelesen hat, wird sich fragen, was ich von Oktober bis März gemacht habe. Leider folgte auf den Trainingsstart, eine erneute Knieverletzung und schließlich noch eine Radunfall. Diese Verkettung der Ereignisse hatte zur Folge, dass ich von November bis Dezember nur Schwimmen trainieren konnte und erst Mitte Januar wieder ins Training einsteigen konnte. Die Belastbarkeit des Knies konnte ich nur behutsam steigern und Ende Februar wollte ich das Projekt "Sub 8" für dieses Jahr begraben. Ich habe dann doch nochmal eine Leistungsdiagnostik gemacht und die hat mir fast identische Werte zum Oktober geliefert, weshalb ich gemeinsam mit meinem Trainer den Entschluss gefasst habe, es doch noch zu probieren. Ich habe große Lust und bin bereit, in den verbleibenden vier Monaten alles für den Traum zu tun - und dann verleiht mir hoffentlich der Heimvorteil die benötigten Flügel!

Aktuell befinde ich mich im dreiwöchigen Trainingslager auf Zypern und konnte schon gute Fortschritte im Training erzielen. Darüber werde ich in meinem nächsten Blogbeitrag berichten.