Von Klapperschlangen und Pole-Positions

Seit einigen Wochen trainiert Lukas Krämer in Arizona und bereitet sich auf den Ironman Argentinien vor. Beim Ironman 70.3 Waco gab es einen letzten Formtest, der den Münchner in eine ungewohnte Ausgangsposition brachte.

Von > | 29. November 2018 | Aus: SZENE

Lukas Krämers Saisonhighlight, der Ironman Argentinien, steht nun kurz bevor.

Lukas Krämers Saisonhighlight, der Ironman Argentinien, steht nun kurz bevor.

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Seit einigen Wochen trainiert Lukas Krämer gemeinsam mit seinem Kumpel Mathias in Tucson/Arizona und bereitet sich dort auf sein letztes Rennen der Saison vor, den Ironman Argentinien. Zwischendurch gab es beim Ironman 70.3 Waco einen letzten Formtest, der sprichwörtlich ins Wasser fiel und den Münchner in eine ungewohnte Ausgangsposition bugsierte.

Die erste Zeit verbrachte die Trainings-WG in einem Apartment in Tucson, dass sie sich für die Dauer ihres Aufenthalts angemietet haben. Am ersten Tag ging es laufend auf Erkundungstour abseits der Trails quer durch die Wüste, die Krämer mit Blick auf zukünftige tierische Begegnungen „so unbeschwert sicher nicht wieder machen würde.“ Statt auf den Trampelpfaden zu bleiben, wählten die beiden Athleten den Weg querfeldein, durch Büsche und über Stock und Stein.

Nicht nur der Mount Lemmon sorgt für Herzrasen

Krämer trainiert auf dem Rad zumeist auf einem 80 Kilometer langen Radweg, der rund um Tucson führt. Angenehm ist die Straßenführung, die Kreuzungen sind meistens mit einer Unterführung ausgestattet, die perfekt geteert sind. Standzeiten an Ampeln oder Vorfahrtsstraßen stören den Trainingsbetrieb daher kaum. Besondere Abstecher führen ihn außerdem auf den 2.800 Meter hohen Mount Lemmon, der unter Triathleten Kultstatus besitzt. Eine Unterbrechung anderer Art gab es für die beiden Kumpels auf dem Radweg während einer ihrer vielen gemeinsamen Touren. Ein scheinbar ungefährlicher Ast entpuppte sich beim genaueren Hinsehen als Klapperschlange, die sich beim Umfahren glücklicherweise als entspannt und geduldig herausstellen sollte und ihren Weg unbeeindruckt fortsetzte. Weniger entspannt war Krämer in diesem Moment selbst: Nach eigenen Aussagen könnte man die Begegnung in der Herzfrequenzkurve ablesen: „Mein Puls ist schlagartig um 40 Schläge gestiegen“, berichtet er lachend über diese tierische Begegnung.

Auch das Lauftraining findet zumeist auf einem dieser Radwege statt oder wird auf Trails verlegt, die parallel zu den Straßen verlaufen. Als Highlight hat sich das Recreation Center der University of Arizona herausgestellt, das neben einem 25 Yard Becken außerdem ein dreistöckiges Fitnessstudio samt Indoor Laufbahn beinhaltet. „Das Center bietet wirklich alles was das Sportlerherz begehrt und ist für deutsche Verhältnisse unvorstellbar“, beschreibt der 33-Jährige, der in Arizona meistens seine eigene Schwimmbahn zum Trainieren hat.

Pech an der Lostrommel, Pole-Position auf dem Rad

Die ersten zehn Tage waren für Tucson Verhältnisse sehr kühl und verregnet. „Das hat auf der einen Seite etwas auf die Stimmung gedrückt, auf der anderen Seite fiel so die Akklimatisierung deutlich leichter“, fasst Krämer zusammen und beschreibt den Alltag als „eintönig“. Schlafen, essen, trainieren, einkaufen. Die Trainingstage ähneln sich stark und erinnern an ein typisches Trainingslager. Einzig die Ruhetage nutzten er und Mathias für Kulturprogramm: „Da hilft es natürlich, dass wir mit Christian Manunzio den gleichen Trainer haben und die Trainingspläne samt Ruhetage aufeinander abgestimmt sind.“

Einen ersten Formtest wollte sich Krämer beim Ironman 70.3 Waco im Bundesstaat Texas Ende Oktober unterziehen. „Schon auf dem Hinflug am Donnerstag konnten wir erkennen, dass weite Teile der Gegend unter Wasser standen“, berichtet Krämer, der von seiner Gastfamilie typisch amerikanisch mit Chickenwings und College Football empfangen wurde.

Die starken Überschwemmungen sollten sich in den Tagen danach tatsächlich als Problem herausstellen und endeten zunächst in einer Änderung der Radstrecke. Am Samstag bei der Wettkampfbesprechung gab es dann die offizielle Bestätigung von dem, was die Beteiligten bereits befürchteten: Das Schwimmen fällt aus! Anders als in Deutschland, wie beispielsweise beim Ironman Hamburg, wird dieser Abschnitt nicht durch einen zusätzlichen Lauf ersetzt, sondern endet in einem Bike and Run. In 30-Sekunden-Abständen werden die Athleten dabei auf die Strecke gelassen. Die Auslosung der Startreihenfolge ergab für Krämer nichts Gutes: Nummer eins! „Ich meinte zwar schon häufiger, dass ich bei einem Triathlon gerne einmal der Erste auf dem Rad wäre, aber so habe ich mir das sicher nicht vorgestellt“, scherzt Krämer hinterher, gibt aber gleichzeitig zu, dass die Ernüchterung in diesem Moment groß war.

Für Krämer hat mittlerweile das Tapering für sein letztes Saison-Rennen begonnen.

Für Krämer hat mittlerweile das Tapering für sein letztes Saison-Rennen begonnen.

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„Den Taktikplan komplett über den Haufen geworfen!“

Die telefonische Taktikbesprechung mit Coach Manunzio sah ein defensives Radfahren vor: „Wir sind beide davon ausgegangen, dass die starken Radfahrer Tj Tollakson und Andrew Starykowicz das Feld zu mir nach vorne fahren werden“, gibt der 33-Jährige Einblicke in die taktischen Überlegungen, die er schließlich fünf Minuten vor dem Rennstart komplett über den Haufen warf: „Ich habe mir gedacht: Wenn sie eh alle von hinten ankommen, mache ich ihnen das Leben wenigstens so schwer wie möglich!“

Folglich fuhr Krämer von Beginn an hart an und produzierte seine bisher beste Wattleistung bei einer Mitteldistanz, die sich in der siebtbesten Radzeit des Tages (2:05:56 Stunden) niederschlug. „Dank Mathias war ich zum Glück die ganze Zeit über die Zwischenstände informiert, ansonsten hat man bei dem Format ja gar keinen Überblick wo man aktuell liegt.“ Mit einem soliden, aber „sicherlich keinem glanzvollem“ Lauf (1:17:39 Stunden) beendete er das Rennen auf Platz sechs knapp vier Minuten hinter dem Sieger Starykowicz: „Alles in allem bin ich bei diesem Feld mit dem sechsten Platz schon sehr zufrieden“, resümiert er hinterher.

Premiere als Ironman Supporter

Nach einem weiteren Trainingsblock in Tucson gab es für Krämer neben einer Premiere auch eine Herzensangelegenheit: Seinem Kollegen Mathias stand er bei seinem allerersten Triathlon - auf Anhieb eine Langdistanz beim Ironman Arizona - als Supporter zur Seite. „Ich habe ihn bei seinen letzten Einheiten begleitet, eingekauft, die Aufgabe des Mechanikers übernommen und versucht ihm so viele Aufgaben wie möglich abzunehmen, damit er sich entspannt vorbereiten konnte. Das Training hat darunter natürlich etwas gelitten, aber nach den letzten Jahren, in denen Mathias mich so häufig begleitet hat, war das für mich eine Selbstverständlichkeit.“ Das Rennen für Mathias lief „überragend“: Nach neun Stunden und acht Minuten kam er im Ziel an. Die Premiere ist für die beiden Freunde mehr als geglückt.

Nächster Halt: Argentinien

Für Krämer selbst hat mittlerweile das Tapering für sein letztes Saison-Rennen begonnen. Beim Ironman Argentinien geht er auf der Langdistanz so spät im Jahr wie noch nie zuvor an den Start. Auf dem Zwischenstopp in Atlanta stößt auch seine Freundin Christine dazu, die als Unterstützung und anschließende Urlaubsbegleitung mit nach Argentinien fliegt. Auf wen der Feuerwehrmann in Argentinien trifft, steht noch nicht endgültig fest, die vorläufige Startliste liest sich aber hochkarätig: Unter anderem Tim O’Donnell, Andy Potts, Igor Amorelli und auch Andreas Raelert sind für die südamerikanischen Kontinentalmeisterschaften gemeldet.