Von der Schulbank zu Olympia

Laura Lindemann ist eine der größten Nachwuchshoffnungen im deutschen Triathlon: Die Potsdamerin hat noch nicht einmal ihr Abitur in der Tasche, fährt im August aber bereits zu den Olympischen Spielen. Dabei wusste Lindemann bis vor wenigen Jahren noch nicht einmal, was Triathlon ist – und musste zu ihrem Glück gezwungen werden.

Von > | 21. Juli 2016 | Aus: SZENE

Laura Lindemann beim WTS-Rennen in Stockholm

Foto >ITU Media/ Janos Schmidt

Triathlon wider Willen

Die Ungewissheit um die Olympia-Nominierungen hat nicht nur die Athleten ins Schwitzen gebracht, sondern auch die triathlon-Redaktion. Im Glauben, es würde schon alles gut gehen, haben wir Laura Lindemann für die am Mittwoch erschienene Ausgabe Nr. 142 interviewt - und am Tag der Druckabgabe, gleichzeitig dem Tag der entscheidenden Sitzung des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), passierte, was wir nach der erfolgreichen Klage Rebecca Robischs befürchtet hatten: Lindemann wurde vom DOSB nicht für Olympia nominiert und wir standen vor der Entscheidung, was wir tun sollten: Laura Lindemann nochmal schnell anrufen und zu ihrer Enttäuschung befragen? Das erschien uns unfair. Stattdessen haben wir die Druckerpressen noch für ein paar Stunden anhalten können und das Interview in Windeseile durch andere Inhalte ersetzt, um der 20-Jährigen nicht noch zusätzlich Salz in die Wunde zu streuen. Eine Woche später wissen wir: Laura Lindemann fährt nun doch zu den Olympischen Spielen. Also haben wir mit der Potsdamerin noch einmal telefoniert und veröffentlichen das Interview ergänzt um einige Fragen online.

Laura Lindemann, mit 20 Jahren sind Sie die bislang jüngste deutsche Triathletin bei den Olympischen Spielen - und gleichzeitig auch diejenige, die in der jungen Olympia-Geschichte des deutschen Triathlons am meisten um ihren Startplatz zittern musste. Wie haben Sie die Tage rund um die Olympia-Nominierung vor einer Woche erlebt?
Ich hatte schon seit Wochen auf diesen Dienstag hingefiebert, an dem der Deutsche Olympische Sportbund das Olympiaaufgebot bekanntgeben wollte. Mitte Juni hatte mich  Reinhold Häußlein, der als Vizepräsident Leistungssport bei der Deutschen Triathlon Union aktiv ist, angerufen und mir gesagt, dass sich das Expertengremium des Verbands für mich entschieden habe. Das war ein krasser Moment. Ich hatte nichts gewusst oder geahnt, aber doch lange darauf gehofft, für die Olympiamannschaft vorgeschlagen zu werden. Und mit einem Mal schien dieser ganze Olympia­traum real zu werden. Entsprechend nervös war ich dann auch vor diesem entscheidenden Dienstag. Als am Dienstagnachmittag mit der Bekanntgabe zu rechnen war, habe ich durchweg an den sozialen Medien gehangen und immer wieder Twitter aktualisiert, weil das der schnellste Weg schien, das Ergebnis der DOSB-Entscheidung zu erfahren. Als es dort dann hieß, dass nur Anne Haug nominiert wird, habe ich die Welt nicht mehr verstanden. Der Rechtsstreit, der sich in den Tagen zuvor entwickelt hatte, lief im Prinzip komplett an mir vorbei, deswegen konnte ich einfach nicht nachvollziehen, weshalb sich der DOSB so entschieden hat.

Wie sind Sie mit der Situation umgegangen?
Nach und nach habe ich von den Begleitumständen der Nominierung erfahren und am Abend angefangen, einen Brief an Angela Merkel und den Innenminister zu schreiben - zum einen, um mit der Situation selbst besser fertig zu werden, aber auch, um etwas Aufmerksamkeit auf unsere Situation zu lenken. Danach habe ich aber wieder versucht, mich auf das Rennen in Hamburg zu konzentrieren und das ganze Olympia-Thema so weit auszublenden, wie es nur geht. Ich denke, dass mir das ganz gut gelungen ist. Der Verbandspräsident Prof. Dr. Martin Engelhardt hat mir aber die ganze Zeit über gesagt, dass ich die Hoffnung nicht aufgeben solle und dass die Deusche Triathlon Union (DTU) für meinen Start kämpfen werde. Gestern hat mich Geschäftsführer Matthias Zöll dann angerufen und mir gesagt, dass sich der Kampf gelohnt hat und ich in Rio dabei sein werde. Darüber bin ich überglücklich und den Beteiligten sehr dankbar.

Die DTU hat zwei Olympiaplätze erst in diesem Jahr vergeben – mit Rücksicht vor allem auf Sie als Nachwuchs­athletin. Hat Sie das unter Druck gesetzt?
Für mich persönlich ist Rio erst seit Anfang dieser Saison ein großes Thema. Ich habe immer versucht, mir selbst und allen anderen zu erzählen, dass es natürlich toll wäre, wenn es mit Olympia 2016 klappt, aber auch, dass ich noch jung bin und noch mehrere Chancen darauf habe. Aber natürlich war das vor allem Gerede, mit dem ich versucht habe, mir selbst den Druck zu nehmen. Das Ziel hatte ich immer vor Augen, und mit keinem anderen Anspruch als der Olympianorm bin ich auch in die beiden Qualifikationsrennen in dieser Saison gestartet. Ich habe die Kriterien aber immer eher als Chance gesehen. Enttäuscht wäre ich natürlich trotzdem gewesen, wenn es nicht geklappt hätte – allein schon, weil ich so viele Trainingsstunden in den Traum investiert habe. Natürlich wäre das nicht alles umsonst gewesen, wenn ich nicht in Rio hätte starten dürfen, aber klar ist auch, dass man all die Arbeit gern mit diesem Wettkampf in Rio belohnen würde.

Sie sind nicht nur das „Küken“ im deutschen Team, sondern auch eine Quereinsteigerin. Ihre Wurzeln haben Sie in einer Einzeldisziplin.
Das stimmt. Ich habe schon mit sechs Jahren in Berlin-Spandau mit dem Schwimmen angefangen und mich später vor allem auf das Brustschwimmen spezialisiert. Zu Beginn der siebten Klasse musste ich mich dann entscheiden, wie es weitergeht: Eine meiner Teamkolleginnen ist auf die ­Sportschule in Potsdam gegangen, die meisten anderen sind in Spandau geblieben. Ich habe beides probiert und die Aufnahmeprüfungen bestanden, mich dann aber für Potsdam entschieden. Dort lebe ich seitdem im Internat und versuche, Schule und Leistungssport unter ­einen Hut zu bekommen.

Wie kamen Sie dann zum Triathlon?
An der Sportschule in Potsdam gibt es einen Leistungsauftrag. Als Brustschwimmerin bin ich die 100 Meter in etwa 1:14 Minute geschwommen, die 200 Meter in 2:44 Minuten. Das war aber nicht gut genug, um mich für internationale Einsätze zu empfehlen – und mein Trainer hat auch nicht mehr viel Entwicklungspotenzial in mir gesehen. Und weil er gut mit Ron Schmidt kooperierte, dem Trainer der Triathleten, suchte er 2012 mehrfach das Gespräch mit mir und empfahl mir, es doch einfach mal beim Triathlon zu probieren.