Wandern ist wie Triathlon. Nur härter.

„Der Ironman ist das härteste Ein-Tages-Event der Welt“ – dachten auch Silke Insel und Frank Wechsel und meldeten sich leichtfertig für den Megamarsch an, eine 100-Kilometer-Wanderung rund um Hamburg. Zeitlimit: 24 Stunden. Ihr Fazit: Auch beim Wandern kommen die Schmerzen nach 28 Kilometern. Blöd nur, wenn man dann noch 14 Stunden vor sich hat. Nur 613 von 3.500 Startern erreichten das Ziel – ob auch die Herausgeber von tri-mag.de dazugehörten?

Von > | 17. April 2018 | Aus: SZENE

Auf den Elbbrücken: Frank Wechsel und Silke Insel beim Megamarsch Hamburg 2018.

Auf den Elbbrücken: Frank Wechsel und Silke Insel beim Megamarsch Hamburg 2018.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Wer einen Marathon laufen kann, dazu noch in einem Triathlon, der kann auch wandern. Auch wenn die Wanderung länger wird als die 42,195 Kilometer. Klingt doch logisch, oder? Diese Idee, einmal um die Heimatstadt zu latschen, fanden wir sofort sympathisch, als wir uns vor ein paar Wochen für einen kurzen Artikel in unserer Zeitschrift mit dem Megamarsch beschäftigten: Einmal rund um Hamburg, 100 Kilometer, in 24 Stunden. In der Teambesprechung unseres Verlags fragten wir, wer denn Lust hätte, mitzukommen. Übrig blieben wir. Auch im Freundeskreis wollte niemand. "Zu lang", sagten die Unsportlichen. "Zu langweilig", die Sportlichen. Also setzen Silke und ich am späten Vormittag des 7. April mit der Hafenfähre über von Teufelsbrück nach Finkenwerder. Eine fünfminütige Schifffahrt vom Ziel bis zum Start. Umgekehrt sollte der Weg deutlich länger werden.

Bunt gemischtes Teilnehmerfeld

Das Startgelände im Rüschpark: Wir hatten mit den Wegen zur Bahn, zum Schiff, zum Start wohl schon drei Kilometer im Gepäck, als wir den Torbogen erreichten. Apropos Gepäck: Als unerfahrene Wanderer hatten wir unsere Rucksäcke mit allerlei Nützlichem und Dingen, die wir nicht brauchen würden, gepackt. Die Rucksäcke der anderen Teilnehmer - 3.500 waren gemeldet - waren tendenziell eher voluminöser. Auf Zelten waren wir nicht eingestellt. 

Wir schauten uns die Teilnehmer genauer an: Junge, Alte, Dünne, Dicke, perfekt und eher spartanisch Ausgestattete, mit und ohne Hut und Hund, mit und ohne Wanderstöcke, einige durchaus im Rennoutfit. Hier und da die eine oder andere Jacke eines Sport- und Triathlonvereins, auch ein paar M-Dot-Logos waren deutlich erkennbar. Das Starterfeld war deutlich inhomogener als bei einem Triathlon.

Wie schnell geht Wandern?

Mit dem zweiten 200er-Paket wurden wir um 12:05 Uhr auf die Strecke geschickt. Wichtigster Ausrüstungsgegenstand: die Sportuhr. Hier nicht zur Überprüfung der Leistungsbereiche, sondern zum Navigieren mit der eingespielten GPX-Datei des Veranstalters hundert24 GmbH. Wir hatten ja keine Ahnung, welches Tempo man anschlägt, wenn man wandert. Mit etwa 9:30 Minuten pro Kilometer machten wir uns auf die Reise. Durch Finkenwerder, den Hafen am Horizont, Richtung Harburg. Dort die ersten (und einzigen) wirklichen Steigungen. Vorbei an Schafen, Wiesen, Industrieanlagen und mitten hinein ins multikulturelle Südhamburg. Überall wurde gespielt, gepicknickt, gegessen. Eine Familie grillte am Streckenrand sechs (ganze) Schweine.

Auch wir bekamen Hunger - und wurden nach gut drei Stunden oder 19 Kilometern erlöst: Die erste Verpflegungsstation. Keine Energiegels wie beim Triathlon, sondern Salamis, Müsliriegel, Kekse und Karlsbader Oblaten. Wenigstens die Dixis erinnerten an Triathlon. Eine Viertelstunde Rast - und weiter ging es auf die zweite Etappe.

Die führte durch Wohn- und Industrieviertel, die auch zu Hamburg gehören, die aber wenige kennen. Auch wir nicht - so war man wenigstens mal hier. Mit dem gleichen Tempo, wie wir Harburg erreicht hatten, verließen wir es wieder. Und so langsam merkten wir in den Füßen und Beinen, dass diese uns schon ein paar Stunden trugen. Bei Kilometer 28 stellten wir fest, dass die Muskeln inzwischen so hart waren wie bei einen Marathon nach 28 Kilometern. Dort liegen dann noch 14 Kilometer vor einem. Hier waren es hochgerechnet 14 Stunden. Und zum ersten Mal stellten wir fest: Wandern ist auch Sport. Das wird wohl noch lang.

Kaffee und Gurken

Nach 36 Kilometern Verpflegungspunkt 2 am Auswanderermuseum auf der Veddel. Auswandern wollten wir nicht, nur ausruhen. 25 Minuten gönnten wir uns, zusätzlich zu den Leckereien der ersten Verpflegung gab es nun Kaffee und saure Gurken. Die meisten Mitwanderer hatten ihre Schuhe ausgezogen zur Schadensbegutachtung. Das trauten wir uns noch nicht.

Wir machten uns auf durch den Multikulti-Stadtteil Wilhelmsburg Richtung Elbe. Im Sonnenuntergang überquerten wir diese über die Elbbrücken. Auf der nördlichen Seite ging es eine Weile auf dem Deich stadtauswärts. Das Wetter meinte es gut mit uns, so dass die Stirnlampen noch lange im Rucksack blieben. Nach sieben Stunden war die Marathonmarke erreicht. Ab jetzt: Jeder Schritt mehr würde eine neue persönliche Bestleistung für die weiteste Strecke zu Fuß markieren.

Atemlos in die Nacht

Das Feld war inzwischen ausgedünnt: Die zweite Verpflegungsstelle war die erste, an der man sich auf einer Urkunde die gelaufene Leistung quittieren lassen und erhobenen Hauptes aussteigen konnte. Die Abstände zwischen den Verbliebenen wurden größer, die Szenerie einsamer. Die Dunkelheit setzte ein, wir richteten uns für die kühleren Nachttemperaturen ein und setzten unsere Stirnlampen auf. 22 Kilometer waren er bis zur dritten Verpflegung - eine Strecke, die nun unendlich schien. Unendlich war schon die Zeitspanne zwischen den einzelnen Brummern am Handgelenk, die einen geschafften Kilometer signalisierten. Die Fußsohlen brannten, die Oberschenkel machten zu. Kein langer Lauf hatte uns auf diesen Marsch vorbereitet - man hätte wohl spezifischer trainieren müssen.

Bei den immer seltener werdenden Begegnungen stellten wir allerdings fest, dass wohl für alle der Kampf begonnen hatte. Silke war die erste von uns beiden, die das Kind beim Namen nannte: "Ich glaube nicht, dass wir das heute schaffen." Wir redeten nicht mehr viel, überlegten uns aber (wie wir beide uns später beichteten) jeder ein gesichtswahrendes Ausstiegsszenario. Wir hatten nicht viel abgesprochen über Pausenlängen, Tempoplanung und so weiter - aber eines war fest vereinbart: Wenn einer keine Lust mehr hat, darf der andere weiter machen.

Entscheidung vertagt

Irgendwo vor Kilometer 60 war sie plötzlich da: Die dritte Verpflegungsstation. Erst mal ein bisschen hinsetzen. Hunger? Fehlanzeige, wir bekamen nichts mehr herunter. Jede Bewegung tat weh, das Aufstehen war fast unmöglich. Auch wir öffneten die erste Packung Blasenpflaster, denn die 70.000 oder 80.000 Schritte bis hierher hatten ihre deutliche Wirkung gezeigt. Viele von denen, die diesen Punkt erreicht hatten, ließen sich ihre Urkunde aushändigen und riefen ein Taxi oder wanderten zur nächsten U-Bahn-Station. Doch warum machte Silke nichts dergleichen? Zu müde? Oder doch: zu kämpferisch?

Nach 50 Minuten Pause fanden wir die Kraft, aufzustehen. Und bogen gemeinsam auf den wieder 22 Kilometer langen Weg zur vierten und letzten Verpflegungsstation ein. Unser Kampfgeist hatte gesiegt - Triathleten eben. Wir marschierten mit nun eher fast elf Minuten pro Kilometer in die Nacht, bald aus der Stadt hinaus, wieder hinein. Wo wir genau waren, vermochten wir nicht zu sagen. Jeder Schritt setzte nun eine Willensentscheidung voraus, wir beide hatten noch nie so lange gelitten. 14, 15 Stunden war dieser Wettkampf gegen unsere inneren Schweinehunde nun schon alt. Wir sprachen kaum noch, verstanden uns wortlos. Jetzt war klar: Silke will das Ziel erreichen, und ich auch.

Torschlusspanik

Nachts um drei Uhr passierten wir den Ohlsdorfer Friedhof. Hier und da ein Grablicht, da und dort eine Stirnlampe. Wir waren nicht allein. Und als wir am Hauptportal ankamen, sahen wir durch das Tor ein bekanntes Gesicht: Kollege Peter Jacob hatte sich tatsächlich mitten in der Nacht aufgemacht, um uns für das letzte Viertel zu motivieren. Das Problem: Zwischen Peter und uns war eben dieses hohe Friedhofstor. Und das war verschlossen, obwohl der Pfeil auf der Straße direkt darauf zeigte.

Ratlos standen wir und ein paar andere Wanderer vor dem Tor und überlegten, was zu tun sei. Klettern oder warten? Wir entschieden uns für das Klettern. Mit 75 Kilometern in den steifen Beinen ein weiterer und nicht ungefährlicher Teil des Abenteuers. Später stellte sich heraus: Die Tore hätten absprachegemäß offen sein müssen, der Fehler lag nicht auf Veranstalterseite - und wurde bald korrigiert.

Peter wanderte ein großes Stück mit uns, sein Schokoriegelvorrat schrumpfte - er begleitet und beruflich schon so lange, dass er uns wohl so gut kennt, um zu wissen, dass Schokoriegel das einzige ist, das wir in einer solchen Extremsituation herunterbekommen würden. Danke, Peter! Am Alsterlauf verabschiedeten wir uns und erreichten bald in einer Kleingartenanlage in Flughafennähe Verpflegungspunkt 4. Diese Punkte wurden übrigens immer kleiner, ebenso wie die Zahl derer, die sie erreichen sollten. Auch hier wurden wieder Urkunden ausgegeben, aber für uns war klar: Erreichen wir die 80-Kilometer-Marke, erreichen wir auch das Ziel.

Wartet Frodeno an der Finish Line?

Wobei über 20 Kilometer mit einem Tempo von zwölf Minuten pro Kilometer und der einen oder anderen Pause immer noch fünf schmerzhafte Stunden würden. Wir verboten uns diese Rechnereien, denn das Wissen um das noch zu erduldende Leiden machte die Situation kaum erträglicher. Die Nacht zog sich in die Länge, so still haben wir die Flughafen noch nie erlebt. Erst bei Stellingen setzte das Morgengrauen ein. Irgendwann verschwanden die Stirnlampen. Das Morgenlicht vermochte jedoch nicht, die Müdigkeit zu vertreiben. Wir einigten uns auf eine Parkbank-Pause pro Stunde. Zehn Kilometer vor dem Ziel hatten wir uns gerade gesetzt, als Silke einen Satz begann, in dem als einzige verständlich Worte "Jan Frodeno" und "Finish Line" fielen, die erst in ein Stottern und dann in ein Lallen übergingen - und schon war sie eingeschlafen, ließ sich aber zu meiner Überraschung nach wenigen Minuten wieder aufwecken.

Hatten wir kurz vorher noch das große Umweltbewusstsein von Veranstaltern und Teilnehmern gelobt, wühlten wir uns in Stadionnähe durch Berge von leeren Bierbechern - der HSV hatte am Vorabend noch einmal Erstligahoffnung geschöpft. Auch wir wussten nun: Diesen Sieg lassen wir uns nicht mehr nehmen! Auch wenn der Weg immer noch so unendlich lang ist ...

Fünf Kilometer vor dem Ziel überholte uns ein frisch aussehender Marschierer. Wir teilten ihm unsere Bewunderung ob der Frische mit und wurden gleich noch zweimal überrascht - erstens, als er uns erzählte, dass er so frisch sei, weil er ja noch nicht so lange unterwegs sei. Er war vier Stunden nach uns gestartet, hatte aber auf jegliche Pausen verzichtet. Und zweitens, als er sich nach seiner Erklärung genüsslich eine Zigarette ansteckte und bald in seiner eigenen Rauchwolke vor uns verschwand.

Nach Hause schwimmen

Irgendwann zeigte meine Sportuhr: Noch 3,8 Kilometer. Ironman-Schwimmstrecke. Das muss doch auch zu Fuß zu schaffen sein! Seit Kilometer 9,9 zeigte die Uhr die erste Nachkommastelle an, ich versuchte trotzdem, so selten wir möglich aufs Display zu gucken. Noch zwei Kilometer, die S-Bahn-Haltestelle am botanischen Garten. Von hier könnte man jetzt ohne Umsteigen nach Hause fahren - aber jetzt war das Ziel zum Greifen nah. Problem: Wir mussten durch den Tunnel unter den Gleisen. Kurze Treppe oder lange Rampe? Wir entschieden uns für die Treppe, doch schon auf der ersten Stufe schoss mir ein heftiger Schmerz durch Wade und Achillessehne. Autsch, was war das? Egal, es geht nur noch bergab, an die Elbe, ins Ziel.

Die letzten beiden Kilometer durch den Park, auch sie zogen sich noch einmal. Schritt für Schritt, Meter für Meter - und dann war er plötzlich zu sehen, auf der anderen Straßenseite der Elbchaussee: der Zielbogen. Wir hatten es geschafft, wir sind 100 Kilometer rund um unsere Heimatstadt marschiert. Organisator Marco Kamischke begrüßte mich namentlich, obwohl wir uns bisher nicht kannten und nur mal kurz Mailkontakt hatten - er hatte die ganze Nacht über meine Statusmeldungen auf Facebook verfolgt. Nun fragte er uns, wie es denn war, da draußen, auf der langen Strecke, durch die lange Nacht. "Wir haben es unterschätzt", antworteten wir. Und Marco lachte: "Wie alle Triathleten und Läufer!"

Nur 613 von 3.500 im Ziel

Eine Woche später. Ich habe viele Geschichten und Erlebnisse vom Megamarsch 2018 in Hamburg gelesen. Jede ist einzigartig, ob sie nun 20, 40, 60, 80 oder 100 Kilometer lang ist. Nur 613 der 3.500 gemeldeten Megamarschler haben am 8. April das Ziel nach 100 Kilometern erreicht (und dürfen sich laut Urkunde nun offiziell "mega" nennen). Viele derer, denen das (noch) nicht vergönnt war, haben es sich für das nächste Jahr vorgenommen. Und alle, die es bis ins Ziel geschafft haben, berichten von den gleichen Problemen: Muskelschmerzen, die schnell, und Sehnenschmerzen, die langsam wieder weggehen. Riesige Blasen an den Füßen, egal ob mit Wanderschuhen oder (wie wir) Laufschuhen.  Das Wissen, dass man es nicht ohne langes Leiden bis ins Ziel schaffen kann. Das gehört einfach dazu. Und die Erkenntnis: Wandern ist ein verdammt harter Sport! Das, was wir hier durchgemacht haben, wird uns sicher helfen - demnächst, beim Marathon oder Triathlon. Wenn wir dann, wenn die Schmerzen kommen, sagen können: Es sind doch nur noch 14 Kilometer und keine 14 Stunden mehr!