Zwischen Himmel und Hölle

Drei Tage vor der Ironman-Weltmeisterschaft 2017 wird Tim Don beim Radtraining von einem Auto angefahren, bricht sich das Genick, aber überlebt. Um seine Karriere nicht auf diese Weise beenden zu müssen, nimmt Don einen Leidensweg auf sich, der sprachlos macht.

Von > | 25. Mai 2018 | Aus: SZENE

Zur Stabilisierung des Halofixateurs wurden vier Schrauben aus Titan in die äußere Lamelle von Tim Dons Schädelknochen geschraubt.

Zur Stabilisierung des Halofixateurs wurden vier Schrauben aus Titan in die äußere Lamelle von Tim Dons Schädelknochen geschraubt.

Foto >on-running.com

Der vollbesetzte Kinosaal ist seelenruhig. Alle schauen gebannt auf die Bühne vor der Leinwand und lauschen der Stimme von Tim Don: „Natürlich hat mich dieses Erlebnis verändert, dieser Weg war so unglaublich schwer. Wenn ich das jetzt alles nochmal sehe und zurückdenke ...“ Die Stimme des Briten bricht, ihm kommen die Tränen. Die Zuschauer fangen an frenetisch zu klatschen und zu jubeln. Der Respekt vor dem ­unglaublichen Weg, den Tim Don in den vergangenen Monaten gegangen ist, steht den Zuschauern in die tief beeindruckten Gesichter geschrieben.

Die Langstrecke ruft

Nach seiner erfolgreichen ITU-Zeit kehrt er 2012 schließlich der Kurzdistanz den Rücken und fokussiert sich auf die Langstrecken – mit Erfolg. 19 Mal steht Tim Don bei Ironman-70.3-Rennen auf dem Podium. Zwölf dieser Rennen gewinnt er, zweimal belegt er Platz drei bei der Ironman-70.3-Weltmeisterschaft. Seine erste Langdistanz, den Ironman Mallorca 2014, gewinnt Don prompt. Es folgen Rang 15 bei der Ironman-WM auf Hawaii 2015 und der zweite Platz beim Ironman Brasilien 2016. 

Der gebürtige Londoner behält seinen stetigen Aufwärtstrend bei und setzt ein Jahr später in der Saison 2017 gleich mehrere Ausrufezeichen: Im März und April gewinnt Don die Ironman-70.3-Rennen in Campeche und Liuzhou. Beim Ironman 70.3 St. George, den er als ­letzten Härtetest für seinen ­Ironman in Brasilien bestreitet, wird er Vierter hinter Alistair Brownlee, Lionel Sanders und ­Sebastian Kienle. Den Ironman ­Brasilien drei Wochen später ­gewinnt der Brite nicht nur, er dominiert ihn. Nach einer unglaublichen Radzeit von 4:06:56 Stunden läuft Don den abschließenden Marathon in 2:44:46 Stunden und bricht mit einer Gesamtzeit von 7:40:23 Stunden den Ironman-­Rekord von ­Lionel Sanders (mittlerweile wurde Dons offizieller Ironman-Rekord vom US-Amerikaner Matt Hanson beim etwas zu kurzen Ironman Texas 2018 um 58 Sekunden unterboten). Und mit seiner außergewöhnlichen Leistung in Brasilien bestätigt Don, dass man ihn für die Ironman-Weltmeisterschaft 2017 auf der Rechnung haben sollte. In Vorbereitung auf den wichtigsten Wettkampf des Jahres in Kailua-Kona siegt er noch bei der Challenge San Gil in ­Mexiko und wird hinter ­Javier ­Gomez und Ben Kanute Dritter bei der Ironman-70.3-WM in ­Chattanooga. Alles verläuft nach Plan. „Wenn du hierher kommst, musst du davon überzeugt sein, dass du wenigstens um das Podium kämpfen kannst. Und ich glaube fest daran, dass ich das Zeug dazu habe. In diesem Jahr mehr als jemals zuvor“, sagt Tim Don am 9. Oktober 2017 auf ­Hawaii im ­Interview, ohne auch nur ansatzweise zu ahnen, dass er es in diesem Jahr nicht an die Startlinie des wichtigsten Triathlons der Welt schaffen würde. 

Vier Wochen vor seinem lebensgefährlichen Unfall belegte Don noch den dritten Platz bei der Ironman-70.3-WM in Chattanooga.

Vier Wochen vor seinem lebensgefährlichen Unfall belegte Don noch den dritten Platz bei der Ironman-70.3-WM in Chattanooga.

Foto >Peter Jacob / spomedis

Von Titelkampf zu Todesangst

Denn der 11. Oktober 2017 ändert nicht nur Tim Dons Pläne für den Ironman Hawaii, sondern sein gesamtes Leben. „Der Tag begann ziemlich entspannt. Ich bin morgens zum Kaffeeboot geschwommen und etwas später mit dem Rad aufgebrochen“, erinnert sich Don zurück. Auf dem Queen K Highway, der Wettkampfstrecke des Ironman Hawaii, wird der Brite außen in der Radspur während der Fahrt von einem abbiegenden Wagen erfasst, knallt auf den heißen Asphalt und bleibt bewusstlos liegen. „Als ich wieder die Augen öffnete, mich nicht bewegen konnte und die ganzen Menschen und Ärzte um mich herum sah, war meine erste Frage, ob ich drei Tage später beim Rennen starten könne. Dann sagte man mir, dass mein Genick gebrochen sei – und ich wusste, dass ich nun weitaus größere Sorgen habe.“ Tim Don hatte Glück, denn der Unfall hätte ihn auf der Stelle das Leben kosten können.

Der Brite bricht sich die Axis, den zweiten Wirbel im Kopfgelenkbereich, auch C2 genannt. Diese Verletzung kennt man aus den vergangenen Jahrhunderten von Menschen, die bei einer Hinrichtung gehängt wurden. Don bekommt eine Halsmanschette, wird ruhig gestellt und anschließend in seine Heimat Boulder geflogen. „Bei der Landung in Boulder habe ich die Situation überhaupt erst so richtig realisiert. Wenige Stunden zuvor war ich nur mit der Frage beschäftigt, ob ich es dieses Jahr in Kona aufs Podium schaffe. Und wenig später lag ich dann da – ­bewegungsunfähig im Krankenhaus. Glücklich darüber, überhaupt noch am Leben zu sein, und gleichzeitig voller Ungewissheit, ob ich jemals wieder gehen oder laufen kann ..."

Das ganze Porträt über Tim Don und seine Comeback-Geschichte gibt es in der triathlon 160 zu lesen. Erhältlich am Kiosk oder digital.