Berlin-Marathon – ich bin dabei! Auf dem Sofa.

Der Start zu meinem geplanten Saisonhöhepunkt 2018, dem Berlin-Marathon, ist soeben erfolgt – und ich bin mit dabei. Mit meiner Startnummer 39457 … liege ich auf dem Sofa. Das hatte ich mit ganz anders vorgestellt!

Von > | 16. September 2018 | Aus: TRAINING

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle über meine Triathlonsaison 2017 gebloggt. Über eine Saison, in der vieles nahezu perfekt gelaufen ist. Eine Saison, in der ich mich von 0 Leistungsniveau auf 9:40 Stunden beim Ironman Hamburg katapultiert habe. Und eine Saison, die bei mir die Lust auf mehr entfacht hat – wenn auch nicht gleich in diesem Jahr. Ich bin ja noch jung und habe Zeit …

Der Start zu meinem geplanten Saisonhöhepunkt 2018, dem Berlin-Marathon, ist soeben erfolgt – und ich bin mit dabei. Mit meiner Startnummer 39457 … liege ich auf dem Sofa. Das hatte ich mir anders vorgestellt! Doch fangen wir ganz vorn an. Die Saison 2018 war schon immer anders geplant als die des letzten Jahres mit den beiden Höhepunkten bei den Ironman-Rennen in Hamburg und Italien. Dieses Jahr wollte ich deutlich weniger trainieren – mein Beruf und mein Privatleben haben so viele andere Dinge und Herausforderungen zu bieten, dass ich nicht alles erneut dem Sport unterordnen konnte. Und auch nicht wollte. 

Ich wollte aber an meinen Schwächen arbeiten, mich in allen Disziplinen fit halten, um eines Tages wieder angreifen zu können – und von einem höheren Niveau als bei meinem unsportlichen Neustart am Jahresende 2016 wieder angreifen zu können. Vor allem im Laufen wollte ich mich verbessern – in der Technik und im Speed. Das Saisonziel war eine neue persönliche Bestzeit in einer Einzeldisziplin. Ich wollte meine Marathonbestzeit. Die alte datierte aus der Mitte der 90er-Jahre und lag bei 2:59 Stunden.

Die Vorbereitung auf dieses Ziel lief eine Weile auch sehr gut. Bis zu diesem Krampf in der rechten Adduktoren-Muskulatur beim Radfahren auf Mallorca im April. Nur ein Krampf, dachte ich – und vergaß ihn schnell. Zu diesem Krampf muss man aber wissen, dass ich wenige Tage zuvor bei einem anderen Event am Start war, das viele (und auch ich) zuvor gar nicht als Sportveranstaltung in dem Sinne, wie wir Triathleten sie verstehen, eingeordnet hatten. Ich bin gewandert. Oder sagen wir besser: marschiert. Einmal um meine Heimatstadt, der Megamarsch rund um Hamburg. 100 Kilometer, nonstop. 3.500 sind gestartet, 600 haben gefinisht, ich war einer davon. Und hatte das ganze Ding total unterschätzt.

Wenige Tage später kam es also zu diesem Krampf. Den Muskel spürte ich auch danach hin und wieder. Und zwei Monate später, nach der aktiven Streckenbesichtigung des Schwimmkurses am Tag vor dem Ironman 70.3 Kraichgau, kam er wieder, der Krampf. Und auch danach noch das eine oder andere Mal. Ich versuchte es mit Dehnen, der Faszienrolle – machte mir aber keine weiteren Gedanken und lernte damit zu leben, dass dieser kleine Muskel sich gelegentlich mal zu Wort meldet und seinen 43-Jährigen Herrn und Gebieter um etwas Pflege bittet. Im Training und Wettkampf wie beim Ironman 70.3 Finnland und dem Hamburg-Triathlon, wo ich im Sprint, auf der Olympischen Distanz und in einer Staffel an den Start ging, machte das keine weiteren Probleme.

Das Ganze ging auch gut bis zum großen Sommerurlaub in Schweden. Nun waren es noch zwei Monate bis zum heutigen Berlin-Marathon und das Lauftraining wurde spezifischer. Und hochfrequenter, da mein Rad zu Hause blieb. Und aus dem leichten Gelegenheitsschmerz im medialen Oberschenkel wurde langsam einer, der bis in den Bauch zog, sich dort wie ein Muskelkater anfühlte und dauerhaft blieb. Da er sich beim Laufen aber meistens nach kurzer Zeit löste, machte ich mir weiter wenig Gedanken – und lief weiter.

Nach dem Urlaub im Norden flog ich in den Süden, um beim Allgäu-Triathlon auf einer zweiten Mitteldistanz anzutreten. Mein Ziel waren hier weder Zeit noch Platzierung, sondern einen guten Film aus Teilnehmersicht zu drehen. Das klappte, doch im Ziel bekam ich einen heftigen Hustenanfall – begleitet von  starken Stichen im Bauch. Und ich beschloss, das doch endlich mal näher untersuchen zu lassen.

Und so lag ich zehn Tage später im Hamburger Uniklinikum in einer surrenden Röhre für eine MRT-Untersuchung meines Beckens. Und die zeigte eine eindrucksvolles Bild: Mein Beckenknochen glühte förmlich. Eine Osteitis pubis ist die Diagnose, mit der ich nun auf dem Sofa liege und die Liveübertragung aus Berlin anschaue. Schambeinentzündung. Und da an jenem Beckenknochen eine Menge Muskeln ansetzen, passt das auch zu meinem krampfenden Muskel. Es hängt alles mit allem zusammen. Und mein größtes Learning aus der Saison 2018 ist, dass ich zukünftig mehr in meinen Körper hereinhören werde. Ich bin gerade 44 Jahre alt geworden – und keine 42 mehr wie damals, als ich mich auf den Ironman Hamburg vorbereitet habe.

Eine solche Osteitis behandelt man vor allem mit zwei Dingen: Physiotherapie und Geduld. Mit dem Physiotherapeuten André vom UKE Athleticum komme ich der Ursachenforschung und Strategieentwicklung langsam, aber erfolgversprechend näher. Mit der Geduld ist es nicht so einfach, ich kenne mich nur zu gut und die Prognose, dass sich der Heilungsprozess über Wochen oder Monate ziehen kann, ist die Hölle für mich. Zum Glück steht ja bald der Ironman Hawaii an, die Berichterstattung darüber erfordert Energie und Ehrgeiz – und davon habe ich gerade eine ganze Menge über. Eigentlich wollte ich rund um Hawaii neue Ziele benennen, die sich im Sommer so langsam herauskristiallisiert hatten. Ich wollte die Leser meines Blogs mitnehmen auf eine neue sportliche Reise: Ich kann nur Finisher oder Vollgas, dazwischen gibt es nichts, so ticke ich.

Diese Zieldefinition muss nun warten, mit dem Bloggen werde ich trotzdem beginnen – denn dass es mal nicht so läuft, wie man sich das eigentlich vorgestellt hat, kennen viele von euch. Ich starte also nun hier auf dem Sofa, wehmütig auf den Fernseher und die Übertragung aus Berlin schauend, mein persönliches Projekt #comebackstronger – und lade alle Leser dazu ein, mich dabei zu begleiten. Lasst uns das Jahr 2019 sportlich rocken! Wann und wo, entscheiden wir später.

PS: Meine Startnummer habe ich dann doch abgeholt auf der eindrucksvollen Marathon-Expo am Tempelhofer Flughafen. Und die meiner Kinder, die gestern den Minimarathon gelaufen sind. Vom Potsdamer Platz über die Leipziger Straße, Unter den Linden durch das Brandenburger Tor ins Ziel auf der Straße des 17. Juni. Und zwar nicht wie so oft in unserer und anderen Familien als Nebenprogramm des Marathonstarts vom Papa, sondern als sportliche Hauptdarsteller dieses Wochenendes. Sie und ich werden dieses Abenteuer Berlin-Marathon 2018 nie vergessen!