Die Sucht nach Kontrolle:
Essstörungen im Triathlon

Eine gesunde Ernährung und ein athletischer Körper sind für Topleistungen im Sport unabdingbar. Doch was ist, wenn das Essverhalten zwanghaft wird? Essstörungen sind ein Tabuthema und kommen dennoch immer häufiger vor. Der Entstehungsprozess ist oft schleichend, die gesundheitlichen Folgen dramatisch.

“Um die Beste zu werden, musste ich dünner werden. Und dünner. Und dünner. Ich habe angefangen, mich zu ritzen, und hatte Selbstmordgedanken. Ich hatte drei Jahre lang keine Periode und fünf verschiedene Knochenbrüche.“ Das sagt Mary Cain, eine der talentiertesten Läuferinnen der USA, in einem Video der New York Times über ihre Zeit beim Nike Oregon Project. Dass ein hoher Leistungsdruck weitreichende Konsequenzen mit sich bringen kann, wird anhand dieses Beispiels deutlich. Die Folgen werden jedoch gesellschaftlich als Tabu behandelt und es dauert in der Regel lang, bis sich Betroffene offen damit auseinandersetzen. Eine manifestierte Essstörung ist nur die Spitze des Eisbergs.

Noch Diät oder schon Krankheit?

Essstörungen können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein, doch die zwei Krankheitsbilder der Magersucht und Bulimie müssen insbesondere im Zusammenhang mit Ausdauersport genauer betrachtet werden. Die lateinischen Fachbegriffe „Anorexia nervosa“ für Magersucht und „Bulimia nervosa“ für Bulimie verdeutlichen bereits, dass es sich um psychische Krankheiten handelt – wörtlich übersetzt  handelt es sich um eine nervliche Appetit­losigkeit beziehungsweise nervlichen Heißhunger. Die Ursachen dieser Erkrankungen sind extrem vielschichtig. Betroffene sind häufig perfektionistisch veranlagt und finden mit der Krankheit eine Möglichkeit, Kontrolle über den eigenen Körper zu erlangen und somit das Selbstbewusstsein zu ­steigern. Im Gegensatz zu psychisch bedingten Auslösern sind die Auswirkungen von Essstörungen körperlicher Natur. Diese können gravierend sein: Eine Magersucht endet bei etwa zehn Prozent der Erkrankungsfälle tödlich und kann nur bei etwa der Hälfte vollständig geheilt werden. Betroffene streben nach einem dünnen Erscheinungsbild, das sie mit allen Mitteln erreichen wollen. Das Gewicht ist auch der Faktor, nach dem eine Magersucht klinisch diagnostiziert wird. Ausschlaggebend ist der Body-Mass-Index (BMI). Er wird berechnet, indem man das Körpergewicht durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat dividiert. Ein Ergebnis zwischen 18,5 und 25 steht für Normalgewicht, der kritische Wert für eine Magersucht liegt bei 17,5 beziehungsweise darunter. Hier kommt es häufig zu einer sogenannten Körperschemastörung, bei der sich die Erkrankten mit einer gestörten Selbstwahrnehmung auch im extremen Untergewicht noch als zu dick empfinden und panische Angst vor einer Gewichtszunahme haben.

- Anzeige -

Diese psychischen Symptome sind bei einer Bulimie sehr ähnlich. Während Magersüchtige allerdings durch eine extrem niedrige Kalorienzufuhr, exzessiven Sport, den Missbrauch von Abführmitteln, Erbrechen oder durch eine Kombination aus alldem ihr Gewicht immer weiter reduzieren, haben Bulimie-Patienten mit regelmäßigen Fress­anfällen zu kämpfen. Diese Anfälle haben nichts mit „ein bisschen über die Stränge schlagen“ zu tun, wie es wohl jeder mal von Feiertagen oder besonderen Anlässen kennt. Bei einer Bulimie werden innerhalb eines kurzen Zeitraums unkontrolliert große Mengen gegessen, die schnell einmal 10.000 Kilokalorien haben können. Der Kontrollverlust verstärkt wiederum die Angst vor einer Gewichtszunahme und es wird mit Erbrechen versucht, den Kalorienüberschuss auszugleichen. Bei einer Bulimie liegt kein Untergewicht vor, was eine Diagnose umso schwerer macht.

Eine weitere Essstörung ist die sogenannte Anorexia athletica, also eine sportinduzierte Magersucht, die allerdings klinisch nicht als Krankheit anerkannt und klassifiziert ist. Das Ziel ist auch hier, ein möglichst niedriges Gewicht zu erreichen, dieses soll jedoch gleichzeitig zu einer Verbesserung der sportlichen Leistung führen. Der Gewichtsverlust wird zwar gezielt herbeigeführt, ist aber zeitlich begrenzt geplant, beispielsweise vor dem Saisonhöhepunkt. Danach wird zum gewohnten Essverhalten zurückgekehrt und auch eine Gewichtszunahme akzeptiert. Das klingt erst mal unproblematisch. Wenn sich auf dieser Gratwanderung allerdings alles nur noch um Kalorien, die Makronährstoffverteilung und den Körperfettanteil dreht, ist die Gefahr groß, dass die vermeintliche Selbstbeherrschung außer Kontrolle gerät und sich aus der gewünschten Leistungssteigerung eine Krankheit entwickelt.

Keine Einzelfälle

„Gar nicht so wenige der Athleten, die ich betreue, machen sich Gedanken um ihr Gewicht“, sagt Caroline Rauscher. Die Ernährungsexpertin betreut Profi- und Hobbysportler und sorgt dafür, dass sie mit einer optimalen Nährstoffzufuhr an der Startlinie stehen. Anders als bei klassischen Essstörungen, von denen Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer, ist diese Verteilung bei Athleten anders. Caroline ­Rauscher kann das bestätigen: „In meiner täglichen Arbeit sind es oft eher Männer, die sich sehr intensiv mit ihrem Körpergewicht auseinandersetzen und immer mehr abnehmen wollen, obwohl sie schon schlank sind.“ In einigen Sportarten ist ein niedriges Gewicht grundsätzlich vorteilhaft und mit einer ­besseren Leistung verbunden. Ausdauersport gehört dazu – wer wenig Körperfett hat, läuft schneller. Das ist nicht per se falsch, doch Verallgemeinerungen können gefährlich sein. „Der optimale Körperfettanteil ist sehr individuell und sollte nicht mit aller Gewalt so niedrig wie möglich gehalten werden“, sagt auch Rauscher.

Besonders in Zeiten von Instagram und Co. sind von solchen perfektionistischen Ansprüchen keinesfalls nur Profis betroffen. Durchtrainierte Körper können nicht nur in der Wechselzone, sondern auch rund um die Uhr im Internet bewundert werden. Das eigene Training und Aussehen werden hinterfragt und ständig verglichen – sei es mit ­Hawaii-Siegern oder dem fitten Trainings­kollegen.

Alarmzeichen und Auswirkungen

Was anfangs noch zur Motivation beiträgt, kann schnell in einen selbst auferlegten Leistungsdruck umschlagen. Das sagt auch Professor Ulrich ­Voderholzer, ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. Als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie hat er täglich mit essgestörten Patienten zu tun. „Diäten sind bei einer entsprechenden psychischen Veranlagung grundsätzlich immer ein Risikofaktor, eine Essstörung zu entwickeln“, so Voderholzer. Wenn sich alles nur noch um die vermeintlich perfekte Ernährung dreht, diese den Alltag bestimmt und vielleicht sogar soziale Kontakte darunter leiden, sollten die Alarmglocken läuten. Auch die vielleicht anfangs positiven körperlichen Auswirkungen einer Ernährungsumstellung können sich ab einem gewissen Punkt ins Negative umkehren und zwanghaft werden. „Eine zunächst leistungsorientierte Gewichtsabnahme kann außer Kontrolle geraten und die Leistungsfähigkeit sinkt“, sagt ­Voderholzer.

Die verminderte Leistungsfähigkeit ist nur der Anfang eines gefährlichen Teufelskreises und ­eines der ersten Anzeichen, bei dem die Ernährung und das Training hinterfragt werden sollten. Der Teufelskreis hat einen Namen: „Relative Energy Deficiency in Sports“, kurz RED-S Syndrom. Die ­Grundproblematik besteht darin, dass Energieaufnahme und -verbrauch in einem Ungleichgewicht stehen – ob das Defizit bewusst herbeigeführt wird oder nicht, ist dabei erst mal egal. „RED-S ist nicht zwangsläufig mit einer psychisch bedingten Essstörung verbunden. Viele Athleten nehmen auch aus Unwissenheit zu wenige Kalorien auf“, sagt Caroline Rauscher. Die Konsequenzen seien letztendlich dieselben. Durch ein dauerhaftes Kaloriendefizit gerät der gesamte Hormonhaushalt durcheinander und es treten Mangelerscheinungen auf. Besonders Schilddrüsen- und Sexualhormone sowie der Eisenstoffwechsel seien betroffen, sagt Rauscher. All diese Faktoren wirken sich wiederum auch auf den Bewegungsapparat und insbesondere die Knochengesundheit aus, was zu Ermüdungsbrüchen führen oder diese in Verbindung mit intensivem Training begünstigen kann. Regeneration und Muskelwachstum verschlechtern sich, das Immunsystem wird geschwächt. Langfristig können ­Osteoporose und auch Depressionen die Folge sein. Ein Modell, das dem RED-S-Syndrom vorausging, ist die sogenannte „Female Athlete Triad“, die sich nur auf Frauen bezieht und insbesondere die Wechselwirkung aus geringer Energieverfügbarkeit, menstruellen Dysbalancen und der Knochengesundheit beschreibt.

Das RED-S-Syndrom schließt männliche und weibliche Athleten ein und verdeutlicht, dass sich eine Unterversorgung nicht nur auf die ­Gesundheit von Frauen massiv ­auswirkt. Yvonne van Vlerken hat die negativen Auswirkungen am eigenen Leib erfahren. Die Niederländerin beendete im vergangenen Jahr ihre Profikarriere und sprach einige Wochen danach offen über die Problematik, die im Sport nach wie vor als Tabu behandelt wird. „Das Thema wird häufig auf die leichte Schulter genommen. Selbst Ärzte haben mich nie auf die Gefahren hingewiesen“, sagt van Vlerken. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr die Zeit vor ihrem Sieg bei der Challenge Roth 2007: „Mein damaliger Partner, ein sehr ambitionierter Hobbyathlet, hatte in seiner Jugend eine schwere Essstörung und eine ganz andere Ernährung als ich. Ich habe mich dadurch total unter Druck gesetzt und war nicht mehr ich selbst.“ Der jahrelange Leistungssport hat Spuren hinterlassen: Ein gestörter Hormonhaushalt und vorzeitige Wechseljahre haben Yvonne van Vlerken letztendlich zum Karriereende bewegt. Als Trainerin gibt sie nun ihr Wissen weiter und will insbesondere Frauen wachrütteln. Ein Ereignis, das sie selbst wachgerüttelt und sensibilisiert hat, war das Verhalten einer Trainingspartnerin im Trainingslager. „Wir hatten einen sehr intensiven Tag hinter uns, an dem wir mehr als acht Stunden trainiert haben. Als wir beim Abendessen saßen und ich ihr Milchreis zum Nachtisch mitgebracht habe, hat sie richtig panisch reagiert und gesagt, dass sie das doch jetzt nicht essen könne“, erzählt sie.

Dem Teufelskreis entkommen

Was kann man tun, um der Negativspirale zu entkommen oder gar nicht erst hineinzugeraten? „Ab einem gewissen Punkt sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden“, sagt Professor ­Voderholzer. Er kennt die Probleme seiner Patienten genau: „Wenn sich das Essverhalten und die Beschäftigung damit unmittelbar auf das Leben auswirken, ist eine Therapie ratsam“, sagt der Mediziner. Sie sei aber nur sinnvoll, wenn der oder die Betroffene auch motiviert ist, etwas am Verhalten zu ändern. ­Voderholzer hat auch Erfahrungen mit Sportlern, die durch extremen Leistungsdruck krank geworden sind – sowohl psychisch als auch körperlich. Diese Erfahrungen zeigten, dass es ein erster nötiger Therapieschritt sei, die sportliche Aktivität stark einzuschränken oder sogar eine komplette Sportpause einzulegen, damit sich der Körper erholen könne, sagt Voderholzer. Das Trainingspensum ist in solchen Fällen ein weiterer Stressfaktor, der zu privaten und beruflichen Verpflichtungen hinzukommt.

Damit es dazu gar nicht erst kommt, ist es zunächst wichtig, alarmierende Verhaltensweisen zu erkennen und körperliche Anzeichen richtig zu deuten. Allgemein lässt sich sagen, dass Extreme problematisch sind. Auf das Gewicht und die Ernährung zu achten, ist in Ordnung, den Alltag davon bestimmen zu lassen, nicht. Intensiv und umfangsbetont zu trainieren ist kein Problem, diese Trainingsphasen aber gleichzeitig bewusst zum ­Abnehmen zu nutzen, schon. Die ­Gesundheit sollte immer an erster Stelle stehen. „Die Signale des Körpers müssen unbedingt beachtet werden. Grenzen sollte man akzeptieren und sich nicht mit radikalen Diäten darüber hinwegsetzen“, betont Caroline Rauscher. Wer sich antriebslos fühlt, im Training nicht vorankommt oder häufig verletzt ist, sollte nicht nur an Übertraining denken, sondern auch die Nährstoffzufuhr hinterfragen. Schaut man sich die Studienlage an, scheint diese nämlich der entscheidendere Faktor zu sein, um sämtliche Systeme in ­Balance zu halten. Die tägliche Kalorienmenge, die dafür notwendig ist, liegt bei mindestens 30 Kilokalorien pro Kilogramm fettfreier Masse. Bei einem Gewicht von 75 Kilogramm und 15 Prozent Körperfett wären das 1.920 Kilokalorien pro Tag. Das ist nicht allzu viel. Doch es handelt sich hierbei ja auch um einen Minimalwert, der auch dann keinesfalls unterschritten werden darf, wenn Sie tatsächlich auf eine vernünftige Art und Weise Ihr Gewicht optimieren wollen. Neben einem Ernährungs­tagebuch gibt auch ein Blutbild Aufschluss über eine mögliche Unterversorgung, die dann bei Bedarf supplementiert werden muss. Orientieren Sie sich nicht an unrealistischen Vorbildern und passen Sie Ihre Ernährung an Ihren individuellen Bedarf an. Die eigene Gesundheit sollte das kostbarste Gut sein und ein Sixpack oder eine Zahl auf der Waage sind es nicht wert, diese aufs Spiel zu setzen.


Alarmzeichen

Anhand der folgenden Merkmale können Sie überprüfen, ob Sie bereits ein problematisches Essverhalten haben oder gefährdet sind, eine Essstörung zu entwickeln.

  • Gedanken kreisen ständig um Essen, Gewicht und Kalorien
  • Vernachlässigung sozialer Kontakte
  • Angst vor einer Gewichtszunahme
  • Gestörte ­Wahrnehmung des Körpers (Körperschemastörung)
  • Streng kontrollierte Nahrungsaufnahme
  • Selbst auferlegte Essens­regeln, von denen man nicht abweichen kann (z. B. bei ­Essenseinladungen, beson­deren Anlässen etc.)
  • Schlechtes Gewissen, wenn man glaubt, zu viel gegessen zu haben

Hilfe für Betroffene

Die gute Nachricht ist: Wer ­unter einer Essstörung leidet, kann ­Hilfe bekommen. Der ­erste Schritt zur Selbsthilfe ist, sich ­jemandem anzuvertrauen. Wer ein Problem erkennt und offen ­darüber spricht, kann hierbei die Motivation für eine Verhaltensänderung finden. Zahlreiche hilfreiche Informationen und Adressen finden Sie online beispielsweise unter anad.de. Das Bundesinstitut für Sportwissenschaften hat sich konkret dem Thema „Essstörungen im Leistungssport“ angenommen und hierzu einen umfangreichen Leitfaden für Athleten und Trainer herausgegeben. Wenn Sie selbst in Ihrem ­Umfeld, beispielsweise bei Trainingspartnern, auffällige ­Verhaltensweisen beobachten, sollten Sie ­diese ebenfalls direkt zur Sprache bringen. Wichtig ist hierbei, die Beden­ken nicht als Vorwurf zu formulieren, sondern lediglich Beobachtungen zu schildern und durch Nachfragen Interesse zu signalisieren.

Erhalte Updates direkt auf dieses Gerät – abonniere jetzt.

Das könnte dir auch gefallen
2 Kommentare
  1. Marcus Bingenheimer

    Hallo, ist das noch ein Artikel aus einer alten Zeitschrift??

    1. Anna Bruder

      Hallo Marcus, der Artikel ist in der triathlon 177 erschienen.

Hier kannst du diesen Beitrag kommentieren

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.