Siegen ist Kopfsache

Kennen Sie Paula Newby-Fraser? Sie ist die weltweit erfolgreichste Triathletin auf der Langdistanz. Sie gewann viel – dann scheiterte sie.
Ihre Geschichte ist eine Inspiration für uns alle und dafür das Scheitern dazu gehört.

Von > | 1. August 2018 | Aus: TRAINING

Paula Newby-Fraser ist die weltweit erfolgreichste Triathletin auf der Langdistanz.

Paula Newby-Fraser ist die weltweit erfolgreichste Triathletin auf der Langdistanz.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Scheitern auf dem Weg zum Erfolg

Paula war nicht aus dem Nichts gekommen. Sie war bei ihrer ersten Ironman-Weltmeisterschaft 1985 Dritte geworden. Im Jahr darauf hatte sie das Rennen gewonnen. Zu Beginn der Saison 1988 zählte Paula zu den Top-3-Triathletinnen der Welt. Aber nichts, was sie zuvor geleistet hatte, hatte den Sport auf ihre Wahnsinnsleistung beim Ironman 1988 vorbereitet, wo sie sich als einer der weltbesten Triathleten etablierte. Punkt. Mit ihrer Siegerzeit hätte sie jede Ironman- Weltmeisterschaft bis 1983 sofort gewonnen, und ihre Bestmarke sollte in den nächsten 20 Jahren von keiner anderen Frau unterboten werden. Nachdem sie an der Spitze angekommen war, errichtete Paula sich dort einen Thron. Sie gewann 1989 ihren dritten Ironman-Titel, wurde 1990 Zweite hinter ihrer Erzrivalin Erin Baker und setzte dann zum Höhenflug an. 1991 schlug sie Baker um 17 Minuten. Im darauffolgenden Oktober setzte sie den Streckenrekord auf 8:55:28 Stunden herunter und gewann das Rennen mit 26 Minuten Vorsprung. 1993 finishte sie erneut unter neun Stunden, und 1994 holte sie sich ihren vierten Ironman-Titel in Folge, ihren siebten insgesamt. Doch je mehr Paula erreichte, desto unzufriedener wurde sie. Das flammende Erstaunen, das ihre dominanten Siege früher einmal bei Triathlonfans und Journalisten hervorgerufen hatte, war zu einem kühlen Abnicken bestätigter Erwartungen geworden. Sie nannten sie »Königin von Kona« (Queen of Kona), ein Titel, der, obwohl er durchaus wertschätzend gemeint war, Paula das Gefühl gab, dass hier etwas als gegeben angesehen wurde. Als ob ihre Ironman-Siege keine Leistung mehr wären, sondern ein Geburtsrecht.

Gewinnen wurde zur Pflicht

Sogar die Menschen, die ihr nahestanden, betrachteten Paula als eine Art unbesiegbaren Cyborg. »Meine Freunde sagten: ›Ich brauche dir ja nicht einmal Glück zu wünschen‹«, erzählte Paula in einem Interview 2010. »›Es ist für dich ein Klacks zu gewinnen.‹« Sie dachten, es sei einfach. Aber das war es nicht. 1993 schränkte eine Knöchelverletzung Paulas Lauftraining stark ein. Sie musste alles geben, was sie hatte, um den Ironman in diesem Jahr zu gewinnen, aber ihr Biss fand kaum Beachtung. Stattdessen wurde ihr unübertroffenes Talent gelobt – das stumpfe Glück, bei der Geburt das große Gen-Los gezogen zu haben. Nach dem Ironman 1994 beschloss Paula, etwas zu verändern. Sie wollte die Leute wieder in Erstaunen versetzen, wie sie es vor sechs Jahren getan hatte. Sie wollte ihren Ironman-Streckenrekord brechen – oder besser: ihn pulverisieren – und wieder einmal die Top-Männer dieses Sports herausfordern, die seit 1988 viel schneller geworden waren. Aber um diese Vorhaben umzusetzen, entschied Paula, dass sie nicht einfach so weitertrainieren würde wie bisher. Sie würde etwas anderes ausprobieren. Bevor sie Afrika verlassen hatte, um in den USA ihre Karriere als professionelle Triathletin zu beginnen, hatte Tim Noakes, ein renommierter Sportwissenschaftler an der Universität von Kapstadt, Paula unter seine Fittiche genommen gehabt. Noakes hatte ihr geraten, minimalistisch zu trainieren, also nur das zu tun, was unbedingt notwendig war, um zu gewinnen. Paula hatte sich ihre gesamte Laufbahn über daran gehalten, und es hatte gut funktioniert. Ihr »Weniger ist mehr«-Trainingsansatz unterschied sich ziemlich von dem der meisten anderen Triathlonprofis dieser Zeit, die sich mit immer umfangreicheren Trainingsbelastungen förmlich überboten. 1984 sagte der zweimalige Ironman-Champion Scott Tinley der Zeitschrift Triathlete: »Es scheint, als ob jedes Jahr der Einsatz höher würde. Vor ein paar Jahren machten wir 300 Meilen [pro Woche] auf dem Rad, und das war viel. Letztes Jahr waren es 400. Jetzt scheint 500 die magische Zahl zu sein. Jeder von uns hat das Gefühl, er müsse mehr machen als die anderen. Ich bin nicht sicher, ob das der richtige Trainingsansatz ist, um besser zu werden. Keiner weiß es wirklich.«