Ein Weltmeister, der seine Karriere beendet, ein emotionaler zweiter Platz und drei überraschende Top-Fünf-Platzierungen: Nach der Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii sprechen die fünf schnellsten Männer über ihre Rennentscheidungen und die Bedeutung ihrer Erfolge.
Vincent Luis hat gerade die Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii gewonnen und er ist sich sicher: Es hätte keinen besseren Moment für das Ende seiner Karriere geben können. Neben ihm sitzt Gustav Iden, der nach einer beeindruckenden Aufholjagd nur knapp an seinem zweiten Kona-Titel vorbeigeschrammt ist und im Ziel von seinen Emotionen überwältigt wurde. Matthew Marquardt hat sich einen Traum erfüllt, Gregory Barnaby seine eigenen Leistungsgrenzen verschoben und Pierre Le Corre nach einer schwierigen Zeit neue Motivation gefunden. Auf der Pressekonferenz nach einem außergewöhnlichen Rennen sprechen die fünf Erstplatzierten über ihre Entscheidungen auf der Strecke und darüber, warum auf Hawaii bis zum letzten Kilometer alles möglich bleibt.
Vincent Luis: „Ich möchte aufrecht gehen, nicht auf meinen Knien“
Vincent Luis kann sein Lächeln auch auf der Pressekonferenz kaum verbergen. Der Franzose hat bei seiner ersten Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii den Titel gewonnen. Mit 7:47:27 Stunden setzte er sich in einem dramatischen Marathon gegen Gustav Iden und die übrige Konkurrenz durch. Auf der Laufstrecke hatte Luis sein Rennen immer wieder neu bewerten müssen. Zunächst versuchte er einzuschätzen, wie stark Kristian Blummenfelt tatsächlich noch war. Als der Norweger zu ihm aufschloss, unterhielten sich beide kurz. Luis bemerkte dabei, dass Blummenfelt weniger angriffslustig wirkte als gewohnt. Er versuchte deshalb, selbst das Tempo zu bestimmen. Trotzdem glaubte er zwischenzeitlich, dass Platz zwei das bestmögliche Ergebnis sein würde. Als er hörte, dass Gustav Iden von hinten näher kam, korrigierte er seine Erwartungen sogar auf Rang drei.
Dann wendete sich das Rennen erneut. Der lange führende Magnus Ditlev bekam Schwierigkeiten und musste gehen. Luis übernahm die Spitze. Dass er am Ende tatsächlich Weltmeister wurde, führt Luis auch auf seine konsequente Vorbereitung zurück. Zehn Wochen lang habe er sich vollständig auf Hawaii konzentriert. Auf die Ironman-70.3-WM in Nizza verzichtete er bewusst, um den entscheidenden Trainingsblock nicht zu unterbrechen. Dass er nun seine Karriere beendet, sieht er durchweg positiv: „Ich möchte auf den Füßen stehend abtreten, nicht auf den Knien.“
Gustav Iden: „Ich habe alles gegeben, was ich hatte“
Gustav Iden war nach dem Radfahren eigentlich schon davon ausgegangen, dass der Weltmeistertitel außer Reichweite sei. Mehr als neun Minuten Rückstand auf die Spitze, dazu eine dreiminütige Zeitstrafe auf dem Rad: Die Ausgangslage für den Weltmeister von 2022 hätte deutlich besser sein können. Doch mit dem schnellsten Marathon in 2:36:58 Stunden arbeitete sich der Norweger immer weiter nach vorn. Als er erfuhr, dass zunächst Sam Laidlow und später auch Magnus Ditlev große Schwierigkeiten bekamen, begann er wieder an seine Chance zu glauben. Zwischenzeitlich verringerte sich sein Rückstand auf Luis auf rund 30 Sekunden. Doch auf den letzten Kilometern musste Iden erkennen, dass er den Franzosen nicht mehr erreichen würde. „Ich habe alles gegeben, was ich hatte. Am Ende war ich einfach froh, überhaupt ins Ziel zu kommen. Dieses Rennen ist brutal.“
Besonders emotional wurde es für Iden unmittelbar nach dem Zieleinlauf. Er hatte ein spezielles Rennoutfit getragen, um an seine Mutter zu erinnern, die drei Jahre zuvor an Krebs gestorben war. Während des Wettkampfs habe er die Gefühle weitgehend ausgeblendet und sich auf seine Leistung konzentriert. Erst auf der Ziellinie brachen die Emotionen aus ihm heraus. „Ich bin froh, dass ich nicht schon während des Rennens durch das Weinen noch mehr Flüssigkeit verloren habe“, sagt er mit einem Lächeln. Es sei ein ganz besonderer Tag gewesen. Dass er im Gedenken an seine Mutter einen Podiumsplatz erreichen konnte, bedeutet ihm entsprechend viel.
Matthew Marquardt: „Das Rennen ist erst vorbei, wenn es vorbei ist“
Matthew Marquardt braucht noch etwas Zeit, um seinen dritten Platz zu realisieren. „Nach dem Rennen hat man eine Mischung aus Gehirnnebel und einer extremen Menge Koffein im Körper“, beschreibt der US-Amerikaner seinen Zustand. Mit 7:49:59 Stunden steht er erstmals als Profi auf dem Podium der Ironman-Weltmeisterschaft. Dabei hatte Marquardt während des Rennens einige Rückschläge zu verkraften. Auf der Radstrecke erhielt er eine dreiminütige Zeitstrafe, kämpfte sich anschließend aber wieder in die Spitzengruppe zurück. Beim Marathon versuchte er zunächst, sich ausschließlich auf sein eigenes Tempo zu konzentrieren.
Wie eng die Entscheidung war, bekam er durch die Informationen von der Strecke mit. Zwischenzeitlich hieß es, Gustav Iden liege nur noch rund 50 Sekunden vor ihm. „Das hätten genauso gut zehn Meilen sein können“, sagt Marquardt. Schon 2022 hatte Marquardt auf Hawaii seine Altersklasse gewonnen. Vier Jahre später steht er als Profi auf dem WM-Podium. Ein Geheimnis für diese Entwicklung sieht er vor allem in seiner Beständigkeit. Viel Zeit zum Feiern bleibt dem angehenden Mediziner ohnehin nicht. Bereits am Mittwoch reist er nach Los Angeles, um auf einer medizinischen Konferenz eigene Forschungsergebnisse vorzustellen.
Gregory Barnaby: „Ich dachte, ich werde hier komplett einbrechen“
Gregory Barnaby kennt die Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii bereits. Nach Platz sechs im Jahr 2024 verbessert sich der Italiener diesmal auf Rang vier. Mit einer Gesamtzeit von 7:51:02 Stunden fehlt ihm zwar erneut ein Stück zum Podium, dennoch ist er mit seinem Rennen ausgesprochen zufrieden. Besonders intensiv verlief sein Duell mit Matthew Marquardt. Die beiden wechselten während des Marathons mehrfach die Positionen und zwangen sich gegenseitig, immer wieder auf schwierige Phasen zu reagieren.
Nach einer Saison mit Krankheit, einem Sturz in Frankfurt und der erst spät gesicherten WM-Qualifikation beim Ironman Kalmar ist der vierte Platz für Barnaby ein versöhnlicher Abschluss. Ein anschließender Trainingsblock in Livigno hatte ihm das nötige Selbstvertrauen gegeben. Nun ist er seinem ersten Hawaii-Podium wieder ein Stück näher gekommen.
Pierre Le Corre: „Vielleicht entfacht dieses Rennen das Feuer für nächstes Jahr“
Für Pierre Le Corre endet seine erste Ironman-Weltmeisterschaft mit einem fünften Platz. Der Franzose hatte sich bei seinem erst zweiten Ironman vor allem eines vorgenommen: nicht von seinem Plan abzuweichen. „Ich hatte ziemlich großen Respekt vor der Insel, weil ich wusste, wie hart es hier werden kann“, erzählt er. Deshalb orientierte er sich konsequent an seinen Leistungswerten und seiner Herzfrequenz.
Dass er am Ende deutlich besser abschnitt als mit dem erhofften Top-Ten-Ergebnis, bedeutet Le Corre besonders viel. Nach den Olympischen Spielen 2024 hatte er zwischenzeitlich sogar darüber nachgedacht, den Triathlonsport aufzugeben. Auch in den vergangenen Monaten fiel es ihm immer wieder schwer, sich für das Training zu motivieren. „Aber ich habe versucht, die Disziplin aufrechtzuerhalten und trotzdem trainieren zu gehen“, sagt er. Dass ihn diese Einstellung nun auf den fünften Platz einer Weltmeisterschaft gebracht hat, könnte auch für seine Zukunft entscheidend sein. „Vielleicht entfacht dieses Rennen das Feuer für nächstes Jahr.“