Die Ironman-Weltmeisterschaft 2026 ist Geschichte – und sie war ein Lehrstück. In der neuen Folge des Podcasts von power & pace blicken Coach Björn Geesmann und Frank Wechsel aus Coaching-Sicht auf das Rennen von Kona zurück: auf kollabierende Favoritinnen, auf eine Verpflegungsstation, die womöglich die WM entschieden hat, und auf die Frage, was Altersklassenathletinnen und -athleten aus alldem für das eigene Training mitnehmen können. Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Folge – zum direkten Umsetzen.

Wer sich für die kommende Saison etwas vorgenommen hat, bekommt in dieser Episode reichlich Material: Es geht um Energiehaushalt und Körperkerntemperatur, um Pacing am Limit, um die neue Leistungsdichte an der Spitze wie in der Breite – und um die vielleicht überraschendste Antwort auf die Frage, was es für eine Hawaii-Qualifikation wirklich braucht.
Keine Verstecke mehr: Was die 20-Meter-Regel mit dem Energiehaushalt macht
Schon das Schwimmen zeigte, wie eng es an der Spitze zugeht: Bei den Männern kam eine gefühlt 25-köpfige Gruppe innerhalb von rund einer Minute aus dem Wasser. Früher wäre das die Einladung zum Verstecken auf dem Rad gewesen – heute nicht mehr. Durch die 20-Meter-Regel und die Kontrolle per Race Ranger sei der Windschatteneffekt auf ein Minimum zusammengeschrumpft, erklärt Coach Björn von powerandpace.de in der Folge: Jeder müsse sein eigenes Rennen fahren.
Wie groß der Unterschied zu früher ist, macht er an einer Anekdote fest: Vor Jahren habe Boris Stein hinter Cameron Wurf – noch unter der alten 12-Meter-Regel – den inoffiziell schnellsten Radsplit des Tages mit im Schnitt 237 Watt erzielt, bei einer Schwellenleistung von rund 420 Watt. Das sei faktisch Ausruhen gewesen. In diesem Jahr brauchte es auf dem windigen Rückweg von Hawi sinngemäß eher 280 Watt und mehr – und das hat Folgen für die Verpflegung: Der Kohlenhydratverbrauch steigt mit der Leistung überproportional, da könnten schnell 50 bis 80 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde mehr fällig werden. Die Lehre für Agegrouper: Die Verpflegungsstrategie muss zur tatsächlich getretenen Leistung passen – und will im Training genauso geübt sein wie Schwimmen, Radfahren und Laufen.
Der wahre Gegner heißt Körperkerntemperatur
Neben dem Energiehaushalt kämpft auf Hawaii jeder gegen einen zweiten Faktor: die eigene Körperkerntemperatur. Der Spielraum ist klein, erklärt der Coach – irgendwo bei 40 bis 41 Grad schaltet der Körper ab. Und zwar nicht im Sinne von „man wird langsamer“, sondern buchstäblich: Genau das war bei Magnus Ditlev zu sehen, der das Männerrennen lange anführte, bei Lucy Charles-Barclay und bei Titelverteidigerin Solveig Løvseth, die in Führung liegend auf dem letzten Kilometer einbrach. So dramatisch die Bilder aussahen: Dass die medizinischen Betreuer Løvseth weitermachen ließen, zeige, dass es schlimmer aussah, als es war – solche Szenen gehören zum Mythos dieses Rennens seit jeher dazu.
Cool bleiben – wörtlich: die Szene, die das Frauenrennen entschied
Die vielleicht lehrreichste Szene des Tages spielte sich an einer Verpflegungsstation ab: Solveig Løvseth überholte dort die spätere Siegerin Taylor Knibb – weil Knibb bewusst langsam machte, sich kühlte und verpflegte, während Løvseth schnurstracks durchlief. In dem Moment sah es aus, als gewinne Løvseth dort das Rennen. In der Rückschau, sagt Geesmann, könne man fast sagen: Vielleicht hat sie es genau dort verloren. Für alle Altersklassenathleten ist das die Kernbotschaft schlechthin: Die Sekunden, die eine konsequente Kühl- und Verpflegungsroutine an jeder Station kostet, sind keine verlorene Zeit – sie sind eine Investition in die letzten zehn Kilometer.
Pacing auf dünnem Eis
Wie schmal der Grat an der Spitze geworden ist, zeigen die Abstände: Zwischen Platz eins und zwei lagen bei den Männern eineinhalb Minuten (O-Ton Björn: „einmal ein Dixi-Stopp“), das gesamte Podium trennten nur rund zweieinhalb Minuten, und darin steckten sogar noch zwei Drei-Minuten-Zeitstrafen. Wer gewinnen will, muss das dünne Eis betreten – mit dem Risiko einzubrechen. Dass zwei Jahre in Folge Favoritinnen kurz vor dem Ziel kollabierten, sei deshalb kein Zeichen mangelnder Lernfähigkeit, sondern Ausdruck dessen, wie eng Sieg und Scheitern beieinanderliegen. Für das eigene Rennen gilt die abgeschwächte Variante: Wer ein konkretes Ziel hat, muss kalkuliert ins Risiko gehen – und akzeptieren, dass es auch mal schiefgeht. Beispiele lieferte das Rennen ebenfalls: Sam Long kam als 42. aus dem Wasser und kämpfte sich im Alleingang noch auf Rang sechs, Laura Philipp fuhr komplett allein einen der schnellsten Radsplits des Tages und wurde Zweite – während Kat Matthews mit einer Viertelstunde Rückstand auf dem Rad das Rennen trotz zweitschnellster Laufzeit de facto dort schon verlor.
Konstanz schlägt alles – und beginnt beim Physiotherapeuten
Was braucht es, um sich für Hawaii zu qualifizieren? Geesmanns Antwort aus dem Jahr 2017 gilt für ihn bis heute – sinngemäß: ein guter Physiotherapeut. Dahinter steckt eine simple Logik: Konstanz im Training ist mit Abstand der wichtigste Erfolgsfaktor – und in diese Konstanz spielen viele Dinge hinein, die auf den ersten Blick nichts mit Schwimmen, Radfahren und Laufen zu tun haben: Physiotherapie, Athletiktraining, Mobilität, Alltags- und Trainingsernährung, Schlaf. Wer diese unscheinbaren Stellschrauben pflegt, bleibt verletzungsfrei im Training – und genau das entscheidet über die Entwicklung über Jahre hinweg.
Agegrouper werden immer professioneller
Dass dieser Ansatz in der Breite längst angekommen ist, zeigte Kona in diesem Jahr eindrucksvoll. Das Niveau der Altersklassen sei enorm hoch gewesen, auch bedingt durch das neue Qualifikationssystem, das starke Leistungen in den Qualirennen besser belohnt. Die Trainingsdaten des TEAM GERMANY KONA26 sprechen dieselbe Sprache: In den mittleren Altersklassen finden sich kaum Qualifizierte, die weniger als 10.000 Radkilometer oder 2.000 Laufkilometer im Jahr trainieren. Und eine Studie aus dem Medical Tent liefert den vielleicht schönsten Beleg für die Professionalisierung: Die Zahl der Krampf-Fälle ist in rund 40 Jahren um etwa 40 Prozent zurückgegangen – weil Verpflegungsstrategie, Pacing und Kühlung heute auch im Agegroup-Feld zum Standard gehören.
Blick hinter die Kulissen: Profis als Solo-Selbstständige
Hörenswert ist auch der Exkurs in die Ökonomie des Profisports: Jeder Profi sei im Grunde ein Solo-Selbstständiger, der Coach, Physio, Bikefitter und Reisekosten selbst stemmen muss – ein Hawaii-Start kostet im Umfeld schnell einen soliden vierstelligen Betrag allein für die Begleitung, und sinngemäß nach Anne Haug gilt: Alles jenseits von Platz zwei ist ein Zuschussgeschäft. Wer verstehen will, warum Profis welche Rennen auswählen und wie Coaching-Modelle zwischen Fixum und Preisgeldbeteiligung funktionieren, bekommt hier seltene Einblicke.
Alle Details, Anekdoten und Zahlen – vom Kawaihae-Trauma des Coaches bis zur Frage, was das Rennen für die Altersklassen-Umrechnungsfaktoren der kommenden Jahre bedeutet – gibt es in der kompletten Folge: power & pace, der Trainingspodcast von powerandpace.de – jetzt überall hören, wo es Podcasts gibt.
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