## Warum Kona?
Kona ist für mich das große Highlight unseres Sports – der Ort, an dem wahrscheinlich fast jeder Langdistanz-Triathlet irgendwann einmal sein möchte.
Als man die Ironman-Weltmeisterschaft noch nicht einfach überall streamen konnte, haben wir uns mit einigen Triathlonfreunden jedes Jahr gefragt: Wer von uns hat den besten Internetanschluss? Wobei selbst der beste Anschluss damals noch ziemlich miserabel war. Wir trafen uns dann mit ungefähr sechs Leuten, übertrugen das Rennen irgendwie vom Computer auf einen Beamer und saßen gemeinsam vor der Leinwand. Jeder trug sein Finisher-Shirt einer Langdistanz, dazu gab es – natürlich – Toast Hawaii. Wir schauten so lange zu, bis uns irgendwann die Augen zufielen.
Kona war für uns alle ein großer gemeinsamer Traum. Leider konnte ihn sich nicht jeder aus dieser Runde erfüllen. Einer unserer Freunde ist inzwischen viel zu früh verstorben. Andere wurden durch Verletzungen ausgebremst oder entschieden sich bewusst gegen die hohen Kosten, die mit einer Qualifikation und der Reise nach Hawaii verbunden sind.
Bei mir reichte es sportlich lange einfach nicht. Bei meinem ersten Ironman 2006 war ich 41 Jahre alt. Ich erzielte später zwar gute persönliche Zeiten – 2008 beispielsweise 10:10 Stunden in Frankfurt –, doch in meinen damaligen Altersklassen waren einige Athleten deutlich schneller. Für die Qualifikation musste man sehr weit vorne landen, und das gelang mir nicht.
Vielleicht wollte ich es damals auch zu sehr. Ich war verkrampft, setzte mich unter Druck und glaubte, Kona unbedingt erzwingen zu müssen. Genau diese Lockerheit, die ich heute habe, fehlte mir damals.
Als ich mit 60 Jahren in Kalmar an den Start ging, war die Qualifikation deshalb gar nicht der eigentliche Plan. Kona wäre schön gewesen – ein „Nice-to-have“ –, aber nicht mehr etwas, das ich unbedingt erzwingen wollte. Ich wollte mir selbst eine Langdistanz zum 60. Geburtstag schenken, den Tag erleben und ins Ziel kommen.
Und genau mit dieser Entspanntheit hat es plötzlich geklappt.
Das ist etwas, das ich am Älterwerden sehr schätze: Man wird sicher nicht in jeder Situation gelassener, aber manches kann man mit deutlich mehr Abstand betrachten. Vielleicht war genau diese Lockerheit am Ende der entscheidende Unterschied.
Nun darf ich tatsächlich an dem Ort starten, von dem wir früher gemeinsam vor einer flimmernden Beamerleinwand geträumt haben – im Finisher-Shirt, mit schlechtem Internet und Toast Hawaii in der Hand.
Meine Story
Motivation
Ganz unsportlich war ich vorher allerdings nicht. In meiner Jugend und bis ins junge Erwachsenenalter hatte ich Mannschaftssport betrieben. Später ging ich in den Außendienst und führte von da an ein eher ungesundes Leben mit wenig Sport. Dann lernte ich meine Frau kennen, die sehr sportlich war und bis heute ist. 1997 begann ich wieder mit regelmäßigem Sport – zunächst mit dem Mountainbike.
Meine Triathlongeschichte begann 2001 – und zunächst überhaupt nicht sportlich. Nach einer trockenen Lungenentzündung waren meine Blutwerte schlecht. In dieser Zeit las ich das Buch „Vom Junkie zum Ironman“ von Andreas Niedrig. Bis dahin hatte ich vom Triathlon zwar schon einmal gehört, mich aber nie wirklich mit diesem Sport beschäftigt. Trotzdem löste das Buch etwas in mir aus. Ich fasste einen Entschluss: So etwas möchte ich auch schaffen.
Ich hatte keinen Trainer, keinen strukturierten Plan und eigentlich überhaupt keine Ahnung, wie man für einen Triathlon trainiert. Also erstellte ich mir selbst einen Trainingsplan in Excel. Nicht nach Belastungssteuerung, Trainingsbereichen oder sportwissenschaftlichen Erkenntnissen. Ich überlegte lediglich, wie ich Schwimmen, Radfahren und Laufen möglichst sinnvoll über die Woche verteilen könnte. Alles wurde ordentlich und farblich gekennzeichnet – das sah professionell aus, hatte aber noch kein wirkliches System. Es gab mir trotzdem ein gutes Gefühl, und vor allem brachte es mich dazu, anzufangen.
2002 absolvierte ich meine ersten Volksdistanzen. Danach folgte die olympische Distanz und schließlich 2005 meine erste Mitteldistanz. Vor diesem Rennen hatte ich mir selbst ein Versprechen gegeben: Wenn ich es schaffe, die Mitteldistanz in weniger als sechs Stunden zu finishen, melde ich mich für einen Ironman an.
Ich blieb unter sechs Stunden. Noch im August meldete ich mich deshalb für den Ironman Klagenfurt 2006 an. Damit wurde aus einer spontanen Idee ein ernsthaftes Ziel.
Mein Weg verlief allerdings nicht ohne Unterbrechungen und gesundheitliche Rückschläge. 2023 wollte ich wieder bei einem Triathlon starten. Doch im Januar wurde bei mir Vorhofflimmern festgestellt. Dieses wurde mit einer Katheterablation behandelt. Danach nahm ich den Sport wieder auf und arbeitete mich Schritt für Schritt zurück.
Meine Motivation war dabei nie nur eine bestimmte Zeit oder Platzierung. Ich wollte herausfinden, wozu man in der Lage sein kann, wenn man sich ein Ziel setzt, sich auf den Weg macht und auch dann weitermacht, wenn längst nicht alles perfekt geplant ist.
Aus dem ersten Entschluss nach einer Lungenentzündung wurde ein Weg, der mich über mehr als zwei Jahrzehnte durch den Triathlonsport geführt hat. Fast 25 Jahre später führt mich dieser Weg nun tatsächlich an den Ort, von dem wahrscheinlich jeder Langdistanz-Triathlet irgendwann einmal träumt: zur Ironman-Weltmeisterschaft nach Kona.
Stolzester Moment
## Mein stolzester Moment
Mein stolzester sportlicher Moment war das Finish meiner ersten Langdistanz beim Ironman Klagenfurt 2006.
Ich hatte mich weitgehend selbst vorbereitet – mithilfe von Büchern und meinem selbst erstellten Trainingsplan. Einen Trainer hatte ich nicht. Zum Geburtstag 2005 bekam ich einen Trainingstag mit Lothar Leder geschenkt, den ich 2006 vor Klagenfurt einlöste. Von ihm erhielt ich noch einige konkrete Trainingsempfehlungen, die ich anschließend während eines Trainingsaufenthalts auf Mallorca umsetzte. Trotzdem blieb es im Wesentlichen mein eigenes Projekt: herauszufinden, ob ich eine Langdistanz tatsächlich schaffen kann.
Natürlich machte ich dabei auch typische Anfängerfehler. Ich hatte für das Rad zwar einen Ersatzschlauch, sogar einen Ersatzreifen und eine CO₂-Kartusche dabei. Nur der notwendige Aufsatz für die Kartusche fehlte. Bei einem Platten hätte ich also vermutlich alles wechseln können – nur Luft hätte ich anschließend keine in den Reifen bekommen. Zum Glück musste ich diese Erfahrung nicht machen.
Meine Ernährungsstrategie war dagegen bereits erstaunlich gut. Schon damals setzte ich vor allem auf flüssige Kohlenhydrate und achtete darauf, zusätzlich Mineralstoffe aufzunehmen. Dieses Grundprinzip habe ich bis heute beibehalten und über die Jahre lediglich weiter verfeinert.
Die mit Abstand größte Herausforderung war für mich jedoch das Schwimmen. Ich habe davor nicht nur Respekt, sondern wirklich eine Heidenangst. Ich bin kein Wasserfreund. Selbst im Sommerurlaub gehe ich normalerweise höchstens bis zur Hüfte ins Wasser. Bei jedem Triathlon ist das Schwimmen deshalb für mich die allergrößte mentale Hürde.
Umso stolzer war ich, als ich bei meiner ersten Langdistanz trotz einiger Orientierungsschwierigkeiten nach 1:07 Stunden aus dem Wasser kam. Allein das fühlte sich bereits wie ein großer persönlicher Sieg an.
Am 16. Juli 2006 waren in Klagenfurt zwei sehr gute Freunde, meine Mutter und natürlich meine damals hochschwangere Frau dabei. Es war ein sehr warmer Tag, und sie begleiteten und unterstützten mich über viele Stunden entlang der Strecke.
Als ich schließlich nach 10:27 Stunden und ein paar Zerquetschten das Ziel erreichte, war ich stolz wie Bolle. Nicht nur auf die Zeit, sondern vor allem darauf, dass ich dieses große Ziel tatsächlich durchgezogen hatte. Aus einer Idee, einigen Büchern und einem ziemlich unorthodoxen Trainingsplan war mein erstes Ironman-Finish geworden.
Dieser Moment war für mich nicht nur der stolzeste, sondern auch einer der schönsten in meiner gesamten Zeit als Triathlet.
Oliver goes Hawaii: Meine Kona-Quali
Die Langdistanz in Kalmar hatte ich mir selbst zu meinem 60. Geburtstag geschenkt. Die Qualifikation für Hawaii war dabei gar nicht der eigentliche Plan – sie ist am Ende einfach passiert.
Seit 2002 betreibe ich Triathlon, mit einigen Unterbrechungen, in denen unsere Familie und vor allem unser Sohn ganz bewusst im Mittelpunkt standen. Ein Start auf Hawaii war trotzdem immer ein großer Traum.
Das Schwimmen in Kalmar verlief für mich erstaunlich gut. Gerade das Freiwasserschwimmen ist für mich normalerweise die größte Herausforderung eines Wettkampfs – eigentlich ist nichts so schlimm wie das Schwimmen. Umso erleichterter war ich, als ich gut aus dem Wasser kam.
Auf dem Rad lief es trotz des über weite Strecken starken Gegenwinds richtig gut. Frank Wechsel von tri-mag, der gemeinsam mit seinem Sohn Jonas am Start war, dürfte sich an die rund 100 Kilometer Gegenwind ebenfalls noch gut erinnern.
Der Marathon wurde dagegen zu einer einzigen Tortur. Bereits vor dem Wettkampf hatte ich Probleme mit den Hamstrings und war irgendwann nur noch froh, überhaupt weiterlaufen zu können. Meine Frau sagte später, ich hätte beim Laufen noch nie so schlecht ausgesehen und sie habe fest damit gerechnet, dass ich aufgeben würde. Das beschreibt diesen Marathon wahrscheinlich besser als jede Zwischenzeit.
Aber ich bin nicht ausgestiegen. Ich habe mich bis ins Ziel durchgekämpft – und am Ende hat es tatsächlich für die Qualifikation gereicht. Nicht geplant, nicht erwartet, aber umso schöner.
Kalmar ist für mich ein wunderschöner Wettkampf. Die Begeisterung und Unterstützung des Publikums stehen Roth aus meiner Sicht kaum nach – vielleicht mit Ausnahme des legendären Solarer Bergs. Wenn meine Frau irgendwann noch einmal zustimmt, würde ich sehr gerne wieder dort starten.
Jetzt freue ich mich riesig darauf, dass mein langjähriger Traum wahr wird: 2026 beim IRONMAN auf Hawaii an der Startlinie zu stehen.
Hawaii wird für uns aber nicht nur sportlich etwas ganz Besonderes. Nach 28 Jahren Ehe habe ich meiner Frau noch einmal einen Antrag gemacht. Wenige Tage nach dem Rennen werden wir am Mauna Kea Beach unser Eheversprechen erneuern – nicht standesamtlich oder mit einer Urkunde, sondern in einer ganz persönlichen Zeremonie nur für uns. Damit verbinden sich auf Hawaii zwei große Herzenswünsche: mein Traum vom Start in Kona und unser erneutes Ja zueinander.
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