Jetzt ist es offiziell: Die Deutsche Triathlon Union (DTU) hat gemeinsam mit weiteren DOSB-Mitgliedsverbänden Prof. Dr. Martin Engelhardt als Kandidaten für das Amt des DOSB-Präsidenten nominiert. Gewählt wird am 5. Dezember 2026 auf der Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes in Frankfurt am Main.

DTU-Präsident Prof. Martin Engelhart (Osnabrück) bewirbt sich um Amt des DOSB-Präsidenten. Für den Orthopädie-Chefarzt, der die DTU in zwei Amtszeiten über insgesamt mehr als ein Vierteljahrhundert geführt hat, ist es der Griff nach dem höchsten Ehrenamt des deutschen Sports. Ein Porträt – und ein Blick darauf, wie sich das, was Engelhardt über die Jahre gesagt hat, mit der Zeit verändert hat.
Der Quereinsteiger
Am Anfang stand nicht der Funktionär, sondern der Sportler. Martin Engelhardt war Bundesligaschwimmer, kam während seines Frankfurter Medizinstudiums übers Rad zum Ausdauersport und stieß Mitte der 1980er-Jahre eher zufällig auf den Triathlon: ein Volkstriathlon in Koblenz. „Zu kurz“, wie er damals fand, weshalb er für denselben Tag gleich noch eine Radtourenfahrt plante – und sie nach dem Rennen dann doch nicht mehr antrat. 1985 gründete er den Triathlon-Verein Deutscher Ärzte und Apotheker mit Sitz in seiner Heimatstadt Hanau, 1987 stand er selbst beim Ironman Hawaii am Start. Im selben Jahr, nur zwei Jahre nach Gründung der DTU, fragte ihn der damalige Präsident Dr. Joachim Fischer, ob er das Amt übernehmen wolle. Engelhardt sagte zu – mit 27 Jahren.
„Als ich von der Wahl nach Hause kam, mit gerade erst 27 Jahren als Präsident des Verbands, dachten alle, ich sei verrückt“, erinnerte er sich 2017 im Gespräch mit der triathlon. Aus heutiger Sicht liest sich dieser Satz wie der Auftakt zu einer der längsten Funktionärslaufbahnen des deutschen Sports.
Erste Amtszeit (1987–2001): der Aufbau
Vierzehn Jahre lang, von 1987 bis 2001, lenkte Engelhardt in seiner ersten Amtszeit die Geschicke des jungen Verbands – ehrenamtlich, aber faktisch in Vollzeit. „Ich war im Grunde täglich in der Geschäftsstelle bei Darmstadt“, schilderte er später. In diese Jahre fallen die entscheidenden Weichenstellungen: der Aufbau einer professionellen Geschäftsstelle, die Einführung einer Hauptamtlichkeit, die Eingliederung der ostdeutschen Landesverbände nach der Wiedervereinigung – und vor allem die Aufnahme des Triathlons ins olympische Programm, die das IOC 1994 für Sydney 2000 beschloss und die die DTU mit vorantrieb. 2001 übergab Engelhardt das Amt des Verbandspräsidenten an Dr. Klaus Müller-Ott, der bis dato als Vizepräsident für die Öffentlichkeitsarbeit der DTU verantwortlich war.

Worauf er stolz sei, fragten wir Engelhardt 2008. Seine Antwort: „Zunächst einmal bin ich stolz, dass die Entwicklung als Gemeinschaftswerk von vielen Beteiligten gelungen ist.“ Und mit Blick auf die Veranstalter, die schon damals fragten, was ihnen der Verband bringe, fügte er hinzu: „Wir haben den gesamten Sport professionell aufgebaut … Anders hätte sich der Sport nicht so entwickeln können – und damit auch nicht die heutigen Verdienstmöglichkeiten der professionellen Veranstalter.“ Ein Satz von 2008, der bis heute trägt: Das Spannungsverhältnis zwischen Verband und kommerziellen Veranstaltern prägt den Sport weiterhin, wobei heutzutage auch der Verband selbst zunehmend als Veranstalter großer Triathlonevents auftritt. Eine zeitgemäße Professionalisierung unter Professor Engelhardt.
Die Jahre dazwischen (2001–2011): Sorge aus der Distanz
Nach 2001 folgten unruhige Jahre. Auf Müller-Ott (bis 2007) kamen in rascher Folge Rainer Düro (2008), Claudia Wisser (2008–2010, die sich zu Engelhardts Erzfeindin entwickeln sollte) und Dr. Reinhold Hemker (2010–2011). Juristische Auseinandersetzungen lähmten den Verband, 2010 stand die DTU trotz des Olympiagolds von Jan Frodeno in Peking 2008 ohne Sponsoreneinnahmen kurz vor der Insolvenz.
Engelhardt verfolgte das als Ehrenpräsident aus der Distanz – mit wachsender Unruhe. „Ich verhehle nicht, dass die Entwicklung der DTU mich mit Sorge umgibt. Ich hoffe, dass sich die konstruktiven Kräfte durchsetzen und es eine positive Entwicklung aus dieser Krise gibt“, sagte er 2008. Dieser Satz ist das vielleicht beste Beispiel dafür, wie ein Zitat von der Zeit eingeholt wird: Was damals als bange Hoffnung formuliert war, ist heute erledigt – weil Engelhardt die Wende wenig später selbst herbeiführte.
Zweite Amtszeit (seit 2011): Rettung und Rekordjahr
2009 kehrte Engelhardt zunächst als Präsident des Hessischen Triathlon Verbands (HTV) in die Verbandspolitik zurück, im November 2011 übernahm er zum zweiten Mal das Präsidentenamt der DTU. Rückblickend wählte er 2017 deutliche Worte für seine Beweggründe: „Die DTU entwickelte sich für mein demokratisches Verständnis damals in eine katastrophale Richtung. Deshalb habe ich erst vom Landesverband Hessen aus eine Mehrheit gegen die damalige Präsidentin organisiert und wenig später dem Drängen meines alten Weggefährten Reinhold Häußlein nachgegeben.“
Gemeinsam mit dem neuen hauptamtlichen Geschäftsführer Matthias Zöll brachte er den finanziell angeschlagenen Verband zurück in ruhiges Fahrwasser. Was als Rettungsaktion begann, mündete in das erfolgreichste Jahr der Verbandsgeschichte: 2024, mit Olympia-Gold der Mixed-Staffel in Paris, zwei Ironman-Weltmeistern und drei Paralympics-Medaillen. „Wir sind stolz auf die letzten zwei Jahre, insbesondere 2024 war ein Vorzeigejahr für den deutschen Triathlon“, bilanzierte Engelhardt Anfang 2025 zum 40. Geburtstag der DTU. Doch er fügte sofort die Kehrseite an: „Aber wir dürfen uns auf keinen Fall darauf ausruhen. Um unseren Nachwuchs steht es so schlecht wie lange nicht mehr.“
Diese Sorge ums Fundament zieht sich wie ein roter Faden durch sein Wirken – anders als 2008 ist sie heute aber nicht mehr existenziell, sondern strategisch. „Spanien und Frankreich sind weit an uns vorbeigezogen“, warnte er 2025 mit Blick auf die Nachwuchsförderung, und forderte zugleich Mut zu neuen Formaten: „Mixed Relay ist beispielsweise ein tolles Format … Andererseits müssen wir kreativ bleiben und immer neue Ideen einbringen.“
Die Präsidenten der Deutschen Triathlon Union (DTU)
| Name | Amtszeit | |
|---|---|---|
| 1 | Dr. Joachim Fischer | 1985–1987 |
| 2 | Dr. Martin Engelhardt | 1987–2001 |
| 3 | Dr. Klaus Müller-Ott | 2001–2007 |
| 4 | Rainer Düro | 2008 |
| 5 | Claudia Wisser | 2008–2010 |
| 6 | Dr. Reinhold Hemker | 2010–2011 |
| 7 | Prof. Dr. Martin Engelhardt | seit 2011 (amtierend) |
Der Netzwerker – und was aus einem Satz von 2017 wurde
2017 beschrieb Engelhardt seine Rolle so: „Aus dem Tagesgeschäft bin ich weitgehend raus. Ich wirke noch bei Grundsatzentscheidungen mit, übernehme repräsentative Aufgaben und helfe im Hintergrund mit meinem über Jahrzehnte aufgebauten Netzwerk.“ Damals klang das fast nach einem geordneten Rückzug. Aus heutiger Sicht war es das Gegenteil: Im Dezember 2024 wurde der Orthopäde und Chefarzt am Klinikum Osnabrück in einer Stichwahl zum DOSB-Vizepräsidenten gewählt, er arbeitet an der deutschen Olympiabewerbung für 2036, 2040 oder 2044 mit – und nun hat ihn die DTU gemeinsam mit weiteren Mitgliedsverbänden offiziell für das Präsidentenamt des Dachverbands nominiert. Das „über Jahrzehnte aufgebaute Netzwerk“ war kein Ruhekissen, sondern ein Sprungbrett.
Bemerkenswert gut gealtert ist dagegen ein anderes Zitat. Schon 2008 beschrieb Engelhardt, was ein Verbandspräsident mitbringen müsse: „Ein Verbandspräsident muss fachlich kompetent sein, viel Zeit haben und diese auch ehrenamtlich einsetzen. Er muss alle Interessenlagen zusammenführen und die Leute mitnehmen … motivieren, Konflikte im positiven Sinne entschärfen, Streit aushalten können.“ Was er vor fast zwei Jahrzehnten als Anforderungsprofil für das DTU-Präsidium formulierte, liest sich heute wie seine eigene Bewerbungsrede für das höchste Amt im deutschen Sport, für das Engelhardt Zeit haben muss. Hauptberuflich verabschiedet sich der Orthopäde im kommenden März in den Ruhestand. Und hinter den Kulissen machen sich bereits Kandidaten stark für die Neuwahlen um das Amt des DTU-Präsidenten, das Engelhardt im Falle einer Wahl zum DOSB-Präsidenten wohl aufgeben müsste.
Jetzt ist es offiziell: Die Nominierung
Am 21. Oktober 2026 reichte die DTU gemeinsam mit weiteren Mitgliedsverbänden den Wahlvorschlag für Engelhardt beim DOSB ein. Vorausgegangen war am Wochenende die einstimmige Unterstützung von Präsidium und Landesverbänden. Die Entscheidung fällt am 5. Dezember 2026 auf der DOSB-Mitgliederversammlung in Frankfurt am Main.
„Der große Zuspruch aus den Gremien meines Verbands freut und berührt mich sehr. Mit dieser Unterstützung bin ich gleichermaßen demütig und motiviert, mich um das Amt des DOSB-Präsidenten zu bewerben. Ich möchte dem deutschen Sport ein Angebot machen, in dem sich seine Vielfalt wiederfindet – mit einem Sportplan für Deutschland, den wir gemeinsam mit der Politik umsetzen.“
Prof. Dr. Martin Engelhardt, DTU-Präsident
Engelhardt bringt eine ungewöhnliche Bandbreite mit: 50 Jahre ehrenamtliches Engagement vom Schwimmverein bis zum olympischen Spitzenverband, seit 2000 den Vorsitz im Trägerverein der sportwissenschaftlichen Institute IAT Leipzig und FES Berlin sowie zwei Olympische Spiele (2004 und 2008) als Leitender Orthopäde der deutschen Mannschaft. Seine Tätigkeit als Chefarzt am Klinikum Osnabrück endet am 31. März 2027 – danach, so betont er, stehe er dem DOSB „ohne berufliche Verpflichtungen und ohne geschäftliche Interessen im Sport“ zur Verfügung.
„Martins Kernkompetenzen in Gesundheit und Prävention sowie im Leistungssport haben, gepaart mit seinen Führungsqualitäten, unseren Verband geprägt und ihm national wie international große Anerkennung eingebracht.“
Simon Weißenfels, Vizepräsident Leistungssport der DTU
Es ist bemerkenswert, wie gut dazu ein Satz aus dem Jahr 2017 passt, der bis heute nichts von seiner Gültigkeit verloren hat: „Mir ist es wichtig, dass wir im Triathlon eine Gemeinschaft herstellen und Gegeneinander vermeiden.“ Diesen Anspruch müsste Engelhardt nun auf den gesamten deutschen Sport übertragen. Entscheiden werden am 5. Dezember die Mitglieder.
„Wir haben Martin in all den Jahren als nahbaren Teamplayer erlebt, der für Transparenz und Integrität steht. Er hat den Verband auch in kritischen Situationen mit ruhiger Hand geführt und immer wieder als Einheit gestärkt.“
Burkhard Schmidt, Präsident des Nordrhein-Westfälischen Triathlonverbandes (NRWTV) und Sprecher der DTU-Landesverbände


















