Ein dramatisches Finale, eine überglückliche Siegerin und fünf völlig unterschiedliche Renngeschichten: Auf der Pressekonferenz nach der Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii sprechen die fünf Erstplatzierten über ihre schwierigsten Momente und die Lehren aus einem außergewöhnlichen Rennen.
„Ich bin geschockt.“ Taylor Knibb fehlen nach ihrem ersten Ironman-Weltmeistertitel zunächst die Worte. Die Amerikanerin sitzt mit Siegerkranz auf dem Podium und versucht noch immer zu begreifen, was wenige Stunden zuvor auf der Strecke passiert ist. Neben ihr blickt Laura Philipp auf eine Aufholjagd zurück, die ihr nicht nur die Silbermedaille, sondern auch den Gesamtsieg in der Ironman Pro Series eingebracht hat. Und Imogen Simmonds berichtet von einer beinahe lebensgefährlichen Begegnung mit dem Pazifik am Tag vor dem Rennen. Nach einer Weltmeisterschaft, die durch den späten Einbruch von Titelverteidigerin Solveig Løvseth und den erneuten Ausstieg von Lucy Charles-Barclay geprägt wurde, haben die fünf schnellsten Frauen von Kona einiges zu erzählen.
Taylor Knibb: „Die Insel wird immer gewinnen“
Taylor Knibb ist Ironman-Weltmeisterin. Doch selbst auf der Pressekonferenz fällt es der Amerikanerin schwer, ihren Triumph zu begreifen. „Ich glaube, ich brauche erst einmal ein besser funktionierendes Gehirn, das etwas mehr Energie hat. Und vielleicht ein bisschen Schlaf“, sagt die 28-Jährige. Dass sie überhaupt als Siegerin auf dem Podium sitzt, führt Knibb vor allem auf eine entscheidende Veränderung gegenüber dem Vorjahr zurück. 2025 hatte sie auf Hawaii kurz vor dem Ziel aufgeben müssen. Diesmal wollte sie die Warnsignale ihres Körpers ernst nehmen. Bei Kilometer 23 des Marathons, auf dem Weg ins Energy Lab, sei der entscheidende Moment gekommen. „Ich habe gemerkt, dass ich eine Entscheidung treffen muss. Ich musste auf mich aufpassen, um überhaupt ins Ziel zu kommen.“
Als Solveig Løvseth später zu ihr aufschloss und die Führung übernahm, konnte Knibb nicht reagieren. Stattdessen ging sie durch die Verpflegungsstellen, versorgte sich mit Flüssigkeit und konzentrierte sich darauf, das Rennen erst einmal ins Ziel zu bringen. Dass Løvseth kurz vor dem Ziel selbst zusammenbrach und Knibb dadurch doch noch Weltmeisterin wurde, beschäftigt die Amerikanerin. Sie könne aus eigener Erfahrung nachempfinden, was ihre Konkurrentin durchgemacht habe. Vor allem mache sie sich Gedanken um deren Gesundheit.
Laura Philipp: „Dieses Mal fühlt es sich mehr verdient an“
Mit Platz zwei in 8:39:34 Stunden komplettiert Laura Philipp ihre Sammlung an WM-Medaillen. Nach zwei dritten Plätzen auf Hawaii und dem Weltmeistertitel von Nizza 2024 bedeutet ihr die Silbermedaille besonders viel. Vor allem wegen der Art, wie sie zustande gekommen ist. Schon vor dem Start verlief nicht alles nach Plan. Beim Einschwimmen bekam Philipp einen Krampf in den Füßen. Im Rennen machte ihr anschließend der Wellengang zu schaffen. „Ich wurde richtig seekrank“, erzählt sie. Nach einer Schwimmzeit von 1:00:03 Stunden musste sie einen erheblichen Rückstand aufholen. Es folgten 180 Radkilometer, die sie praktisch vollständig allein absolvierte.
Umso größer war die Erleichterung beim Marathon. „Überraschenderweise habe ich mich beim Laufen richtig gut gefühlt.“ Nach mehreren schwierigen Erfahrungen auf Hawaii habe sie sich für dieses Jahr gewünscht, endlich einmal mit ihrer eigenen Leistung zufrieden sein zu können. Anders als im vergangenen Jahr, als sie sich trotz Podiumsplatz mit ihrer Leistung nicht wirklich zufrieden fühlte, sei diesmal das Gefühl geblieben, sich den Erfolg durch eine starke eigene Leistung erarbeitet zu haben. Zusätzlich gewinnt Philipp die Ironman Pro Series 2026. Ihre Entscheidung, in der zweiten Saisonhälfte mehrere Rennen zu absolvieren, sieht sie bestätigt. Auch der relativ kurzfristige Start beim Ironman Kalmar habe ihr nicht geschadet. „Man kann sich auch durch Wettkämpfe in Form bringen“, sagt Philipp.
Julie Derron: „Ich dachte, 26 Kilometer zu gehen, ist ziemlich weit“
Julie Derron hat bei ihrer ersten Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii den dritten Platz erreicht. Dass sie mit einer Zeit von 8:46:25 Stunden auf dem Podium stehen würde, war während des Rennens alles andere als absehbar. „Ich hatte einen echten Achterbahntag“, fasst die Schweizerin zusammen. Auf dem Rad erhielt Derron eine dreiminütige Zeitstrafe, weil sie sich nicht schnell genug zurückfallen lassen hatte. Noch schwieriger wurde es beim Marathon. Zwischenzeitlich war Derron so erschöpft, dass sie nur noch gehen konnte. „Doch dann dachte ich mir, dass 26 Kilometer doch etwas weit zum Gehen sind.“ Sie setzte sich deshalb ein kleines Ziel: Am nächsten Straßenpfosten wollte sie wieder anlaufen. Daraus wurde zwar erst der übernächste, doch anschließend fand sie tatsächlich zurück in ihren Laufrhythmus.
Erst rund 800 Meter vor dem Ziel rückte Derron schließlich auf den dritten Platz vor. Für die Olympiazweite von Paris war es der Abschluss einer Saison, auf die sie besonders stolz ist. Nach einem schwierigen Vorjahr und dem verpassten Hawaii-Start 2025 hatte sie hart daran gearbeitet, wieder in Bestform zu kommen. „Jetzt bei meinem ersten Versuch hier auf dem Podium zu stehen, macht mich unglaublich stolz.“ Besonders freut sie sich, dass ihre Eltern diesen Moment miterleben können.
Katrina Matthews: „Einfach einen Fuß vor den anderen setzen“
Katrina Matthews musste nach ihrem Zieleinlauf in 8:49:38 Stunden zunächst am Boden liegend verschnaufen. Sportlich war der Tag für Matthews ein Kampf. Nach einem schwierigen Radfahren lag sie weit hinter der Spitze zurück. Trotzdem arbeitete sie sich mit einem Marathon in 2:52:50 Stunden noch auf Rang vier nach vorn. An einen vorzeitigen Ausstieg habe sie dabei nie gedacht.
Ihre Strategie klingt denkbar einfach: „Einen Fuß vor den anderen setzen und sich auf die nächste Verpflegungsstelle freuen.“ Vor allem Eis und Wasser hätten den Rhythmus ihres Marathons bestimmt. Große emotionale Gedanken oder mentale Tricks brauche sie dafür nicht. Matthews liebt das Laufen und konzentriert sich dabei auf die Athletin vor ihr, ihre Körperhaltung und die Schrittfrequenz. „Was ich zum Abendessen esse, überlege ich mir eher auf dem Rad“, scherzt sie.
Imogen Simmonds: „Eine von euch wird Fünfte“
Für Imogen Simmonds fiel die Entscheidung um Platz fünf erst auf den letzten Kilometern. Die Schweizerin hatte bereits einen langen Tag hinter sich. Nach einem soliden Schwimmen war sie auf dem Rad zwischenzeitlich gemeinsam mit Julie Derron unterwegs gewesen, ehe sie den größten Teil der Strecke allein zurücklegte. Beim Marathon fand sie dagegen Gesellschaft. Rund 25 Kilometer lang lief Simmonds gemeinsam mit der Österreicherin Lisa Perterer. Dass andere Favoritinnen an ihnen vorbeizogen, machte die Situation nicht einfacher. Immerhin half es ihr, nicht allein mit den schwierigen Momenten umgehen zu müssen.
Weil sie bemerkt hatte, dass Perterer an Anstiegen größere Schwierigkeiten hatte, setzte sie genau dort ihre entscheidende Tempoverschärfung. „Ich dachte, wenn ich jetzt angreifen will, dann muss es hier sein.“ Sie blickte nicht mehr zurück und sicherte sich in 8:51:44 Stunden den fünften Platz. Dass Simmonds überhaupt so unbeschwert von ihrem Erlebnis auf Hawaii erzählen kann, ist bemerkenswert. Noch am Tag vor dem Rennen hatte sie beim Freiwasserschwimmen eine gefährliche Situation erlebt. Sie wollte entlang der Küste zu ihrer Unterkunft zurückschwimmen, geriet jedoch in starken Wellengang und wurde mehrfach unter Wasser gedrückt. Erst dabei sei ihr bewusst geworden, wie gefährlich das Meer sein könne.